Mittwoch, 8. April 2015

„Dessous – 150 Jahre Kulturgeschichte der Unterwäsche“

Sonderausstellung im Kraftwerk Ermen & Engels

„Dessous – 150 Jahre Kulturgeschichte der Unterwäsche“

Die erstaunliche Kulturgeschichte der Unterwäsche steht ab dem 9. April im Mittelpunkt der Ausstellung „Dessous – 150 Jahre Kulturgeschichte der Unterwäsche“ im LVR-Industrie­museum Kraftwerk Ermen & Engels in Engelskirchen. Hier treffen die Besucherinnen und Besucher auf mehr als 250 reizvolle Originalexponate wie Korsetts und Krinolinen des 19. Jahrhunderts oder auch den Hauch von Nichts der modernen Dessous. Auch die frühen BHs der 1920er, edle Seidenensembles der Femme Fatale sowie panzerartige Mieder und Spitztüten-BHs der Wirtschafts­wunder­zeit lassen den Wandel der Unterwäsche erkennen.

Blick auf das Mobiliar eines ehemaligen Bonner Miederwarengeschäftes, das nach der Geschäftsaufgabe 2006 vom LVR-Industriemuseum übernommen wurde

Blick auf 150 Jahre Korsettgeschichte, angefangen vom klassischen Korsett des 19. Jahrhunderts bis zum modernen Korsett

150 Jahre Korsettgeschichte, angefangen vom klassischen Korsett des 19. Jahrhunderts bis zum modernen Korsett

Die Ausstellung schildert das Thema nicht nur aus der historischen Perspektive, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln: etwa aus der Sicht verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Das Korsett des 19. Jahrhunderts zum Beispiel – Trägerin und Betrachter assoziierten mit diesem Kleidungsstück ganz unterschiedliche Gefühle: Für die Näherin oder Wäscherin war es schlicht ein Stück Stoff, das Arbeit bedeutete, für den Arzt eine ungesunde Verirrung, in bestimmten Kreisen hingegen der Inbegriff der Erotik. Stets war die Unterwäsche auch dem kritischen Blick der Gesellschaft ausgesetzt. Wer im 19. Jahrhundert auf der Wäscheleine Extravagantes im Wind flattern ließ, dem war der Klatsch der Nachbarschaft sicher.

Blick auf die Unterbekleidung der Reformzeit um 1900

Kulturgeschichtlich besonders interessant sind zwei Emanzipationsbewegungen, die historische Schamgrenzen grundlegend verschoben: Die Reformbewegung der Zeit um 1900 forderte eine Befreiung des Körpers vom einengenden Korsett, das weder Licht noch Luft an die Haut ließ. Tatsächlich setzte sich in den 1920er-Jahren eine sehr körper-betonte Mode durch, die viel mehr zeigte als je zuvor: Nackte Arme und Beine, knielange Röcke, großzügige Schulter-, Brust- und Rückenausschnitte! Die Kleider ließen unter dem Stoff, selbst wenn sie nicht transparent waren, den Körper erahnen. Die „Elegante Welt“ riet 1921: „Die moderne schlanke Silhouette kann nicht mehr durch Korsetts und Fischbeinpanzer erreicht werden, sie muss ehrlich erarbeitet und im sportlichen Bemühen erworben sein.“ Das moderne Schlankheitsideal, das bis heute Gültigkeit hat, nahm damals seinen Anfang.

Triumph-Schaufensterfigur, um 1930

Blick auf die elegante Unterwäsche in den 1940er-Jahren

Damenunterwäsche in den 1950er-Jahren

BH in den 1950er-Jahren. Spitztütenförmige Bügel- oder Körbchen-BHs sorgten für die gewünschte große Oberweite, Korselett und Hüfthalter für eine schmale Taille und runde Hüften

Die zweite Emanzipationswelle folgte mit der sexuellen Revolution in den 1960er- und 1970er-Jahren: In den späten 1960ern politisierten die Studenten- und Frauenbewegung radikal Sexualität und Geschlechterbeziehungen. Für das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper gingen Tausende von Frauen auf die Straße und forderten die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218. Im Alltag lehnten sie nun Korsetts und formende Unterwäsche ab – schienen sie doch Sinnbild für Einzwängung und Unterdrückung zu sein. Viele verzichteten demonstrativ auf den BH. Die Wäscheindustrie unterdessen reagierte mit neuen Büstenhaltern, die leicht, elastisch und möglichst transparent waren.

