Freitag, 19. Juni 2015

LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller

Tuchherstellung wie vor einhundert Jahren, live und in Farbe

Fabrikhof der Tuchfabrik – mit dem 1801 als Papiermühle erbauten Hauptgebäude

1894 hatte der Tuchfabrikant Ludwig Müller das Fabrikgelände mit der 1801 erbauten Papiemühle in Euskirchen-Kuchenheim erworben und stattete seine Fabrik in den kommenden Jahren mit einem neuen Maschinenpark aus, der allerdings später kaum noch erneuert wurde. So scheiterte der Versuch einer Elektrifizierung in den 1920er-Jahren, so dass die Maschinen bis zum Schluss über die Dampfmaschine und die Wellen und Riemen der Transmission angetrieben wurden. Als sich 1961 die Geschäfte der seit 1894 bestehenden Fabrik verschlechterten, verriegelte Kurt Müller, der die Fabrik 1929 von seinem Vater übernommen hatte, einfach die Tore und ließ die Produktionsstätte stehen – in der Hoffnung, sie irgendwann wieder in Betrieb nehmen zu können. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Fast dreißig Jahre schlummerte sie im Dornröschenschlaf, 1988 übernahm das LVR-Industriemuseum die ehemalige Tuchfabrik Müller. Den Fachleuten bot sich dabei ein Anblick, der Herausforderungen versprach: kaputte Dächer, rostende Maschinen, Spinnweben, Efeu und der Staub von Jahrzehnten. Der einzigartige Gesamteindruck von Gebäuden, Maschinen und vielen tausend Inventarteilen sollte keine Beeinträchtigung erfahren. Trotzdem mussten die Gebäude für die modernen Anforderungen eines Museums hergerichtet werden. Sensibel und liebevoll restauriert präsentiert sich die Tuchfabrik seit dem Jahr 2000 wieder im „gepflegten Gebrauchszustand“ den Besucherinnen und Besuchern und fasziniert durch ihre authentische Atmosphäre.

Wolferei, Krempelwolf, Hersteller Maschinenfabrik Oscar Schimmel & Co. AG, Chemnitz, 1898

Der Rundgang durch die alte Produktionsstätte versetzt in Staunen. Denn alles blieb unverändert: An der Wand hängt ein Abreißkalender mit dem Datum des Tages, als die Maschinen der Fabrik stehenblieben und die Tore geschlossen wurden. An der Tür der Färberei erkennt man noch heute die Kreideschrift von Ludwig Müller, der vor über 40 Jahren ein Rezept für eine Färbelösung daran schrieb. Zigaretten­schachteln, ein alter Kaffeepott, haufenweise handgeschriebene Zettel. Alle Dinge vermitteln den Eindruck des letzten Arbeitstags.

Wolferei, Krempelsatz

Der Schauplatz Euskirchen des LVR-Industriemuseums ist ein außergewöhnlicher Ort. Er vermittelt den Eindruck, als ob die Geschichte „selbst“ das Museum eingerichtet habe: Die Maschinen und Werkzeuge, die großen und kleinen Dinge sind da, wo sie schon immer hingehörten. Filme, kleine Installationen und Modelle unterstützen das Erlebnis der Fabrikwelt und erzählen von der Arbeit, von Hitze und Dampf in der Färberei, vom faszinierenden Mechanismus der Transmission mit ihren zahllosen Rädern und Rädchen. Kurze Auszüge aus Interviews mit den ehemaligen Beschäftigten lassen deren Erfahrungen und Gefühle wieder lebendig werden.

