Sonntag, 19. Juli 2015

Die Herrgottskirche in Creglingen

„Wallfahrtskirche“ an der Romantischen Straße

Friedhof

Einer Legende zufolge soll ein Bauer am 10. August 1384 beim Pflügen eine Hostie gefunden haben. Sowas wurde in der damaligen Zeit schonmal schnell als Wunder angesehen und war ein willkommener Anlass, am Fundort eine Kapelle zu errichten. 1389 wurde die von Konrad IV. von Hohenlohe-Brauneck gestiftete Kapelle von Graf Gerhard von Schwarzburg als Bischof von Würzburg (1372 – 1400) als anerkannter Wallfahrtsort geweiht. 1448 ging der gesamte Besitz der Herren von Brauneck an Albrecht Achilles von Brandenburg (Markgraf Albrecht I. von Ansbach und Kulmbach) über. Ende des 15. Jahrhunderts erteilte man dem Schnitzer und Bildhauer Tilman Riemenschneider aus Würzburg den Auftrag, einen Altaraufsatz für den über der Fundstelle der Hostie aufgestellten Steinaltar anzufertigen.

Herrgottskirche mit der so genannten Tetzelkanzel, auf der der Dominikanermönch Johannes Tetzel seine berühmten Ablasspredigten gehalten haben soll

Creglingen liegt in Baden-Württemberg, und wer einen Beweis für den sprichwörtlichen Geschäftssinn in diesem Bundesland sucht, findet ihn genau hier. Während alle Kirchen im Raum Würzburg im Bundesland Bayern frei zugäglich sind, verlangen die Protestanten in der Herrgottskirche Eintritt. Nicht genug damit, war bis vor einiger Zeit auch noch das Fotografieren in der Herrgottskirche gänzlich verboten, davon zeugt noch das Verbotsschild am Eingang zur Kirche, der leider mit einer automatisch öffnenden Glasschiebetür verschandelt ist. Obendrein werden dort auch nicht so betuchte Hobbyfotografen, die sich keine Vollformatkamera leisten können, und ältere Herrschaften mit Morbus Parkinson diskriminiert, derweil nur Freihandaufnahmen ohne Hilfsmittel (Blitzlicht, Stativ) erlaubt sind. Offensichtlich kann man also auf positive Mund-zu-Mund Propaganda verzichten, und nimmt diesbezügliche Kritik billigend in Kauf. Dann darf man sich aber auch nicht wundern, wenn Touristen auf direktem Wege von Würzburg nach Rothenburg ob der Tauber fahren und auf einen Besuch der Herrgottskirche verzichten.

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider

Tilman Riemenschneider hat den Marien-Altar vermutlich zwischen 1505 und 1510 im Anschluss an den Rothenburger Heilig-Blut-Altar ausgeführt. Dem Umstand, dass die Herrgottskirche während der Reformation geschlossen und der Marien-Altar nach ihrer Wiedereröffnung bis 1832 ebenfalls geschlossen war, ist zu verdanken, dass er in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb, nicht übermalt wurde und auch nicht stark nachgedunkelt ist. Damit wurde die Kirche zu einem „Wallfahrtsort“ für Touristen und Kunstliebhaber.

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Mittelschrein

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Marias Himmelfahrt im Mittelschrein

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Verkündigung des Herrn im linken Seitenflügel

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Mariä Heimsuchung im linken Seitenflügel

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Geburt Jesu im rechten Seitenflügel

Marien-Altar von Tilman Riemenschneider, Darstellung des Herrn im rechten Seitenflügel

Tilman Riemenschneider, mutmaßliches Selbstportrait in der Predella

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