Sonntag, 7. Juni 2015

„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“

„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“ von Heinrich Huber und Jürgen Uter; Inszenierung und musikalische Arrangements: Heinrich Huber; Choreographie: Tina Podstawa; Ausstattung: Katja Struck; Dramaturgie: Christian Scholze; Musikalische Leitung: Tankred Schleinschock. Solisten: Stefanie Kirsten (Irma „Spange“ Albertz), Dominik Freiberger (Giovanni „Wanni“ Koselowsky), Daniel Printz (Manni, der Schrauber), Thomas Zimmer (Ansgar Treudel), Tina Podstawa (Madame Lucinda), Samira Hempel (Die süße Rosie). Lippe-Saiten-Orchester: Tankred Schleinschock (Klavier), Jürgen Knautz (Bass), Rudi Marhold (Schlagzeug), Claus Michael Siodmok (Gitarre), Guido Wellers (Trompete), Stephan Schulze (Posaune), Klaus Dapper (Tenorsaxophon, Flöte), Sven Hoffmann (Altsaxophon, Klarinette), Markus Paßlick (Percussion). Premiere: 4. Juni 2015, BergArena, Halde Haniel, Bottrop.



„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“


Premiere in der BergArena auf der Halde Haniel


„Totems“ vom baskischen Maler und Bildhauer Agustín Ibarrola

Die BergArena auf der Halde Haniel in Bottrop – eine Bergehalde der aktiven Steinkohlezeche Prosper-Haniel – wurde 1999 für rund 800 Zuschauer errichtet. Von der 184,9 Meter über NN hohen Halde reicht der Blick bei gutem Wetter über Bottrop, Oberhausen, das westliche Ruhrgebiet und sogar bis zu den Ausläufern des Münsterlandes. 2002 hat der baskische Maler und Bildhauer Agustín Ibarrola aus über einhundert bunt gestalteten Eisenbahnschwellen die Installation „Totems“ geschaffen. Veranstaltungen in der BergArena sind längst Kult, im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 fand hier eine Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Oper „Aida“ unter der künstlerischen Leitung des Bottroper Regisseurs Thomas Grandoch statt. Die BergArena ist dieses Jahr ebenfalls Spielstätte der vom Kulturamt der Stadt Bottrop veranstalteten Aufführungen der „Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“ des Westfälischen Landestheaters. Am Donnerstag wurde bei bestem Wetter Premiere gefeiert.

BergArena auf der Halde Haniel

Fast jeder kennt die 1908 von Rudolf Hoinkis in Görlitz erfundenen Liebesperlen, in verschiedensten Farben gefärbte Dragées aus Zucker, die typischerweise in Babyflaschen angeboten werden, auf Jahrmärkten aber häufig auch in anderen Verpackungen verkauft werden. Doch so alt sind die musikalischen „Liebesperlen“ noch gar nicht, wie der Website der Liebesperlen GbR zu entnehmen ist. Angefangen hat danach alles am Dortmunder Schauspielhaus beim Theaterfest 1988, als Heinz Huber und Jürgen Uter „was Nettes für die Leute“ als Rausschmeißer bieten wollten, die Leute sich aber nicht rausschmeißen ließen. Das Szenario wiederholte sich beim Theaterfest 1989, und schließlich feierten die „Liebesperlen“ als abendfüllende Schlagerrevue am 31. Dezember 1989 Premiere am Dortmunder Schauspielhaus. Nach 25 Jahren ging am 31. Dezember 2014 die vorläufig letzte Vorstellung im Heinz-Hilpert-Theater Lünen über die Bühne, bevor das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre nunmehr in einer Neuauflage zunächst als luftig-leichte Sommer-Unterhaltung auf die Reise schickt.

„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“, v. l. n. r.: Thomas Zimmer, Tina Podstawa, Daniel Printz, Samira Hempel, Dominik Freiberger und Stefanie Kirsten; Foto: Volker Beushausen

Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, würde bei einer musikalischen Revue wohl auch niemand erwarten, eher so etwas wie einen roten Faden, der aber teilweise lediglich als Stichwortgeber für die nächsten Songs fungiert. Und zwar die Cranger Kirmes, eines der größten Volksfeste in Deutschland, auf der Stefanie Kirsten als Irma Albertz – die „Spange von Crange“ – ihr Fahrgeschäft betreibt, eine „Raupe“ (Berg- und Talbahn mit Stoffverdeck). Daniel Printz alias Manni, der Schrauber, bringt als neuer Mitreisender die Raupe auf Vordermann und die Gefühle der Chefin in Wallung, woraufhin sie Giovanni „Wanni“ Koselowsky (Dominik Freiberger) links liegen lässt. Thomas Zimmer kündigt sich als Ansgar Treudel, der Mann vom TÜV, zur Abnahme der „Raupe“ an, lässt sich aber ebenfalls von ihrer Betreiberin um den kleinen Finger wickeln. Tina Podstawa macht als Wahrsagerin Madame Lucinda auch im Song „Mr. Bojangles“ des amerikanischen Country-Sängers und Songwriters Jerry Jeff Walker eine gute Figur, mit dem bereits Sammy Davis Jr. dem berühmten amerikanischen Tänzer Bill „Bojangles“ Robinson seine Reverenz erwiesen hat. Das Pfeifen überlässt sich allerdings lieber Giovanni. Und dann ist da noch Samira Hempel als die süße Rosie, die „’nen Cowboy als Mann“ will. Aus diesem roten Faden entwickeln sich diverse Medleys und Themenblöcke wie das Rock’n’Roll-Medley, mit dem das Publikum zu Beginn der Show abgeholt wird, oder der Beatles-Block, bei dem die Darsteller Fantasie-Uniformen wie die Beatles auf dem Cover ihres achten Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ tragen (Ausstattung: Katja Stuck), oder die musikalische Weltreise, die als Running Gag von Tankred Schleinschock am Keyboard immer wieder beim „Theme from New York, New York“ endet, oder die Shantys und Seemannslieder, oder… Da ist für jeden mit einem Faible für die Songs der 50er, 60er und 70er Jahre das Passende dabei. Auch die neunköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Tankred Schleinschock lässt an diesem Abend keine Wünsche offen.

„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“, v. l. n. r.: Thomas Zimmer, Samira Hempel, Dominik Freiberger, Stefanie Kirsten, Daniel Printz und Tina Podstawa; Foto: Volker Beushausen

Im Publikum ist die Gruppe der Best Ager besonders stark repräsentiert, die zweifellos zur bevorzugten Zielgruppe der Hörfunkwelle WDR 4 zu rechnen sind und denen die Songs aus ihrer eigenen Jugend offensichtlich bestens vertraut sind, jedenfalls würde ich vermehrtes Rudelmitsingen und Schunkeln zu Songs wie „That’s Amore“ in diese Richtung deuten. Am Ende sind auch in Bottrop alle von der Schlager-Sause mit Kultstatus begeistert und lassen die Akteure nicht ohne die beiden Zugaben „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (Drafi Deutscher) und „Thank You for the Music“ (ABBA) von der Bühne gehen.

„Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“ ist noch bis 9. Juni 2015 in der BergArena auf der Halde Haniel zu erleben, vom 19. bis 21. Juni 2015 auf dem Altstadtmarktplatz in Castrop-Rauxel, und am 7. Juli 2015 im Rosengärtchen in Wetzlar.

Schachtanlage Franz Haniel

Haben Sie selbst „Liebesperlen – Die musikalische Revue der 50er, 60er und 70er Jahre“ in der Neuauflage des Westfälischen Landestheaters schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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