Donnerstag, 16. April 2015

„Keine Kohle mehr – Leben. Mit und nach der Kohle.“

Sonderausstellung zum Fotoprojekt von Thomas Stelzmann und Wolf R. Ussler im Deutschen Bergbau-Museum Bochum

Für ihr Projekt „Keine Kohle mehr“ holten die Düsseldorfer Fotografen Thomas Stelzmann und Wolf R. Ussler 51 ehemalige Bergleute auf den Boden ihres einstigen Pütts zurück und setzten sie dort fotografisch in Szene. Jede dieser einzigartigen Schwarz-Weiß-Kompositionen erzählt ein Stück persönlicher Geschichte. Die Arbeiten offenbaren, was das Leben eines jeden Portraitierten geprägt und diesem oft einen Sinn gegeben hat.

„Keine Kohle mehr – Leben. Mit und nach der Kohle.“, Blick in die Sonderausstellung

Behutsam widmen sich Thomas Stelzmann und Wolf R. Ussler seit dem Frühjahr 2011 diesem Thema menschlicher und industrieller Entwicklung. Das Projekt „Keine Kohle mehr“ will jedoch mehr als nur ein Stück Lebensgeschichte dokumentieren. Es stellt auch den strukturellen Wandel einstiger Zechenlandschaften dar: Gewerbegebiete, Freizeitparks, Supermärkte und Wohnsiedlungen stehen heute an Stelle von Fördertürmen, Kokereien, qualmenden Schloten und endlosen Schienennetzen. Und nicht selten hat sich die Natur ungenutzte Flächen Ehemaliger Zechenstandorte still zurückerobert.

„Keine Kohle mehr – Leben. Mit und nach der Kohle.“, Blick in die Sonderausstellung

Über viele Generationen hinweg prägte die Kohleförderung die Entwicklung des Ruhrgebietes. Urkundlich datiert der erste Kohleabbau bei Dortmund aus dem Jahr 1296. Knapp 300 Jahre später etablierte sich 1566 im heutigen Essener Stadtteil Bredeney die erste Bergbaugenossenschaft. Eine Vielzahl von Dekaden war das Schwarze Gold Quelle wirtschaftlichen Erfolgs, war Träger von Wohlstand und gab Menschen Arbeit. Kohle als Brennstoff sorgte für die Zubereitung von Speisen und für warme Stuben.

Foto von Wolf R. Ussler: Benno Henschen in der umgebauten Lohnhalle der Zeche Rheinpreußen, Moers

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bergbau gemeinsam mit der Stahlindustrie zum Motor für Wiederaufbau und Wohlstand. Bergleute waren im zerstörten Deutschland gut bezahlte Fachkräfte. Und viele Menschen folgten dem Ruf des Geldes, weil, so hieß es anspornend, man sich schon nach zwölf Monaten Maloche unter Tage ein Motorrad leisten könne. Aber schon nach wenigen Jahren Nachkriegswirtschaft wurde der Hoffnungsträger Kohle zum Sorgenkind. Überproduktion und billige Importkohle setzten in der zweiten Hälfte der 50er Jahre dem deutschen Steinkohlebergbau zu. Es begann ein langsames und unaufhaltsames Zechensterben mit Massenentlassungen. Auch Großdemonstrationen unter dem Motto „Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt“ hielten die Entwicklung nicht auf.

Foto von Thomas Stelzmann: Frank-Bernhard Lohmann auf der Halde Hanile der Zeche Prosper-Haniel, Bottrop

Staatliche Subventionen bewahrten entlassene Bergleute zwar vor dem wirtschaftlichen Absturz. Doch die Arbeit auf dem Pütt zwischen Unna und Kamp-Lintfort war nicht bloß irgendeine Arbeit. Für Bergleute war sie identitätsstiftend. Sie war der bestimmende Teil einer individuellen Kultur bestehend aus Pütt, engem Zechenhaus, Hühner- und Taubenhaltung sowie Fußballvereinen und einer vehement gelebten Solidarität unter und über Tage. Der Kumpel, die Nachbarschaft, die gegenseitige Hilfe zählten. So konnte der finanziell abgefederte Abschied von der Zeche oft den emotional tief empfundenen Teilverlust eines gewachsenen sozialen Kosmos nicht kompensieren.

Foto von Wolf R. Ussler: Alfons Buddner mit seiner Ehefrau Karin der Maschinenhalle der Zeche Fürst Leopold, Dorsten

Die entstandenen Bilder zeigen Ausschnitte aus Zeit und Raum, eine oft nicht wiederholbare Kombination aus Geschichte und Rückkehr. Sie sind eine Hommage an jene Menschen, die mit ihren Werten, Ihrer Mentalität und ihrem Arbeitsethos die Kultur einer ganzen Region prägten. Heute stehen viele der portraitierten Hauer, Schlosser, Steiger und Betriebsleiter gemeinsam mit den letzten drei noch fördernden Zechen – Prosper Haniel, Auguste Victoria und Ibbenbüren – vor dem Ende ihres Berufsstandes. Denn 2018 endet der subventionierte Steinkohlebergbau. Ein Grund, diese Veteranen in würdigen Bildern festzuhalten und nicht zu vergessen, wofür sie standen und noch heute stehen.

Foto von Wolf R. Ussler: Frank Beran auf Sohle 4 der Zeche Auguste Victoria in Marl

„Keine Kohle mehr – Leben. Mit und nach der Kohle.“ ist vom 17. April bis 30. Juli 2015 im „Schwarzen Diamanten“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zu sehen und kann während der regulären Öffnungszeiten des Museums besucht werden. Der Neubau für Sonderausstellungen schließt bereits um 16.45 Uhr.

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