Donnerstag, 7. Mai 2015

Brauchen wir heute einen Jesus?

Die britische Regisseurin und Choreografin Jean Renshaw inszeniert die Rockoper „Jesus Christ Superstar“ für die Gandersheimer Domfestspiele

„Jesus Christ Superstar“ – nach dem Neuen Testament; Musik: Andrew Lloyd Webber; Liedtexte: Tim Rice; Buch: Tom O´Horgan; Regie: Jean Renshaw Achim Lenz; Choreografie: Jean Renshaw Marc Bollmeyer; Ausstattung: Bernhard Niechotz; Licht: Dirk Bathe; Ton: Rolf Dressler (light-house Göttingen); Dramaturgie: Florian Götz; Musikalische Leitung: Heiko Lippmann. Darsteller: Alexander di Capri (Judas Ischariot), Christian Alexander Müller (Jesus von Nazareth), Julia Lißel (Maria Magdalena), Daniel Dimitrow (Kaiphas), Oliver Polenz (Annas), Tobias Berroth (Simon Zelot), N. N., N. N. und N. N. (3 Priester), Daniel Ris (Pontius Pilatus), Jannik Nowak (Petrus), N. N. (Mädchen am Feuer), N. N. (Alter Mann), Dirk Weiler (Herodes), N. N., N. N. und N. N. (Soul Girls), Alice Hanimyan, Johannes Kiesler, Silvio Römer, Jens Schnarre, Luise Schubert, Dominika Szymanska und Bosse Vogt. Uraufführung: 12. Oktober 1971, Mark Hellinger Theatre, New York. Deutsche Erstaufführung: 18. Februar 1972, Halle Münsterland, Münster. Premiere: 2. Juli 2015, 57. Gandersheimer Domfestspiele, Bad Gandersheim.

Die Sehnsucht nach Mitgefühl und Inspiration in unserer heutigen Gesellschaft wird im Mittelpunkt der Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ bei den 57. Gandersheimer Domfestspielen stehen. Die Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ist die große Musicalproduktion der diesjährigen Spielzeit auf der Festspielbühne vor der Gandersheimer Stiftskirche. Für die Regie engagierte die Festspielleitung um Intendant Christian Doll die international renommierte britische Opern- und Musicalregisseurin und Choreografin Jean Renshaw. „Jesus Christ Superstar“ feiert am Donnerstag, dem 2. Juli 2015, Premiere auf der Freilichtbühne vor der Gandersheimer Stiftskirche.

Festspielbesucher dürfen sich bei „Jesus Christ Superstar“ auf ausgefallene Choreografien freuen, machte sich die gebürtige Londonerin Jean Renshaw doch als Tänzerin und Choreografin einen Namen, bevor sie begann, auch Musicals und Opern zu inszenieren. Als Regisseurin und Choreografin arbeitete sie an über 20 großen Theatern in Deutschland, Österreich, Monaco und den Niederlanden. Ihr Repertoire ist dabei vielseitig und umfasst eigene preisgekrönte Tanzkreationen, Musicals wie „Kiss me, Kate“ und „Black Rider“ oder zuletzt die Oper „Gli uccellatori“, die sie mit großem Erfolg am Theater an der Wien inszenierte.

Jean Renshaw, Foto Andrea Kremper

Ein zeitgenössischer Jesus
Bei der Arbeit an ihrer Inszenierung von „Jesus Christ Superstar“ interessiert sich Jean Renshaw besonders dafür, was ein Mann wie Jesus in unserer heutigen Gesellschaft auslösen würde: „Die Fähigkeit, wirklich Mitgefühl zu empfinden, scheinen wir als Gesellschaft mehr und mehr zu verlernen“, sagt sie. „Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken oder deren Unterkünfte angezündet werden, Terroranschläge, Bankenkrise, Armut, Flugzeugabstürze: In unserer Medienwelt jagt eine Schreckensmeldung die Nächste. Für einen Moment sind wir schockiert, aber dann ist es schon wieder vergessen, wir tauchen ab in unseren Luxusalltag und tauchen auf bei H&M. Da wäre jemand wie Jesus mit seiner unbedingten Botschaft von Nächstenliebe und seiner Fähigkeit, Menschen mitzureißen, eigentlich dringend nötig. Aber gleichzeitig würde er für unsere Gesellschaft die ultimative Bedrohung darstellen, denn wie soll ein kapitalistisches System funktionieren, wenn alle Menschen plötzlich genügsam und zufrieden sind?“