Färberei

Die Tuchfabrik Müller ist – mit Ausnahme der Ausstellungsbereiche Kontor, Tuch- und Farblager sowie die Ausstellungen „Tuchindustrie im Rheinland“ „Geschichte der Familie Müller“ im ehemaligen Wohnhaus – nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen, das Führungsentgelt ist im Eintrittspreis enthalten. Im Laufe einer Führung werden folgende Bereiche durch erfahrene Museumstechniker, zumeist gelernte Fachkräfte aus dem Textilgewerbe, im Vorführbetrieb demonstriert:
  • Wolferei: Krempelwolf
  • Krempelei: Dreikrempelsatz
  • Spinnerei: Spinnmaschine/Selfaktor
  • Weberei: Webstuhl
  • Maschinen- und Kesselhaus: Dampfmaschine (nur am „Dampfsonntag“)
Bei der Vorführung der Weberei, bei der lediglich einer von 16 Webstühlen vorgeführt wird, bekommt man eine gute Vorstellung davon, welchem Höllenlärm (bis zu 100 dB) die Weber zu Betriebszeiten der Tuchfabrik Müller ausgesetzt waren: Zum Schluss waren acht der 16 Webstühle gleichzeitig in Betrieb. Wenn die Maschinen wieder stillstehen und man sein eigenes Wort wieder verstehen kann, kann man den Museumstechnikern auch „ein Loch in den Bauch fragen“.

Arbeitsanweisung, vermutlich zum Färben eines Trickotstoffes für die Polizei

Nassappretur, Wäscherei

Krempelei/Vorgarnherstellung, Dreikrempelsatz (Detail), Hersteller C. E. Schwalbe, Werdau, 1913

Spinnerei, Spinnmaschine/Selfaktor, Hersteller Maschinenfabrik Oscar Schimmel & Co. AG, Chemnitz, 1897

Weberei

Weberei, Herstellung von Wolldecken

Webereivorbereitung, Zwirnerei

Maschinen- und Kesselhaus: Die Dampfmaschine aus dem Jahr 1903 (Hersteller Maschinenfabrik Otto Recke in Rheydt, Maschinen № 412) trieb bis 1961 alle Maschinen an. Einmal im Monat – am „Dampfsonntag“ – ist sie in vollem Betrieb zu bewundern.

Maschinen- und Kesselhaus: Die Dampfmaschine aus dem Jahr 1903 (Hersteller Maschinenfabrik Otto Recke in Rheydt, Maschinen № 412) trieb bis 1961 alle Maschinen an. Einmal im Monat – am „Dampfsonntag“ – ist sie in vollem Betrieb zu bewundern.

Maschinen- und Kesselhaus: Zweiflammrohrkessel, Hersteller Dampfkesselwerke „Jacques Piedboeuf GmbH“, Aachen, 1907

Ersatzteillager und Firmenarchiv

Kleine Farbkammer

Lager

Tuchlager mit Musterschneidemaschine „Brigitta“, um 1900

Blechdose Globol-Mottenmittel

Webschiffchen für mechanische Webstühle, um 1950. Greiferkopf einer Greiferwebmaschine und Projektile mit Führungsschiene für eine Projektilwebmaschine, Firma Sulzer Rüti, 1997. Stafettendüse einer Luftwebmaschine der Firma Dornier, 1997.

Das LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen-Kuchenheim ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Die Tuchfabrik ist nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen, die für Individualbesucher und kleine Gruppen (bis neun Personen) dienstags bis samstags um 11, 14 und 15.30 Uhr und sonntags um von 11 bis 16 Uhr zu jeder vollen Stunde stattfinden. Die nächsten „Dampfsonntage“ sind am 12. Juli und 9. August 2015. Der Eintrittspreis (inkl. öffentlicher Führung) beträgt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Vom 21. Juni bis 20. Dezember 2015 wird die Sonderausstellung „Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“ gezeigt, eine Kombikarte zum gleichzeitigen Besuch der Sonderausstellung ist für 8,50 Euro zu haben. Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de. Das LVR-Industrie­museum Tuchfabrik Müller ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2015 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt in die Dauerausstellung. Gilt nicht bei Sonderveranstaltungen und Sonderausstellungen. Die Anreise aus dem Ruhrgebiet ist zwar zugegebenermaßen recht weit, aber der Besuch lohnt sich.

Wollsiegel und Collage aus Einnähetiketten

Das Museumsgästehaus Mottenburg ist für Schulklassen und Jugendgruppen ein ganz besonderer außerschulischer Lernort. Während des erlebnisreichen drei- bis fünftägigen Aufenthalts lernen sie nicht nur die Tuchfabrik kennen, sondern auch wie in vorindustrieller Zeit Tuche hergestellt wurden. Durch eigenes Spinnen, Weben usw. erfahren sie anschaulich, wie viel Arbeit in unserer Kleidung steckt.

Burgturm der einstigen Wehranlange „Obere Burg“

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