Samstag, 11. April 2015

„Das mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne“ im Dortmunder U

Neues Ausstellungsprogramm des Hartware MedienKunstVereins vom 11. April bis 12. Juli 2015

Schnaufende Dampfmaschinen, tickende Uhrwerke und feingliedrige Zahnradkonstruktionen, Kolben und Ventile, Kupfer, Nieten und Leder – die retrofuturistischen Welten des Steampunk ziehen derzeit Bastler und Romanciers, Nostalgiker und Utopisten, etablierte Künstler und ambitionierte Autodidakten gleichermaßen in ihren Bann.

James Capper, Midi Marker, 2012, Courtesy of Anthony d’Offay, London

Für ihr Ausstellungsprojekt „Das mechanische Corps“ haben die Kuratoren Peter Lang († 11. August 2014) und Christoph Tannert eine Vielzahl von Objekten, Skulpturen und Entwürfen zusammengetragen, die der ästhetische Rückgriff auf die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts eint. In der bildenden Kunst, in Mode und Design, in Literatur, Film und Comic finden sich vermehrt Zeugnisse des paradoxen Phänomens, das im Fokus der Ausstellung steht: die in den 1980er-Jahren begründete und stetig wachsende Faszination für die Funktionalität, die Schönheit und das utopische Potential von Technologien des frühen Industriezeitalters in einer Gegenwart, die selbst immer stärker von unsichtbaren und unbegreiflichen Mechanismen bestimmt wird, von Beschleunigung und Informationsüberfluss.

Alexander Schlesier-Steampunker, Ghost Hunter Pistole, 2013, Courtesy of the artist

Der Star-Designer Marc Jacobs ließ 2012 bei einer Modenschau einen Dampfzug einfahren, im Science-Fiction Blockbuster „Prometheus“ („Prometheus – Dunkle Zeichen“, Ridley Scott, 2012) bestimmte ein genietetes U-Boot die Szenerie, Steampunks schlüpfen in viktorianische Kostüme und Künstler produzieren in mühseliger Handarbeit riesige Maschinen für Ausstellungen. Dampfmaschinen, Uhrwerksmechanik, U-Boote und Panzer tauchen heute immer wieder in Ausstellungen, Büchern, Filmen und Werbung auf und zeugen von einem bemerkenswerten Blick auf das Zeitalter der Industrialisierung.

Eric Freitas, Cast No. 2, 2013, Courtesy of the artist

Die Ausstellung stellt dabei die Frage, ob diese Reise in die Vergangenheit des 19. Jahrhunderts als Gegenkonzept zu unserer schnelllebigen, chiporientierten, miniaturisierten und medial überfrachteten Welt zu werten ist. Jules Verne, bekannt für seine fantastischen Abenteuer- und Reiseromane wie z. B. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, dient dabei als verbindende Figur zwischen der Reise in die Vergangenheit und der heutigen Welt.

Gerard van Lenkveld, Meteora (Steam engine), 1988/2004, Courtesy of Museum Dr. Guislain, Ghent

„Das mechanische Corps“ ist ein erstaunliches Sammelsurium, das aus der zeitgenössischen Kunst ebenso schöpft wie aus Populär- und Subkultur. Zu bewundern sind ausgefeilte mechanische Konstruktionen, viktorianisch anmutende Kostüme, wahnwitzige Skizzen und versponnene Erfindungen, die in ihrer verträumten Kuriosität immer wieder die fantastischen Welten des Jules Verne heraufbeschwören und dabei die Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und nerdiger DIY-Kultur vergessen lassen.

Wendy Esmeralda Castillo, Nautilus Gameboy, 2014, Courtesy of the artist

Wendy Esmeralda Castillos Objekte sehen aus wie Geschenke, die einem vornehmen Gastgeber bei einer Einladung zu Tafelfreuden überreicht wurden. Sie wollen sich nicht auf die herrschenden Bedingungen der Gegenwart einlassen. Orientiert an antiken Spielwerken und Uhren machen sie den Eindruck, als gehörten sie zu irgendwelchen Kunstkammern des höfischen Europas der Spätrenaissance. Aus Uhrteilen und Mechanismen mit Handaufzug fertigt Wendy Esmeralda Castillo verspielte Wunderwerke, zum Beispiel einen Game Boy in Locus-Solus-Experimentieranordnung, USB-Sticks mit dem Titel „Steam Machines“ oder Halsschmuck aus Zahnrädern. Ein fröhliches Fabulieren im Ausgedachten. Man vermag Wendy Esmeralda Castillo nur dann richtig zu verstehen, wenn man mit ihrem Humor rechnet. Ihre Kreationen erzählen von einer stillgelegten Zeit und von der Schönheit, die jedem Wissen innewohnt und die den Diskurs über die Geschichte des Fortschritts grundiert. Castillos geduldig ausgesponnenes Handwerkertum fasziniert uns mit einer von den Zeitläuften losgelösten Kulturversunkenheit als Widerstand gegen die Zumutungen der Informationsgesellschaft.

