Freitag, 27. März 2015

„Wanderarbeit: Mensch – Mobilität – Migration“

Zeche Hannover öffnet nach der Winterpause mit Ausstellung zu historischen und modernen Arbeitswelten

Zeche Hannover, Compound-Zwillingsdampffördermaschine von 1893

Vom 27. März bis 1. November 2015 ist das LWL-Industrie­museum Zeche Hannover wieder regelmäßig von Mittwoch bis Sonntag sowie an Feiertagen geöffnet. Zu Beginn der Saison wird bis 19. Juli 2015 die Wanderausstellung „Wanderarbeit: Mensch – Mobilität – Migration“ gezeigt, die den Gründen und Folgen der Arbeitswanderung damals wie heute nachgeht.

Fahrrad eines Scherenschleifers

„Die Ausstellung zeigt Arbeit als eine wichtige Triebfeder für Migration in Geschichte und Gegenwart. Damit verbindet sie die beiden Schwerpunktthemen unseres Museums: Industriekultur und Migrationsgeschichte“, erläutert LWL-Museumsleiter Dietmar Osses.

Kein anderes Land übte auf deutsche Auswanderer eine so große Faszination aus wie die USA. Zur Zeit der Massenauswanderung zwischen 1815 und 1914 kehrten sieben Millionen Deutsche der Heimat den Rücken. Unter dem Titel Aufbruch thematisiert die Ausstellung dieses Kapitel.

Die Ausstellung „Wanderarbeit“ setzt historische Wanderberufe in Szene und stellt ihnen aktuelle Berufsfelder gegenüber: Scherenschleifer, Schausteller, lippische Wanderziegler und Heringsfänger, Amerika-Auswanderer, italienische Eismacher und Gastarbeiter aus Südeuropa stehen für die Wanderarbeit in der Geschichte. Als Arbeitsmigranten heutiger Tage werden osteuropäische Bauarbeiter, rumänische Pflegekräfte, Berufspendler und Flüchtlinge auf Lampedusa vorgestellt.

Unter dem Titel Heimweh geht es um die Geschichte der Gastarbeiter.

Das Spektrum der Exponate reicht vom Fahrrad eines Scherenschleifers über das Spielkarussell eines Schaustellers, eine historischen Eismaschine bis hin zu angeschwemmten Habseligkeiten der Menschen, die versuchen, aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und auf der italienischen Insel Lampedusa stranden. Film- und Tondokumente zeigen das Leben der schlecht bezahlten Wanderarbeiter auf Baustellen in Deutschland und präsentieren die Erinnerungen von Gastarbeitern an ihre ersten Jahre in Deutschland.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die ersten italienischen Gelatieri ins Revier. Die Eismaschine in der Ausstellung erinnert an diese Zeit.

Eines ist den Arbeitsmigranten damals wie heute gemeinsam: Sie wandern, weil ihr Beruf es erfordert oder weil sie in der Heimat nicht genügend Arbeit finden. Neben Armut, wirtschaftlicher Not, Karriereaussichten oder der Lust auf Abenteuer und Veränderung spielt heute auch immer öfter die Globalisierung des Arbeitsmarktes eine große Rolle. „Die mobile Arbeitsgesellschaft hat heute viele Gesichter“, weiß Osses. „Gut qualifizierte Spezialisten in internationalen Konzernen müssen immer öfter für Monate, Jahre oder Jahrzehnte der Arbeit hinterher ziehen. Gleichzeitig entscheiden sich viele Menschen aufgrund des großen Gehaltgefälles innerhalb Europas, ihre Heimat zu verlassen. Und hunderttausende von Menschen nehmen jeden Tag stundenlange Fahrten in Kauf, um Beruf und Wohnen in der gewünschten Umgebung in Einklang bringen zu können“, so Osses weiter.

Über 200 Jahre lang verdingten sich Männer aus Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe als Heringsfänger – eine Form der Wanderarbeit, die immer mit der Angst verbunden war, nicht wieder vom Einsatz auf hoher See nach Hause zurückzukommen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen das Leben der Menschen und die Folgen der Arbeitswanderung für die Gesellschaft. Jede Abteilung greift zentrale Aspekte wie Aufbruch, Hoffnung, Angst, Heimat, Sehnsucht, Heimweh, Mobilität, Fernweh, Flucht, Neubeginn oder Fremde auf und stellt sie in einen historischen und in einen aktuellen Zusammenhang.

In Deutschland pendeln etwa 34,5 Millionen Menschen zwischen ihrem Wohnort und ihrer Arbeitsstätte.

Die Ausstellung blickt weit in die Geschichte und Gegenwart und stellt dabei auch Fragen an die Zukunft: Welche Folgen wird es für Familien und Freundschaften haben, wenn sich Arbeit weiter globalisiert? Was bedeutet die Arbeit­nehmer­freizügigkeit in Europa für Rumänen und Bulgaren? Wird sich die Konkurrenz zwischen unterschiedlich bezahlten Arbeitskräften in Europa und Asien noch weiter verstärken? Konkurrieren die polnischen Erntehelfer bereits mit noch günstigeren Arbeitern aus der Ukraine oder aus Aserbaidschan?

Seit der Maueröffnung 1989 kommen Frauen aus Osteuropa, um in deutschen Haushalten als Pflegekräfte zu arbeiten. Viele dieser Frauen arbeiten ohne Arbeitsgenehmigung und Sozialversicherung

Am Ende können die Besucher selbst aktiv werden: Sie können ihre eigenen Vorstellungen und Auswandererträume zu Papier bringen und an eine Pinnwand stecken.

Spielkarussell eines Schaustellers

angeschwemmte Habseligkeiten der auf der italienischen Insel Lampedusa gestrandeten Flüchtlinge aus Afrika

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