Mittwoch, 3. Dezember 2014

Opernhaus Dortmund: „Roxy und ihr Wunderteam“

„Roxy und ihr Wunderteam“ – Vaudeville-Operette von Paul Abraham; Gesangstexte: Alfred Grünwald und Hans Weigel; Textbuch: Alfred Grünwald; Bühnenpraktische Rekonstruktion der Musik: Henning Hagedorn, Matthis Grimminger; Regie: Thomas Enzinger; Choreografie: Ramesh Nair; Ausstattung: Toto; Musikalische Leitung: Philipp Armbruster. Darsteller: Ks. Hannes Brock (Sam Cheswick, Fabrikant), Emily Newton (Roxy, seine Nichte), Fritz Steinbacher (Bobby, ihr Verlobter), Lucian Krasznec (Gjurka Karoly, Mannschaftskapitän), Jens Janke (Jani Hatschek, Tormann), Frank Voß (Baron Szatmary, Manager/Reporter/Zöllner), Tina Podstawa/Veronika Enders (Ilka Pirnitzer, Pensionatsschülerin), Johanna Schoppa (Aranka von Tötössy, Baron Szatmarys Verlobte); Fußballteam: Mario Ahlborn, Carl Kaiser, Min Lee, Till Nau, Christian Pienaar, Rupert Preißler, Robert Schmelcher, Nico Schweers, Ian Sidden, Nico Stank, Frank Wöhrman; Pensionatsschülerinnen: Yael de Vries, Nicole Eckenigk, