Mittwoch, 29. April 2015

Die Spielzeit 2015/16 am Theater Dortmund

Musicalische Höhepunkte am Opernhaus

Inzwischen hat das Theater Dortmund seinen Spielplan der Saison 2015/16 publiziert, aus welchem ausgewählte „musicalische“ Produktionen im folgenden chronologisch – mit einigen persönlichen Anmerkungen – aufgeführt sind.


„Jesus Christ Superstar“ (Wiederaufnahme: 19. September 2015, Opernhaus)

„Jesus Christ Superstar“ – nach dem Neuen Testament; Musik: Andrew Lloyd Webber; Liedtexte: Tim Rice; Buch: Tom O´Horgan; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Kati Farkas; Ausstattung: Beatrice von Bomhard; Musikalische Leitung: Jürgen Grimm. Darsteller: David Jakobs/Sven Fliege (Judas Ischariot), Alexander Klaws/Nikolaj Alexander Brucker (Jesus von Nazareth), Dionne Wudu (Maria Magdalena), Hans-Werner Bramer (Kaiphas), Marc Lamberty (Simon Zelot), Carl Kaiser, Hiroyuki Inoue und Ian Sidden (3 Priester), Mark Weigel/Markus Schneider (Pontius Pilatus, Hannas), Fritz Steinbacher (Petrus), N. N. (Mädchen am Feuer), Ian Sidden (Alter Mann), Ks. Hannes Brock (Herodes), Catherine Chikosi, Yoko El-Edrisi und Dionne Wudu (Soul Girls), Mario Ahlborn, Hermann Bedke, Merlin Fargel, Yvonne Forster, Inga Krischke (?), Min Lee, Eva Löser, Hanna Mall, Christian Pienaar, Alexander Sasanowitsch, Darius Scheliga, Vera Weichel, Thomas Warschun, Anna Winter. Uraufführung: 12. Oktober 1971, Mark Hellinger Theatre, New York. Premiere: 13. Oktober 2013, Theater Bonn, 19. Oktober 2014, Theater Dortmund. Wiederaufnahme: 19. September 2015, Theater Dortmund.

Musikalische Auseinandersetzungen mit Jesus Christus und der Passionsgeschichte haben eine lange Tradition, selbst Musicals zu dem Thema gab es schon vor Lloyd Webber. Was die konservativen Kreise damals jedoch befremdete, war der Ansatz von Librettist Tim Rice, die letzten sieben Tage Jesu aus der Sicht von Judas zu erzählen. Judas, nicht ein Verräter, sondern ein Freund und Anhänger von Jesus, der besorgt beobachtet, wie ihre gemeinsame Bewegung aus dem Ruder läuft: Die immer fanatischer werdenden Anhänger machen aus Jesus eine Kultfigur, erheben jedes seiner Worte zur absoluten Wahrheit, während er selbst zunehmend launischer und unzugänglicher wird. Tim Rice entwirft das Bild eines zutiefst menschlichen Jesu, den aber Anhänger und Gegner gleichermaßen zum Superstar stilisieren. In Zeiten des Starkults, der Sehnsucht nach Leitfiguren und verbindlichen Werten sind die Fragen, die „Jesus Christ Superstar“ aufwirft, nach wie vor hoch aktuell. Nachdem „Jesus Christ Superstar“ in der Spielzeit 2014/15 ständig vor ausverkauftem Haus gespielt wurde, war die Wiederaufnahme nur folgerichtig.


„Kiss me, Kate“ (Premiere: 27. September 2015, Opernhaus)