Florian Mertens, Turbine, 2013, Courtesy of the artist

Florian Mertens ist einer der Künstler, der wie ein kleiner Junge von der Welt der Maschinen und der Mechanik fasziniert ist. Er ist damit mitten in den Traditionen von Dada, Duchamp und der Surrealisten. Allerdings ist sein Ansatz näher zu dem der belgischen Künstler Panamarenko und Joost Conijn. Wie sie schafft Mertens Skulpturen, die gekennzeichnet sind durch eine hohe Qualität des Handwerks und ein unterschiedliches Maß an Funktionalität. Diese Skulpturen sehen aus wie Maschinen, aber ihre Verwendung ist oft ziemlich unklar, manchmal sind sie gar nicht zu gebrauchen. Mertens Ansatz ist darin typisch für eine Tendenz des beginnenden 21. Jahrhunderts. In seiner zeitgenössischen Post-Romantik setzt er einen Schwerpunkt auf Handwerkskunst. Die skulpturalen Maschinen sind Fantasien über eine funktionale Welt, die nicht zur Entfremdung des Menschen geführt hat. Mertens Arbeit wirkt wie ein düsteres Denkmal für den verblichenen Ruhm der kleinen Fabriken und Fabrikanten – Phantome von Maschinen und deren Komponenten aus Gips ruhen auf DIY Sockeln aus Pappe und Holz und handgefertigte Turbinenräder werden zu konstruktivistischen Reliefs, wenn sie im Raum aufgehängt sind.

Jos de Vink, Mechanical Eye, 2013, Courtesy of the artist

Der Anblick der Modelle, die Jos de Vink fertigt, lässt Nostalgie aufkommen. Mehr als 60 kleinformatige Stirlingmotoren und Niedertemperatur-Stirlingmaschinen hat er ertüftelt. Sie tragen bildhafte Namen wie „Paddle Wheel“, „The Steampunk Pendulum Twin Water Pump Machine“, „The Time Machine“, „Panhead“ oder „Hip-Hopper“. In diesen kinetischen Objekten sind höchste Ingenieurskunst, bildende Kunst und Lebenslust gleichermaßen zu Hause. Der Kinetiker und Modellbauer Jos de Vink ist ein Phänomen. Er hat nie eine Feinmechaniker-Ausbildung absolviert und arbeitet ohne technische Zeichnungen. Seine Maschinen entstehen in einer beneidenswert genialen Interaktion von Kopf- und Handarbeit. Gut sechs Monate braucht es, bis er eine neue Maschine kreiert hat. Zumeist kommen für seine Kolben-, Pendel- und Schwungrad-Systeme Messing, Bronze und Silberstahl zum Einsatz. Der Stirlingmotor ist ein Heißgasmotor. Um ihn in Gang zu setzen, braucht de Vink manchmal nicht mehr als Wasser und ein paar Teelichter oder 20-Watt-Halogenleuchten. Er schwört auf Präzision und Einfachheit. Genau das ist es, was Ästheten an Jos de Vinks technischen Wunderwerken gefällt: ein romantisches Design von makelloser Funktionalität und Schönheit.

Jos de Vink, The Steampunk Time Machine, 2010, Courtesy of the artist

Tiefgarage des Dortmunder U

Zur Eröffnung der Ausstellung „Das mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne“ fand am 10. April 2015 um 21 Uhr in der Tiefgarage des Dortmunder U die Soundpanzer-Performance Propaganda von Nik Nowak (Sound) und Moritz Stumm (Visuals) statt, die den Soundpanzer in einen dröhnenden, beleuchteten Soundkörper verwandelt.

Nik Nowak, Soundpanzer, 2011, Courtesy of the artist

Nik Nowaks Arbeit markiert eine der Bruchzonen in der ästhetischen Kette mechanischer Objekte in der Kunst. Seine Ästhetik hat der Künstler auf die technische Gestaltung von Panzerfahrzeugen ausgerichtet. Insofern strahlen seine Werke etwas Monströses aus. Weil sie als Kampfmaschinen der Techno-Revolution in Erscheinung treten, die Nowak auf Raves und politischen Demonstrationen getestet hat, begegnen ihnen Cyber-Schamanen mit Respekt. Zugleich handelt es sich bei diesen Blechkästen um Prototypen beliebiger Standortbestimmungen von Objekten im Raum. Sie fahren martialisch und zugleich räumlich flexibel auf. Sie bewegen sich und geben, da diese Objekte mit Lautsprechern ausgestattet sind, Geräusche bzw. Töne von sich. Sie erkunden unser technologisches Umfeld, den Kunstraum und den Klangraum. Dabei markieren sie ekstatische Momente und ihr Aussagekalkül ist selbstredend ironisch unterfüttert. So wie der „Hummer“ Teil des Böse-Buben-Posings in der Hip-Hop-Kultur ist, kommen auch Nowaks Anspielungen auf das Männliche, auf Gewalt und Exzess im Gewand des Militärischen daher – wie ein stählerner Potenzbeweis unter den Soldaten des Mechanischen Corps.

Propaganda – Soundpanzer-Performance von Nik Nowak (Sound) und Moritz Stumm (Visuals)

Propaganda – Soundpanzer-Performance von Nik Nowak (Sound) und Moritz Stumm (Visuals)

Die Ausstellung „Das mechanische Corps. Auf den Spuren von Jules Verne“ ist eine Übernahme aus dem Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2014) und wird in Dortmund in Gedenken an den jüngst verstorbenen Kurator Peter Lang (* 23. Januar 1958 in Leipzig, † 11. August 2014 in München) gezeigt. Sie ist dienstags, mittwochs, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 €, ermäßigt 2,50 €.

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