Mit ihrem zeitgenössischen Inszenierungsansatz befindet sich Jean Renshaw in der Tradition der Musicalautoren Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, die mit ihrer Rockoper die Passions­geschichte Christi Ende der 1960er-Jahre gewissermaßen neu erfanden und in ihre eigene Zeit transportierten. In mitreißenden Rock- und Soul-Nummern und gefühlvollen Jazz-Balladen zeigen sie Jesus als Superstar, der mit seiner Botschaft von Nächstenliebe die Grundfesten einer Gesellschaft erschüttert und einen Hype entfacht, der sich schlussendlich gegen ihn wendet.

Stiftskirche

Darsteller im Fokus
Für ihre erste Inszenierung bei den Gandersheimer Domfestspielen freut sich Jean Renshaw besonders auf die Arbeit mit den Darstellern: „Ich habe gehört, dass es bei den Domfestspielen Tradition hat, sich besonders auf das intensive Spiel der Darsteller zu konzentrieren, die sich vor der beeindruckenden Domkulisse nicht hinter einem aufwändigen Bühnenbild oder spektakulären Lichteffekten verstecken können. Allein mit ihrem Gesang und ihrem Spiel muss es ihnen gelingen, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Das ist für ‚Jesus Christ Superstar‘ mit so interessanten und widersprüchlichen Figuren wie Jesus, Judas oder Maria Magdalena eine ideale Voraussetzung.“

Jean Renshaw kann dabei auf ein starkes Ensemble zurückgreifen. Die Rolle des Jesus von Nazareth übernimmt Musicalstar Christian Alexander Müller, der 2006 als jüngster Darsteller Das Phantom der Oper am Colosseum Theater Essen verkörperte und seitdem unter anderem mit seiner Paraderolle als Tony in der „West Side Story“ und als Marius, Enjolras und Javert sowie zuletzt als Jean Valjean in „Les Misèrables“ an den wichtigsten deutschsprachigen Musicalbühnen zu erleben war. Seinen Gegenspieler Judas Ischariot verkörpert Alexander di Capri, unter anderem bekannt als Graf von Krolock im „Tanz der Vampire“ in Hamburg, Wien und Stuttgart. Julia Lißel, die bereits vor vier Jahren als Amneris in „Aida – Das Musical“ in einer Hauptrolle bei den Gandersheimer Domfestspielen zu sehen war, spielt mit Maria Magdalena die Verehrerin Jesu. Auch die weiteren Rollen der Rockoper sind stark besetzt, etwa mit Musicalstar Dirk Weiler als Herodes oder dem aus der ARD-Serie „Rote Rosen“ bekannten Schauspieler Jannik Nowak als Petrus.

Am kommenden Montag beginnen die Proben für „Jesus Christ Superstar“ und die weiteren Inszenierungen der 57. Gandersheimer Domfestspiele, die vom 20. Juni bis zum 16. August 2015 stattfinden werden.


Montag, 22. Juni 2015

Wie Festspielintendant Christian Doll am Montag, 22. Juni, auf der Pressekonferenz zur kommenden Spielzeit der 57. Gandersheimer Domfestspiele bekannt gab, kam es zu einem Wechsel in der Regieposition bei der Rockoper „Jesus Christ Superstar“. Der Schweizer Regisseur Achim Lenz übernimmt diese Position von der Regisseurin und Choreografin Jean Renshaw. Als Grund für die Trennung von Renshaw nannte Doll künstlerische Differenzen mit der Regisseurin. Er betonte jedoch, dass die Trennung von beiden Parteien mit höchstem Respekt voreinander vollzogen worden sei.

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