Donnerstag, 18. Juni 2015

„Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“

Ausstellung im LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen

Webprobe zum Hahnentritt-Muster

Pepita ist zurück. Besonders bekannt als schwarz-weißes Webmuster findet sich das zeitlose Design als Hahnentritt, Glencheck oder Pepita derzeit nicht nur auf Stoffen, sondern auf allem, was sich bedrucken lässt. Nachdem es einige Jahre in den Hintergrund geraten war, infizierten sich Lady Gaga und die komplette Designabteilung eines skandinavischen Textilunternehmens mit dem „Pepita-Virus“ und machten den Klassiker wieder hochmodern. In der Ausstellung „Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“ beschäftigt sich das LVR-Industriemuseum ab dem 21. Juni in der Tuchfabrik Müller in Euskirchen mit der Geschichte und der Produktion dieses außergewöhnlichen und prägnanten Stoffmusters.

Webprobe zum Hahnentritt-Muster

Im Nachkriegsdeutschland der frühen 1950er-Jahre wurde die weniger glamouröse, klein-karierte Variante des Musters auf Anzügen, Hüten, Krawatten und Kostümen besonders beliebt. Der legendäre Pepita-Hut des damaliges Bundeskanzlers Konrad Adenauer, den er hauptsächlich im Italien-Urlaub am Comer See trug, transportierte eine gepflegte Gelassenheit und weckte die Sehnsucht nach dem in Italien vermuteten ‚Dolce Vita‘. Ob klein-kariert oder groß-gemustert – in den späten 1950er-Jahren sprang das Pepita-Muster auf unzählige Alltagsobjekte über. Von der Kakao-Kanne über das Schokoladenpapier bis zum Feuerzeug und Taschenmesser wurden profane Gegenstände mit der Eleganz der schwarz-weißen Karos geadelt.

Gewichtswebstuhl

Wie alte Stofffunde zeigen, wurden Pepita-Muster schon vor mehr als 2000 Jahren gewebt. Der Mantel von Gerum, Schwedens ältestes überliefertes Kleidungsstück aus der Zeit zwischen 360 und 100 vor Christus, ist im Hahnentritt-Muster gewebt. Das Kleidungsstück scheint der älteste bekannte Beleg für das Hahnentritt-Muster zu sein. Seit dem späten 19. Jahrhundert treten Pepita-Muster vermehrt in Erscheinung. Zahlreiche Stoffproben in der Ausstellung zeigen die Wandlungsfähigkeit des Musters, dessen Definition selbst in der Fachliteratur nicht eindeutig ist. Wie es im deutsch­sprachigen Raum zur Bezeichnung als Pepita-Muster kam, ist nicht überliefert. Als Namenspatin gilt die spanische Tänzerin Pepita de Oliva (* 1830 in Madrid, † 1. März 1871 in Turin), die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland große Erfolge feierte. Insbesondere der französische Modeschöpfer Christian Dior hat das Pepita-Muster 1947 mit seiner Kollektion berühmt gemacht.

Konrad Adenauer, der Mann mit dem Pepita-Hut

Nicht erst seitdem sich die Pop-Sängerin Lady Gaga 2011 von Kopf bis Fuß mit der Hahnentritt-Kollektion von Salvatore Ferragamo stylte, ist das Muster wieder ein zentrales Modethema. Auch Stil-Ikone Gwen Stefani liebt Outfits in dem schwarz-weißen Muster. Ob konservatives Understatement oder elegante Extravaganz – derzeit erreicht die Ausbreitung des Pepita-Virus einen neuen Höhepunkt. Nur auf Fernsehbildschirmen sorgen die optischen Eigenschaften für ein flimmerndes Bild (Moiré-Effekt) und sind entsprechend unbeliebt. Für viele Künstler ist aber gerade dieser Effekt eine Inspirationsquelle.

Modelle aus der Kollektion Pepition von Modedesignerin Evelyn Sitter, 2011 im Rahmen eines freien Modeprojekts an der Universität der Künste Berlin entstanden

Die Kollektion Pepition der Modedesignerin Evelyn Sitter entstand 2011 im Rahmen eines freien Modeprojekts im Studiengang Design der Universität der Künste in Berlin und umfasst 10 Kleidungsstücke. Der besondere Reiz der Arbeiten resultiert dabei aus der Verbindung der exakten, grafischen Pepita- und Hahnentritt-Muster mit den charakteristischen Unschärfen der japanischen Ikat-Weberei.

„Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“, Blick in die Ausstellung

„Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“

„Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“

Handwebstuhl in der Ausstellung

Herstellung von Pepita-Mustern auf dem Handwebstuhl

Konzipiert hat die Ausstellung das Tuchmacher Museum Bramsche. Dort wurde eine große Sammlung alltäglicher, aber auch überraschender Objekte aus sechs Jahrzehnten für die Präsentation zusammengetragen. In der Tuchfabrik Müller ist die Ausstellung nun auf rund 500 Quadratmeter erweitert zu sehen. Historische Kleidungsstücke und Fotografien, Zeitschriften, Grafiken und Musterbücher aus der Sammlung des LVR-Industriemuseums sowie viele private Leihgaben entführen die Besucherinnen und Besucher in die schillernde Pepita-Welt. Die Produktion von Pepita-Mustern auf Handwebstühlen sowie museumspädagogische Modelle machen den komplizierten Webvorgang anschaulich. Zu festen Terminen lassen sich Handweberinnen und –weber bei der kniffligen Verkreuzung von schwarzen und weißen Fäden über die Schulter schauen.

Herstellung von Pepita-Mustern in der Weberei

„Das Pepita-Virus – Herstellung & Verbreitung eines Stoffmusters“ ist vom 21. Juni bis 20. Dezember 2015 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im LVR-Industriemuseum Tuchfabrik Müller in Euskirchen-Kuchenheim zu sehen. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Eine Kombikarte zum gleichzeitigen Besuch der Tuchfabrik ist für 8,50 Euro zu haben. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben im LVR-Industriemuseum freien Eintritt. Die Führung durch die Tuchfabrik ist neben dem Besuch der Ausstellung in jedem Fall zu empfehlen, das Führungsentgelt ist im Eintrittspreis der Kombikarte enthalten.

„Spiegelkabinett“, Anprobieren erwünscht

Keine Kommentare: