Samstag, 13. Juni 2015

Glockenguss bei Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher

Heute muss die Glocke werden

Seit dem 9. Jahrhundert wurden Kirchenglocken überwiegend mittels Bronzeguss hergestellt. In der Anfangszeit der Glockengießerei waren die Gießer Wanderhandwerker, da die Glocken meist vor Ort an ihrer Kirche gegossen wurden. Die Anfänge von Petit & Gebr. Edelbrock reichen zurück bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Lothringen. 1660 ist das früheste belegbare, auf das Gießerei­geschlecht Petit weisende Datum. Als Gründungsjahr gibt Petit & Gebr. Edelbrock das Jahr 1690 an, das Geburtsjahr von Joseph Petit, womit der Betrieb in diesem Jahr auf 325 Jahre Glocken­gießer­tradition zurückblicken kann. Am 19. Februar 1806 ließ sich Alexius Baptizatus Petit d. J. (* 25. September 1765 in Someren, † 25. November 1842 in Gescher) endgültig in Gescher nieder und errichtete an der Hofstraße eine größere Dammgrube und einen neuen Schmelzofen mit einem Fassungsvermögen von 5000 kg, nachdem sein Vater Alexius Petit d. Ä. bereits am 7. März 1787 mit der Gemeinde­ver­tretung von Gescher einen Vertrag über den Umguss einer Glocke für St. Pankratius abgeschlossen hatte.

Glocke vor der Glocken- und Kunstgussmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in der Hauptstraße 5, Gescher

Das 18 Glocken umfassende Glockenspiel am Bürogebäude der Glocken- und Kunstgussmanufaktur spielt zu regelmäßigen Zeiten, angemeldete Gruppen können sich aus einem Repertoire von 27 Liedern auch Melodien wünschen.

Glockenspiel am Bürogebäude in der Hauptstraße 5, Gescher

Glocken- und Kunstgussmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher

rauchende Schornsteine am 12. Juni 2015

Glocke

Geläut

Läutemaschine

Glocken- und Kunstgussmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock

Glocke

„Lied von der Glocke“ von Friedrich Schiller

Schreinerei

Neben Bronzeglocken bietet Petit & Gebr. Edelbrock auch begleitende Produkte rund um den Kirchturm wie Glockenstühle, Schalljalousien, Joche, Klöppel u. a. an, die teilweise in den eigenen Werkstätten gefertigt werden. Was andernorts längst als Ausstellungsstück im Museum gelandet ist, kommt hier bei der Arbeit immer noch zum Einsatz, beispielsweise die Bandsäge in der Schreinerei.

Bandsäge in der Schreinerei

Lehmformverfahren, „falsche Glocke“ und „Mantel“

Die meisten Gießereien, so auch die Glockenmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher, verwenden nach wie vor das traditionelle Lehmformverfahren, das im 12. Jahrhundert entwickelt und von Friedrich Schiller in seinem bekannten, 1799 veröffentlichten „Lied von der Glocke“ beschrieben wurde. Von der aus Lehm gebrannten Form, die fest gemauert in der Erden (der Gussgrube) steht, ist natürlich beim bevorstehenden Glockenguss nichts mehr zu sehen, denn die Gussgrube ist mit Erde gefüllt, damit die Mantelformen den Druck der Schmelze beim Glockenguss aushalten. Am 12. Juni 2015 befanden sich lediglich vier Formen in der Gussgrube, in die je nach Größe der Glocken bis zu 32 Formen passen. Der Schmelzofen hat ein Fassungsvermögen von 13.000 kg. Zwei Glocken (1700 kg, Nominal d’ und 1000 kg, Nominal f’) sind für die evangelisch-lutherische Maria-Magdalenen-Kirchengemeinde in Wildemann (Niedersachsen) bestimmt, eine (670 kg, Nominal g’) für die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Hochheim am Main (Hessen) sowie eine weitere (310 kg, Nominal h’) für die katholische Kirchengemeinde Herz-Jesu in Westerstede (Niedersachsen). Aus allen drei Gemeinden waren Gäste in Reisebussen nach Gescher angereist, um den Guss „ihrer“ Glocke hautnah mitzuerleben.