Unterwäsche in den wilden Siebzigern

Die weit geschnittene Wäsche der wilhelminischen Epoche und ihre üppigen Auszierungen mit Stickereien, Spitze, Volants, Rüschen, Schleifen und Bändern zeigt die Ausstellung ebenso wie die ersten Büstenhalter der 1920er-Jahre und die ersten Strumpfhosen der 1950er-Jahre. Zu sehen sind außerdem die Anfänge des Wonderbras, der in den 1960ern eine Revolution in der Welt der Wäsche darstellte, sowie die farbenfrohen Schlupf-BHs, Hemdhöschen aus Feinripp, Frottee-Stretch oder Wegwerf-Höschen aus Papier der 1970er. Wie Dessous bis heute zum Modeartikel geworden sind und als solche in der Öffentlichkeit gezeigt werden dürfen, wird vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen erläutert.

Luxus und Glamour in den 1980er-Jahren

Die Unterwäsche von heute ist kaum noch welche: knappe String-Tangas oder Panties, dazu ein BH, vielleicht noch ein Hemdchen, das ist alles. Dem steht zu Beginn der Geschichte der Unterwäsche eine wahre Wäsche- und Rüschenpracht entgegen. In festgelegter, logischer Abfolge zog die bürgerliche Frau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nacheinander an: Unterhose – damals noch „Unaussprechliche“ genannt – Strümpfe, die von einem Strumpfband gehalten wurden, wadenlanges Hemd, Korsett, in das man sie für die begehrenswerte schlanke Taille einschnürte, eine Untertaille, um Korsett und Oberbekleidung zu schonen, und einen Anstandsunterrock, darüber je nach Mode Krinoline, Tournüre oder Cul de Paris und zum Abschluss rundeten wenigstens zwei oder mehr Unterröcke das Untenrum ab.

Extravagnate und komfortable Dessous der 1990er-Jahre bis heute

Die Sicht der Ärzte und Hygieniker

Monatshygiene und Wäsche

Korsett, 1960er-Jahre

„Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Herrenunterwäsche

Männer haben bzw. machen es sich bei der Auswahl ihrer Unterwäsche sehr viel einfacher. Das Repertoire an Schnitten, Formen und Verzierungen ist sehr viel kleiner als bei Damenunterwäsche, und Ratgeber für Männer sparen das Thema Unterwäsche meist aus und geben somit ebenfalls einen Hinweis auf deren Bedeutung. Der Mann macht in der Regel nur wenig Aufhebens um seine Wäsche. Sie soll angenehm zu tragen und praktisch sein. Mit Reizwäsche hat er – jedenfalls in Bezug auf sich selbst – wenig im Sinn. Entsprechend klein ist die Variationsbreite des Wäscheangebots für Männer. Die Marktforschung zeigt, dass viele Männer sich einmal für einen Unterhosentyp entscheiden und diesem dann jahrzehntelang treu bleiben – ohne an dieses Thema weitere Gedanken zu verschwenden: „Einmal Karl-Heinz, immer Karl-Heinz.“ Der Träger von Modell Karl-Heinz – klassischer Doppelripp-Slip mit Eingriff – wird so schnell nicht zum Tanga greifen.

Herrenunterwäsche

Herrenunterwäsche

Nicht fehlen darf auch der Blick der Geschlechter aufeinander. Erotische Dessous sind fast ausschließlich weibliche Kleidungsstücke, zu denen es kaum männliche Pendants gibt. Sie entwerfen Bilder von Frauen, die häufig bestimmten Stereotypen erotischer Fantasien entsprechen, wie dem Vamp, der Femme Fatale oder der sexy Karrierefrau.

„Die Kurtisane“

Den Besucherinnen und Besuchern bietet sich in Engelskirchen die letzte Gelegenheit, die atemberaubende Kulturgeschichte der Dessous zu erleben. Denn die Schau, die bereits durch verschiedene Museen wie die Schauplätze des LVR-Industrie­museums in Euskirchen und Ratingen, das Staatliche Textil- und Industrie­museum Augsburg und das LWL-Industrie­museum TextilWerk Bocholt tourte, wird letztmalig zu sehen sein. Im Begleitprogramm wird es neben den öffentlichen Führungen an jedem zweiten Sonntag im Monat um 15 Uhr auch zwei Führungen für Erwachsene am 11. Juni und 10. September 2015 um 19 Uhr unter dem Motto „Frauen sehen anders. Männer auch.“ geben.

„Das Sexkätzchen“

„Dessous – 150 Jahre Kulturgeschichte der Unterwäsche“ im LVR-Industriemuseum Kraftwerk Ermen & Engels ist vom 9. April bis 25. Oktober 2015 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Ein Kombiticket für die Dauer- und Sonderausstellung ist zum Preis von 5,50 Euro erhältlich. Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de.

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