Montag, 20. Juli 2015

Frankenfestspiele Röttingen: „Der geheime Garten“

„Der geheime Garten“ – nach dem Kinder- und Jugendroman „The Secret Garden“ von Frances Hodgson Burnett; Musik: Lucy Simon; Liedtexte, Buch: Marsha Norman; Deutsche Bearbeitung: Christian Gundlach; Regie: Sascha Oliver Bauer; Choreografie: Kathleen Bauer; Bühne: Helmut Mühlbacher; Kostüme: Agnes Hamvas; Lichtdesign: Gerd Meier; Sounddesign: Markus Kortschak; Musikalische Leitung: Walter Lochmann. Darsteller: Nataya Sam/Vera Herberich (Mary Lennox), Ethan Freeman (Archibald Craven, Marys Onkel), Kathleen Bauer (Lily Craven, Archibalds verstorbene Frau), Dennis Kozeluh (Dr. Neville Craven, Archibalds Bruder), Carin Filipčić (Martha, Dienstmädchen), Aris Sas (Dickon, Marthas Bruder), Niklas Röckert/Luis Schmidbauer (Colin Craven, Marys Cousin), Klaus Herdel (Ben Weatherstaff, Gärtner/Leutnant), Ann Mandrella (Mrs. Medlock, Archibalds Haushälterin), Anja Wendzel (Rose Lennox, Marys verstorbene Mutter), Nikko Forteza Rumpf (Albert Lennox, Marys verstorbener Vater), Esther Brönner, Antje Eckhoff, Jochen Frankl, Jeanette Geiger, Anja Höfling, Marion Mjartan, Nicolle Reissmann-Balling, Erika Weimer, Teresa Ziegler, Ulrike Ziegler, Sophie Zobel. Band: Christine Lochmann (Flöte, Saxophon), Haiko Heinz (Gitarre), Chriss Reiss (Bass-Gitarre), Alexander „Aggi“ Berger (Drums), Werner Goldbach (Keyboard), Walter Lochmann (Keyboard). Broadway-Premiere: 25. April 1991, St. James Theatre, New York City. West End Premiere: 27. Februar 2001, Aldwych Theatre, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 31. Dezember 1993, Stadttheater Pforzheim. Premiere der deutschen Fassung von Christian Gundlach: 26. Juni 2009, TfN – Theater für Niedersachsen, Gartentheater Herrenhausen, Hannover. Premiere: 16. Juli 2015, Frankenfestspiele Röttingen, Festspielbühne Burg Brattenstein.



„Der geheime Garten“


Das romantische Musical im Hof der Burg Brattenstein


Nach „Dracula“ (Premiere 27. Juni 2013) und „Der Graf von Monte Christo“ (Premiere 26. Juni 2014) von Frank Wildhorn (Musik) steht in diesem Jahr bei den Frankenfestspielen Röttingen unter der künstlerischen Leitung von Schauspieldirektor Sascha Oliver Bauer und Musikdirektor Walter Lochmann das Musical „Der geheime Garten“ von Lucy Simon (Musik) und Marsha Norman (Buch und Texte) auf dem Spielplan, eine Musicaladaption des erstmals 1911 veröffentlichten Kinder- und Jugendromans „The secret garden“ von Frances Hodgson Burnett. Der 1721 angelegte, von einer Mauer umgebene Garten von Great Maytham Hall in der englischen Grafschaft Kent hat Frances Hodgson Burnett, die von 1898 bis 1907 hier lebte, zu ihrem Roman inspiriert. Das Musical „The secret garden“ feierte am 25. April 1991 am St. James Theatre seine Broadway-Premiere und wurde dort bis 3. Januar 1993 in 709 Vorstellungen gezeigt. Es wurde 1991 mit drei Tony Awards für das beste Musicallibretto, das beste Bühnenbild (Heidi Landesman) und die beste Nebendarstellerin (Daisy Eagan) ausgezeichnet. Daisy Eagan (* 4. November 1979 in Brooklyn, New York City) war mit 11 Jahren die jüngste mit einem Tony Award für ihre Interpretation des Waisenmädchens Mary Lennox ausgezeichnete Darstellerin. Das Stadttheater Pforzheim zeigte am 31. Dezember 1993 die deutschsprachige Erstaufführung, das Musical zählt im deutschsprachigen Raum aber eher zu den selten gespielten Stücken. 2009 zeigte das TfN – Theater für Niedersachsen die von Christian Gundlach bearbeitete Fassung im Gartentheater Herrenhausen in Hannover.

