Mittwoch, 17. Juni 2015

Die „Nehalennia“ auf großer Fahrt

Jungfernfernfahrt des rekonstruierten Plattbodenschiffes auf der Lippe in Dorsten

Nehalennia, Lastkahn aus Xanten-Wardt, um 100 nach Christus

Im LVR-Archäologischen Park Xanten entstand 2014 der Nachbau eines römischen Plattbodenschiffes aus der Zeit um 100 nach Christus. Das antike Original wurde im Sommer 1991 bei Auskiesungen in einem verlandeten Rheinarm bei Xanten-Wardt geborgen und ist nach seiner Konservierung als eines der spektakulärsten Exponate im LVR-RömerMuseum ausgestellt. In einem Hallenzelt neben dem LVR-RömerMuseum wurde die „Nehalennia“ von Februar bis November 2014 unter der Leitung des auf historischen Bootsbau spezialisierten Schiffsbaumeisters Kees Sars gemeinsam mit Praktikanten verschiedener Bildungseinrichtungen originalgetreu aus Eichenholz rekonstruiert. Im Mai 2015 erfolgte schließlich die so genannte Kalfaterung (Abdichtung) des Schiffsrumpfes mit Hanftau und Kalfaternägelchen.

„Nehalennia“, vollständiger Nachbau eines römischen Lastkahns in der Schiffswerft

Abdichtung der Plankennähte auf der Unterseite des Schiffsbodens (Kalfaterung)

Die „Nehalennia“ auf der Lippe

Bei der Jungfernfahrt am 17. Juni 2015 auf der Lippe in Dorsten wurden sowohl die Schwimmfähigkeit der Rekonstruktion experimentell getestet als auch das Handling des Plattbodenschiffes erforscht, das nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen als Fähre eingesetzt worden ist. Der Rhein fließt in seinem heutigen Zustand zu schnell und ist außerdem zu stark befahren. Die Seen bei Xanten haben keine Strömung und sind zum Staken zu tief. Daher fand das Experiment mit der „Nehalennia“ auf der Lippe im Bereich der Lippefähre „Baldur“ statt, die mit ihrer Strömung und der Wassertiefe das ideale Gewässer für die Testfahrt war. Bereits die Römer befuhren mit vergleichbaren Schiffen die Lippe.

Die „Nehalennia“ auf der Lippe

Nach den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt es sich bei der „Nehalennia“ um eine so genannte Gierseilfähre. Mit Gieren wird das Halten des Kurses sowie das Drehen und Wenden des Schiffes in der Strömung des Flusses bezeichnet. An dem in Xanten-Ward geborgenen Original lässt sich ablesen, dass dieser Schiffstyp auch dazu geeignet war, Wagen mit Tieren über den Fluss zu setzen. Doch es gibt keine Schriftquellen, die Aussagen dazu treffen, wie viele Personen zum Steuern eines solchen Schiffes benötigt wurden. Informationen liefern lediglich bildliche Darstellungen, die jedoch mutmaßlich künstlerischer Freiheit unterliegen.

Die „Nehalennia“ auf der Lippe

Bei der Testfahrt wurden unterschiedliche Techniken ausprobiert. Zum Gieren wurde die „Nehalennia“ in der Mitte der Lippe verankert. Am Anker ist ein langes Seil befestigt, das sich wiederum in zwei Seile aufteilt, die an den Dollen (Ruderlager) vorne und hinten am Schiff befestigt werden. Durch die Strömung und das Verkürzen bzw. Verlängern der Seile dreht sich das Schiff zum anderen Ufer. Schon jetzt wurden bei der Rekonstruktion der Prahmfähre wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse über den antiken Schiffsbau und speziell für den Bau dieses Schiffstyps gesammelt. So kann das Biegen der sechs Zentimeter dicken Eichenplanken nur mittels Feuer erfolgen. Die rechtwinkligen Spanten müssen hingegen genau in dem Winkel gewachsen sein, wie sie benötigt werden, da sie durch Feuer nicht weiter gebogen werden können.

Die „Nehalennia“ auf der Lippe

Auch in diesem Jahr geht der römische Schiffsbau in der Schiffswerft neben dem LVR-RömerMuseum weiter. Mit „Philemon“ und „Baucis“ steht die Rekonstruktion von zwei großen Einbäumen an, die bei Zwammerdam in den Niederlanden gefunden und in der Antike zum Fischfang benutzt worden sind. Die Bearbeitung der Einbäume erfolgt fast ausschließlich in Handarbeit. Die Arbeiten in der Schiffswerft im LVR-Archäologischen Park Xanten sind bis Ende Oktober immer montags bis freitags vom 9 bis 16.30 Uhr sowie am 5. Juli, 23. August und 13. September sonntags von 11 bis 17 Uhr zugänglich. Weitere Informationen unter www.apx.lvr.de.

Die „Nehalennia“ auf der Lippe

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