Mittwoch, 4. Februar 2015

CD-Besprechung: „Chicago – Das Musical“

„Chicago – Das Musical“ – nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Maurine Dallas Watkins; Musik: John Kander; Liedtexte: Fred Ebb; Buch: Fred Ebb, Bob Fosse; Deutsche Übersetzung: Erika Gesell, Helmut Baumann, nach der Broadwayneufassung von 1996; Neuübersetzte Liedtexte: Kevin Schroeder; Original-Inszenierung und -Choreografie: Bob Fosse; Inszenierung: Tania Nardini, nach der Originalinszenierung des Broadway Revivals von Walter Bobbie; Choreografie: Gregory Butler, nach der Originalchoreografie des Broadway Revivals von Ann Reinking; Bühne: John Lee Beatty; Kostüme: William Ivey Long; Lichtdesign: Ken Billington; Sounddesign: Rick Clarke; Musikalische Leitung: Klaus Wilhelm. Darsteller: Lana Gordon (Velma Kelly), Carien Keizer (Roxie Hart, Möderinnen), Volker Metzger (Amos Hart, Roxies Mann), Isabel Dörfler (Matron „Mama“ Morton, Gefängnisaufseherin), Nigel Casey (William „Billy“ Flynn, Rechtsanwalt), Martin Schäffner (Mary Sunshine, Reporterin), Marcella Adema (Mona), Natalie Bennyworth (Hunyak), Alan Byland (Fred Casely), Rachel Colley (Annie), Connor Collins (Geschworener), Julietta Anahi Frias (June), Alex Frei (Gerichtsdiener/Beamter), Zoe Leone Gappy (Liz), Philipp Hägeli (Sergeant Fogarty/Richter), Fleur Jagd („Fahr-zur-Hölle“-Kitty), Ross McDermott (Aaron), Sean McFadden (Martin Harrison/Doktor), Bryan Mottram (Harry); Swings: Bianca Benjamin, Danilo Brunetti, Rhys George, Timo Muller, Giulia Vazzoler, Ellen Wawrzyniak. Uraufführung: 3. Juni 1975, 46th Street Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 21. Mai 1977, Thalia-Theater, Hamburg. West-End-Premiere: 10. April 1979, Cambridge Theatre, London. Broadway Revival Premiere: 14. November 1996, Richard Rodgers Theatre, New York City. Premiere: 6. November 2014, Palladium Theater Stuttgart.



„Chicago – Das Musical“


Live-Aufnahme aus dem Palladium Theater Stuttgart


Chicago in den späten 1920er Jahren: Die Nachtclubsängerin Roxie Hart ermordet im Affekt ihren Liebhaber Fred Casley, als er sie verlassen will. Im Cook-County-Gefängnis lernt sie die korrupte Oberaufseherin Mama Morton und Velma Kelly kennen. Velma, ebenfalls Tänzerin und dank der Hilfe von Mama Morton als „Mörderin der Woche“ ein Medienstar, plant die Fortsetzung ihrer Karriere nach ihrer Freilassung. Hierfür soll sie der durchtriebene Staranwalt Billy Flynn aus dem Gefängnis boxen, der allerdings gleiches auch für Roxie plant. Es beginnt ein undurchsichtiges Dreiecksspiel, bei dem die beiden Tänzerinnen um die Gunst Flynns buhlen. Als dann die Boulevardjournalistin Mary Sunshine dafür sorgt, dass Roxie als „Jazz-Mörderin“ zum Medienstar wird, beginnt ein Verwirrspiel aus Tricks, Lügen und Eifersucht. Doch werden die Tänzerinnen mit Hilfe der Medien wieder ihre Freiheit zurückgewinnen und damit Ruhm und Reichtum erlangen?

„Chicago – Das Musical“, © Stage Entertainment

1926 schrieb Maurine Dallas Watkins, Reporterin beim Chicago Tribune, das Bühnenstück „Chicago“, das auf der wahren Geschichte zweier Mordfälle im Jahr 1924 beruht: Die Nachtclubsängerin Beulah May Annan (* 18. November 1899 in Owensboro, Kentucky, † 10. März 1928 in Chicago, Illinois), die für die Figur der Roxie Hart Pate stand, hat am 3. April 1924 ihren Liebhaber Harry Kalstedt erschossen, als dieser sie verlassen wollte. Belva Gaertner (* 14. September 1884 in Litchfield, Illinois, † 14. Mai 1965 in Pasadena, California) inspirierte die Reporterin zur Figur der Velma Kelly, Rechtsanwalt William W. O´Brien diente als Vorlage für Billy Flynn. Bob Fosse gelang 1975 mit „Chicago“ ein zeitloses Musical, das auf den ersten Blick verführerisch wirkt, dahinter aber eine Geschichte bietet, die mit bissigem Humor dem American Way of Life und insbesondere dem mitunter korrupten Rechtssystem der USA den Spiegel vorhält. 1996 wurde John Kanders grandiose Partitur für eine konzertante Aufführung im Rahmen der Encores!-Serie des New York City Centers wiederentdeckt und an den Broadway transferiert (Premiere 14. November 1996, Richard Rodgers Theatre), wo ein hochkarätiges Ensemble mit Bebe Neuwirth (Velma Kelly), Ann Reinking (Roxie Hart), James Naughton (Billy Flynn), Marcia Lewis (Mama Morton), Joel Grey (Amos Hart) und David Sabella-Mills (Mary Sunshine) und die an Bob Fosses Original angelehnte, aber von Ann Reinking noch verfeinerte und erotisch aufgeladene Choreografie dazu beitrugen, dass „Chicago“ 1997 mit sechs Tony Awards ausgezeichnet wurde. Bis heute läuft das Musical ohne Unterbrechung mit 7.566 Aufführungen (Stand 1. Februar 2015) am Broadway. Mit seinem Glamour, der zeitlosen Geschichte, dem bissigen Humor, der weltbekannten Musik und natürlich den aufregenden Tanzszenen bringt es alles mit, was ein klassisches Broadway-Musical auszeichnet.