Zum Inhalt:
Die elfjährige Mary Lennox, die seit ihrer Geburt in Indien lebt, hat durch eine Choleraepidemie ihre Eltern und ihre Amme verloren und wird daher zu ihrem mürrischen Onkel Archibald Craven auf dessen Gut Misselthwaite Manor nach Yorkshire geschickt, wo sie von der abweisenden Haushälterin Mrs. Medlock in Empfang genommen wird. Archibald, der noch immer seiner bei der Geburt seines Sohnes Colin unter dramatischen Umständen verstorbenen Frau Lily nachtrauert, weiß zwar nichts mit Mary Lennox anzufangen, sorgt aber als ihr Vormund dafür, dass es ihr an nichts fehlt, sein Hausmädchen Martha soll sich um sie kümmern. Misselthwaite Manor scheint jedoch verflucht zu sein, in dem Anwesen am Rande des Moors sind immer wieder geheimnisvolle Stimmen zu hören. Archibalds Bruder Dr. Neville Craven, der sich um Gut Misselthwaite Manor kümmert, verhält sich ebenfalls merkwürdig, noch immer hat er nicht verwunden, dass die wunderschöne Lily den buckeligen Archibald ihm vorgezogen hatte, und versucht nun – wie sich im Laufe der Handlung herausstellt – auf unlautere Art, das Anwesen in seinen Besitz zu bringen. Martha ermutigt Mary Lennox, draußen zu spielen, wo sie zusammen mit Marthas Bruder Dickon einen geheimnisvollen Garten entdeckt, der seit dem Tode von Lily nicht mehr betreten werden durfte, da er Archibald als Lilys Lieblingsort zu sehr an seine verstorbene Frau erinnert. Neville würde das neugierige Mädchen lieber in ein Internat schicken, kann sich aber mit seinem Vorhaben nicht gegen seinen Bruder Archibald durchsetzen. In einer stürmischen Nacht findet Mary in einem entlegenen Teil des Hauses ihren Cousin Colin, der davon überzeugt ist, wie sein Vater ebenfalls einen Buckel zu bekommen und bald sterben zu müssen. Nach anfänglichem Streit freunden sich Mary Lennox und Colin an, und Colin gewinnt mit der Zeit Selbstvertrauen und neuen Lebensmut. Da sich Archibald durch Mary zu sehr an seine verstorbene Frau erinnert fühlt, reist er ohne sich zu verabschieden nach Paris. Mary arbeitet unterdessen jeden Tag gemeinsam mit Dickon in dem geheimen Garten, um das verwahrloste Stück Land wieder in einen blühenden Ort zu verwandeln. Heimlich bringen sie Colin im Rollstuhl zum Lieblingsort seiner Mutter, der scheinbar magische Kräfte hat, denn dort gelingt es Colin, zu Kräften zu kommen und selbständig einige Schritte zu gehen. Neville hat in der Zwischenzeit ein Internat für Mary gefunden, daher schreibt sie in ihrer Verzweiflung ihrem Onkel Archibald einen Brief, der daraufhin tatsächlich nach Yorkshire zurückkehrt und zu seiner Verwunderung Colin bei bester Gesundheit vorfindet.

Das Musical „Der geheime Garten“ hebt sich deutlich vom aktuellen „Mainstream“ ab und zeigt, wie die Kräfte der Natur und der Liebe sowie Glaube und positives Denken Krankheiten besiegen und das eigene Schicksal beeinflussen können. Regisseur Sascha Oliver Bauer hat die emotionale Geschichte im Hof der Burg Brattenstein inszeniert, wobei auch die Zehntscheune bespielt wird. Bühnenbildner Helmut Mühlbacher, der seit 1994 für die Festspiele Röttingen tätig ist, hat für „Der geheime Garten“ ein Bühnenbild geschaffen, dass mit unzähligen Holzkisten das große Herrenhaus in Yorkshire symbolisiert, wobei mit Hilfe einer Drehbühne die einzelnen Zimmer im Haus für den Zuschauer sichtbar werden. Ein Hubpodium im vorderen Bereich der Bühne dient als Auf- und Abtrittsmöglichkeit für die „Dreamer“, eine Gruppe von Geistern aus der Vergangenheit, die für die verstorbenen Angehörigen stehen, die zum Ende, als die lebenden Familienangehörigen glücklich vereint sind, einer nach dem anderen abgehen, da sie nun nicht mehr gebraucht werden. Die aus Ungarn stammende Designerin Agnes Hamvas zeichnet für die passenden Kostüme verantwortlich, Durch den Einsatz von LED Scheinwerfern (Lichtdesign Gerd Meier) werden insbesondere im zweiten Teil bei zunehmender Dunkelheit atmosphärische Stimmungsbilder kreiert. In einem seitlich vom Burghof angeordneten Orchesterraum bringt die bewährte sechsköpfige Festspiel-Band (Alexander „Aggi“ Berger (Drums), Werner Goldbach (Keyboard), Haiko Heinz (Gitarre), Christine Lochmann (Flöte, Saxophon), Walter Lochmann (Klavier, Keyboard), Chris Reiss (Bass-Gitarre)) unter der musikalischen Leitung von Walter Lochmann Lucy Simons eingängige Partitur zu Gehör, wobei Walter Lochmann die Arrangements an die vorliegenden Verhältnisse angepasst hat.