„Kiss me, Kate“ – in Anlehnung an William Shakespeares „The Taming of the Shrew“; Musik, Liedtexte: Cole Porter; Buch: Samuel und Bella Spewack; Regie: Martin Duncan; Choreografie: Nick Winston; Bühne, Kostüme: Francis O´Connor, Dramaturgie: Georg Holzer; Musikalische Leitung: Philipp Armbruster. Darsteller: Morgan Moody (Fred Graham/Petruchio), Emily Newton (Lilli Vanessi/Katharina), Nedime Ince (Louis Lane/Bianca), Andreas Wolfram (Bill Calhoun/Lucentio), N. N. (Harry Trevor/Baptista), Christian Pienaar (Ralph, Inspizient), Johanna Schoppa (Hattie, Garderobiere), Eric Rentmeister (Paul, Garderobier), Fritz Steinbacher (Erster Ganove), N. N. (Zweiter Ganove), KS Hannes Brock (Harrison Howell, Produzent), Frank Wöhrmann (Gremio, erster Freier), Andreas Langsch (Hortensio, zweiter Freier), Yvonne Forster, Jessica Hoskins, Selina Mai, Niko Stank u. a. Uraufführung: 18. Dezember 1948, New Century Theatre, New York City. West End Premiere: 8. März 1951, Coliseum Theatre, London. Deutsche Erstaufführung: 19. November 1955, Städtische Bühnen, Frankfurt am Main. Premiere: 27. September 2015, Theater Dortmund.

Musicals, deren Originalproduktion im En-suite-Spielbetrieb mehr als 1.000 Aufführungen erreicht haben, waren in den 1950er-Jahren noch recht überschaubar. „Kiss me, Kate“, 1949 mit fünf Tony Awards ausgezeichnet, gehörte mit 1.077 Aufführungen dazu. Es zeichnet sich durch das dramaturgische Kunststück aus, die Handlung auf zwei Ebenen völlig in der Balance zu halten: Während einer Aufführung einer musikalischen Version der Komödie über die Zähmung der widerspenstigen Katharina durch den Frauenhelden Petruccio fechten die Akteure um den Regisseur und Hauptdarsteller Fred Graham auch im privaten Leben ähnliche Zwistigkeiten hinter den Kulissen aus wie die Spielfiguren.


„Next to Normal (Fast normal)“ (Premiere: 5. März 2016, Opernhaus)

„Next to Normal (Fast normal)“ – Musik: Tom Kitt; Buch/Songtexte: Brian Yorkey; Deutsche Bearbeitung: Titus Hoffmann; Regie: Stefan Huber; Choreografie: Danny Costello; Bühne: Timo Dentler, Okarina Peter; Kostüme: Susanne Hubrich; Dramaturgie: Wiebke Hetmanek; Musikalische Leitung: Kai Tietje. Darsteller: Maya Hakvoort (Diana Goodman), Rob Fowler (Dan Goodman), Eve Rades (Natalie Goodman), Johannes Huth (Gabriel „Gabe“ Goodman), Dustin Smailes (Henry), Jörg Neubauer (Dr. Fine/Dr. Madden). Off-Broadway Premiere: 16. Januar 2008, Second Stage Theatre, New York City. Broadway-Premiere: 15. April 2009, Booth Theatre, New York City. Deutsch­sprachige Erstaufführung: 11. Oktober 2013, Stadttheater Fürth. Premiere: 5. März 2016, Theater Dortmund.

„Next to Normal (Fast normal)“ zeigt, wie eine psychische Erkrankung – im konkreten Fall eine bipolare affektive Störung, auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt – entstehen kann und schleichend bedrohlicher wird, bis das unvorstellbare (Suizid) für den Zuschauer denkbar wird, um damit eine Auseinandersetzung mit der bipolaren Störung und den Betroffenen anzuregen. Obwohl Bipolarität, Trauer­ver­arbeitung, Selbstmord, Tablettenmissbrauch und Ethik in der modernen Psychiatrie als Themen für ein Broadway-Musical nicht unbedingt naheliegend erscheinen, wurde doch genau „next to normal“ – womöglich wegen der Ernsthaftigkeit des Stoffes – sowohl in New York als auch international sehr erfolgreich gezeigt und in 12 Sprachen übersetzt. Nach erfolgreichen Aufführungsserien am Stadttheater Fürth wagt sich das Theater Dortmund ab 5. März 2016 ebenfalls an den Stoff, wobei die Aufführungsserien am Stadttheater Fürth allerdings ein offenes Erfolgsgeheimnis bergen, nämlich ihre Besetzung. Das Theater für Niedersachsen musste bereits schmerzlich erfahren, dass es dieses Stück beim Publikum sehr schwer hat. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Theater Dortmund dieser Problematik stellen wird.

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