Mittwoch, 11. Februar 2015

Vorschau: „Charlotte Salomon: Leben? oder Theater?“

Ausstellung im Kunstmuseum Bochum und Ballett im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Charlotte Salomon (* 16. April 1917 in Berlin, † 10. Oktober 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) wurde von ihren Eltern wegen ihrer jüdischen Abstammung gedrängt, vor ihrem 22. Geburtstag das Land zu verlassen, und so emigrierte sie im Januar 1939 zu ihren Großeltern nach Villefranche-sur-Mer bei Nizza. Im Sommer 1940 wurden sie und ihr Großvater Ludwig Grunwald für etwa zwei Monate im Lager Gurs interniert, nachdem ihre Großmutter im März aus dem Fenster gesprungen war und sich das Leben genommen hatte, wie bereits ihre Mutter Franziska, als Charlotte acht Jahre alt war. Nach der Entlassung aus Gurs entschied sich Charlotte zu einer künstlerischen Autobiografie. Musik war ihre Inspiration, und so notierte sie zunächst die Musik und malte auf der anderen Seite der Blätter die Szenen ihrer Biografie. Die meisten Lieder stammten aus dem Repertoire der Mezzosopranistin Paula Lindberg, der zweiten Frau ihres Vaters Albert. In den Jahren 1940 bis 1942 entstanden über 1.000 Gouachen, die sie später selber sortierte und numerierte. Unter dem Titel „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ entstand so ein beispielloses Kunstwerk. Im September 1943 wurde sie verhaftet, zusammen mit ihrem Mann Alexander Nagler, den sie im Juni 1943 geheiratet hatte, in das Durchgangslager Drancy verschleppt und schließlich im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie dem Holocaust zum Opfer fiel. Kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz übergab sie ihre künstlerischen Arbeiten dem Dorfarzt Dr. Moridis in Villefranche-sur-Mer mit den Worten: „Heben Sie das gut auf, das ist mein ganzes Leben!“ zur Verwahrung. Der Arzt hält sich an Charlotte Salomons Worte und übergibt das Vermächtnis 1947 an Charlottes Vater Albert Salomon, seit 1971 ist es im Besitz des „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam und wurde bereits weltweit in Ausstellungen gezeigt.

Charlotte Salomon, „Und dabei entstand: Das Leben oder das Theater???“, 32,5 × 25 cm, aus „Leben? oder Theater? Ein Singespiel“
Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam
© Charlotte Salomon Foundation
Charlotte Salomon®

Das 769 Gouachen umfassende Werk „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ wurde erstmals 1961 ausgestellt. Vom 28. Februar bis 25. Mai 2015 zeigt das Kunstmuseum Bochum in seiner Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“ Teile des Werks in Kooperation mit dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, wo das Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ von der amerikanischen Komponistin Michelle DiBucci in der Choreographie und Inszenierung von Bridget Breiner am 14. Februar 2015 uraufgeführt wird. Bereits 1990 hatte Michelle DiBucci das autobiographische Singspiel in 769 Bildern im Strand Bookstore entdeckt und sich entschieden, es zu vertonen. In Marie Zimmermann (* 27. Dezember 1955 in Simmerath, † 18. April 2007 in Hamburg), Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen und designierte Intendantin der RuhrTriennale, fand sie eine Fürsprecherin und Interessentin für ihr Werk. Doch nachdem sich Marie Zimmermann, die an einer bipolaren Störung litt, in einer psychiatrischen Klinik das Leben nahm, war die RuhrTriennale nicht länger an einer Oper über Charlotte Salomon interessiert, so dass Michelle DiBucci 2007 die Arbeit an dem Stoff aussetzte. 2012 wurde sie schließlich von Ballettdirektorin Bridget Breiner kontaktiert, die den Stoff als Ballett auf die Bühne bringen wollte, da Tanz abstrakter sei als Gesang. Sie entfernt sich damit ein Stück weit von der ursprünglichen Intention Charlotte Salomons, aber man kann es natürlich auch als künstlerische Freiheit interpretieren. Das Ballett ist bewusst nicht als Handlungsballett gestaltet, es gibt eher Impulse, aber nicht die Biografie von Charlotte Salomon wieder, die sie in ihrem Werk „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ festgehalten hat. Ein Teil der Bilder von Charlotte Salomon rauschen in Windeseile in einer Videoinstallation auf der Bühne an den Zuschauern und Tänzern vorüber – „500 Bilder in zwei Minuten“, wie sich Projektionist Philipp Contag-Lada beim „Premierenfieber“ ausdrückte. „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ ist keineswegs die erste Opernadaption von Charlotte Salomons Gouachen, Luc Bondy hat „Charlotte Salomon“ von Marc-André Dalbavie bei den Salzburger Festspielen 2014 inszeniert (Uraufführung 28. Juli 2014).

Eine digitale Ausstellung zu Charlotte Salomon, die im Foyer des Großen Hauses zu sehen sein soll, war zum Premierenfieber leider nicht zu nutzen, stattdessen erschien auf beiden Touchscreens die Anmeldemaske des Providers vom Musiktheater im Revier. Aber man kann sich die Werke auch auf der Website des „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam, wo sich Charlotte Salomons Arbeiten seit 1971 befinden, unter dem Menüpunkt „Collecties“ nach Belieben anschauen, und eben einen Teil ab 28. Februar 2015 im Original im Kunstmuseum Bochum.

„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“, © Sébastien Galtier

„Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ – nach „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ von Charlotte Salomon; Komposition: Michelle DiBucci; Inszenierung, Choreografie: Bridget Breiner; Ausstattung, Masken: Jürgen Kirner; Lichtdesign: Bonnie Beecher; Videodesign: Philipp Contag-Lada; Dramaturgie: Juliane Schunke; Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi. Mitwirkende: Kusha Alexi (Charlotte Kann), Jonathan Ollivier (Der Tod), Junior Demitre (Amadeus Daberlohn, Gesangspädagoge), Ayako Kikuchi (Paulinka Bimbam, Sängerin), Tänzerinnen: Maiko Arai, Francesca Berruto, Nora Brown, Rita Duclos, Sara Zinna; Tänzer: Fabio Boccalatte, Ordep Rodriguez Chacon, Valentin Juteau, Hugo Mercier, José Urrutia; eine Frau: Anke Sieloff; fünf Männerstimmen: Michael Dahmen, Thomas Diestler, Joachim Gabriel Maaß, Piotr Prochera, Lars-Oliver Rühl. Uraufführung: 14. März 2015, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.

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