Auch in diesem Jahr konnte sich das Publikum in Röttingen auf einige bekannte Gesichter aus den Vorjahren (Kathleen Bauer, Dennis Kozeluh, Ann Mandrella) freuen, viele namhafte Musicaldarsteller erstmals im Hof der Burg Brattenstein begrüßen, und vor allem, die Frankenfestspiele Röttingen sind fest in „Wiener Hand“, wen wundert’s… Umsichtig erwies sich die Entscheidung, die beiden Kinderrollen auch tatsächlich mit jugendlichen Darstellern zu besetzen, aufgrund der gesetzlichen Vorgaben sind Mary Lennox und Colin Craven jeweils doppelt besetzt. Nataya Sam (* 26. September 1998 in Wien) nimmt seit 2014 Gesangs- und Schauspielunterricht und kann bei der Premiere in der Hauptrolle der Mary Lennox sowohl gesanglich als auch schauspielerisch ihr Talent unter Beweis stellen. Mit kindlicher Neugier erforscht sie die Geheimnisse des großen Herrenhauses und kann mit ihrer Leidenschaft schließlich Colin und auch Archibald Craven positiv beeinflussen. Niklas Röckert (* 25. Dezember 2000 in Bad Mergentheim) wird sicher im Laufe der Folgevorstellungen als Colin Craven ebenfalls an Routine gewinnen, bei der Premiere waren durchaus noch Unsicherheiten zu erkennen. Ethan Freeman überzeugt als mürrischer, zutiefst unglücklich zurückgezogen lebender Archibald Craven, der vor 10 Jahren unter tragischen Umständen seine geliebte Frau Lily verloren hat, der Kathleen Bauer mit klarem Sopran eindrucksvoll Gehör verschafft. Dennis Kozeluh kommt als Dr. Neville Craven die Rolle des Antagonisten zu, ungeachtet dessen weiß er aber im Duett „Lilys Augen“ mit Ethan Freeman zu überzeugen. Carin Filipčić entspricht optisch zwar nicht der Rollenbeschreibung des 20-jährigen, jungen Dienstmädchens Martha, was durch eine ergraute Frisur noch verstärkt wird, aber durch ihre Warmherzigkeit kann sie schnell das Herz und die Zuneigung der bei ihrer Ankunft völlig verstörten Mary Lennox gewinnen. Aris Sas (39) geht sogar knapp 18 Jahre nach seinem Durchbruch als Alfred in „Tanz der Vampire“ (Uraufführung 4. Oktober 1997, Raimund Theater, Wien) noch ohne Schwierigkeiten als Marthas jüngerer, naturverbundener Bruder Dickon durch, der mit den Tieren spricht und dies auch Mary Lennox beibringt. Ann Mandrella spielt die kaltherzige Haushälterin Mrs. Medlock im Business-Look derartig glaubhaft, dass es einem an diesem warmen Sommerabend beinahe fröstelte. Klaus Herdel bringt in der Rolle des Gärtners Ben Weatherstaff in feinstem Dialekt – Schwäbisch oder Kurpfälzisch stehen zur Disposition, da waren sich selbst die Einheimischen nicht einig – Licht in das dunkle Geheimnis des geheimen Gartens.

Am Ende der zweieinhalbstündigen Vorstellung bedachte das Premierenpublikum sowohl Darsteller als auch Kreative mit warmherzigem Applaus. „Der geheime Garten“ steht noch bis zum 16. August 2015 mit insgesamt 12 Vorstellungen auf dem Spielplan der Frankenfestspiele Röttingen. Für das kommende Jahr ist das Musical „Sunset Boulevard“ von Andrew Lloyd Webber (Musik), Don Black und Christopher Hampton (Buch, Liedtexte) angekündigt.

Bedauerlicherweise wurden von den Frankenfestspielen keine Produktionsfotos zur Verfügung gestellt, die an dieser Stelle gezeigt werden dürften.

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