Lehmvorbereitung

Schmelzofen und für den Glockenguss vorbereitete Gussgrube

Jesus von Nazareth soll um die „neunte Stunde“ (etwa 15 Uhr nachmittags) gestorben sein, daher werden Glocken traditionell am Freitagnachmittag um 15 Uhr gegossen. Betriebs­wirt­schaftliche Gründe sind natürlich auch nicht von der Hand zu weisen, denn das Abkühlen der Bronze in den Formen dauert mehrere Tage. Schon Stunden vor dem Glockenguss muss der Schmelzofen aufgeheizt werden und mit der so genannten Glockenspeise beschickt werden, um die Metallschmelze, bestehend aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn, auf die erforderliche Temperatur von etwa 1100 °C zu erhitzen.

Die offenen Rinnen, die das flüssige Metall zu den Gusslöchern der einzelnen Formen leiten werden, werden mit Kohle vorgeheizt

vorgeheizter Schmelzofen

Messung der Temperatur der Metallschmelze

Umrühren der flüssigen Glockenspeise mit einer Erlenstange. Durch das Umrühren verteilt sich das Zinn gleichmäßig in der gesamten Schmelze.

Vor Beginn des Glockengusses wird traditionell gebetet (Doch bevor wir’s lassen rinnen, betet einen frommen Spruch!), schaden kann es zumindest nicht.

„Doch der Segen kommt von oben“: Carl Trenkamp, Markus Schmidt und Michael Henheik

letzte Vorbereitungen für den Glockenguss

Der Zapfen, der den Schmelzofen verschließt, wird nach innen ausgestoßen

Nachdem der Zapfen, der den Schmelzofen verschließt, nach innen ausgestoßen wurde, fließt die Metallschmelze durch die offenen Rinnen dem Gefälle folgend zu den Eingusslöchern der Glockenformen, die auf Anweisung des Meisters geöffnet werden. Während sich die Form füllt, entweichen Gase und Luft durch die Windpfeifen, so dass die Form vollständig ausgefüllt werden kann.

Die Form füllt sich, Gase und Luft entströmen den Windpfeifen

Die Form füllt sich, Gase und Luft entströmen den Windpfeifen

Die nächste Form füllt sich, Gase und Luft entströmen den Windpfeifen

Die Form ist vollständig gefüllt

„Soll das Werk den Meister loben“, Hans-Göran Werner Leonhard Hüesker zeigt sich nach erfolgtem Glockenguss zufrieden

Die flüssige Bronze wird mit Kohle abgedeckt, um die Temperatur zu halten

Gussgrube und Schmelzofen nach erfolgtem Glockenguss

Öffnung des Schmelzofen, durch die das flüssige Metall in die offenen Rinnen geflossen ist

Kunstguss, Modell der Bremer Stadtmusikanten

Seit 1906 betreibt Petit & Gebr. Edelbrock auch eine Kunstguss-Manufaktur, wobei in Bronze, Messing und Aluminium gegossen wird. Wer hätte gedacht, dass der Wiener Stephansdom als Modell des Bildhauers Walter Hutz im Maßstab 1:100 vor dem Wiener Wahrzeichen bei Petit & Gebr. Edelbrock in Gescher gegossen wurde.

Kunstguss, Katze

Kunstguss, patinierte Eulen

Kunstguss

Modell des Stephansdoms in Wien

Die Glocken- und Kunstgussmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock bietet für Gruppen ab 10 Personen auch Betriebsführungen nach vorheriger Vereinbarung an. Einzelpersonen können sich den „offenen Führungen“ jeden Dienstag und Donnerstag um 15.00 Uhr anschließen.


Montag, 29. Juni 2015

Wie der Geschäftsleiter der Glocken- und Kunstguss­manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock mit beigefügtem Foto mitgeteilt hat, ist der Glockenguss am 12. Juni 2015 exzellent gelungen. Die drei Gemeinden können sich dementsprechend in nächster Zeit am Klang ihrer neuen Glocken erfreuen.

Die vier am 12. Juni 2015 gegossenen Glocken; © Glocken- und Kunstgussmanufaktur Petit & Gebr. Edelbrock

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