„Chicago – Das Musical“, Lana Gordon (Velma Kelly), Nigel Casey (Billy Flynn) und Carien Keizer (Roxie Hart); © Stage Entertainment

Am 25. September 1999 erlebte das am Broadway gefeierte Revival mit Anna Montanaro (Velma Kelly), Frederike Haas (Roxie Hart), Cusch Jung (Billy Flynn), Léon van Leeuwenberg (Amos Hart) und Stefan Poslovski (Mary Sunshine) seine Premiere am Theater des Westens in Berlin und wurde dort bis 16. Juli 2000 gezeigt. Vom 3. Oktober bis zum 3. Dezember 2000 war es mit Anna Montanaro (Velma Kelly), Anne Mandrella (Roxie Hart), Cusch Jung (Billy Flynn), Isabel Weicken (Mama Morton), Ilja Richter (Amos Hart) und Stefan Poslovski (Mary Sunshine) am Deutschen Theater in München zu sehen, und vom 4. Oktober 2001 bis 19. Januar 2002 mit Anna Montanaro (Velma Kelly), Anne Mandrella (Roxie Hart), Nikolas Gerdell (Billy Flynn), Isabel Weicken (Mama Morton), Léon van Leeuwenberg (Amos Hart) und Magnus Karlberg (Mary Sunshine) im Capitol Theater in Düsseldorf. Ab 6. November 2014 steht „Chicago – Das Musical“ mit Lana Gordon (Velma Kelly), Carien Keizer (Roxie Hart), Nigel Casey (Billy Flynn), Isabel Dörfler (Mama Morton), Volker Metzger (Amos Hart) und Martin Schäffner (Mary Sunshine) am Palladium Theater in Stuttgart auf dem Spielplan, am 30. Januar 2015 ist die vorliegende Live-Aufnahme mit einer Spielzeit von 78 Minuten 43 Sekunden erschienen, auf der alle 22 Original-Titel in der neu überarbeiteten deutschen Version von Kevin Schroeder zu hören sind. (Anmerkung: Im Januar 2015 hat Pasquale Aleardi die Rolle des Staranwalts Billy Flynn übernommen, auf der CD-Einspielung ist noch die Premierenbesetzung mit Nigel Casey zu hören.) Im 30-seitigen Booklet sind die kompletten Liedtexte enthalten.

„Chicago – Das Musical“, CD Cover, © Stage Entertainment

Nach der am 1. Januar 1999 erschienen Live-Aufnahme aus dem Theater an der Wien mit Anna Montanaro (Velma Kelly), Frederike Haas (Roxie Hart), Rainhard Fendrich (Billy Flynn), Isabel Weicken (Mama Morton), Léon van Leeuwenberg (Amos Hart) und Christian Maxwell (Mary Sunshine) ist die vorliegende Aufnahme aus dem Palladium Theater die zweite deutsch­sprachige Einspielung der Revival-Produktion, da erstere jedoch nicht mehr im Handel verfügbar ist, stellt sich die Frage nicht, zu welcher der beiden Aufnahmen man greifen sollte, wenn man nicht mit der Broadway-Aufnahme mit Bebe Neuwirth (Velma Kelly) und Ann Reinking (Roxie Hart), der Londoner Einspielung mit Ute Lemper (Velma Kelly) und Ruthie Henshall (Roxie Hart) oder der Aufnahme aus den Niederlanden mit Pia Douwes (Velma Kelly), Simone Kleinsma (Roxie Hart) und Stanley Burleson (Billy Flynn) glücklich wird. Nun kann natürlich keine Castaufnahme einen Eindruck von den lasziven Choreografien im legendären Stil von Bob Fosse vermitteln, die auf der Bühne eine tragende Säule dieses Musicals bilden, das liegt in der Natur der Sache. Hier zählt einzig und allein der akustische Eindruck, und was die gesanglichen Fähigkeiten der Hauptdarsteller anbelangt, so können diese durchweg überzeugen. Vielfach wurde bereits der Akzent der beiden Stuttgarter Killer-Girls und insbesondere der amerikanischen Sängerin Lana Gordon diskutiert, der zwar auf der Einspielung zu hören ist, insbesondere im direkten Vergleich zur Wiener Live-Aufnahme, aber ob man diesen für die Rolle der Velma Kelly eher als charmant oder eben doch als störend empfindet, das muss jeder ganz individuell für sich entscheiden. Das 14-köpfige Orchester unter der Musikalischen Leitung von Klaus Wilhelm bringt John Kanders grandiose Partitur virtuos zu Gehör und ist übrigens in gleicher Orchesterstärke auf der CD zu hören (und auf der Bühne zu sehen) wie schon 1998 bei den Aufführungen im Theater an der Wien. Zusammenfassend kann die vorliegende Einspielung durchaus als gelungen bezeichnet werden, zumal diese für eine Live-Aufnahme tadellos abgemischt ist.

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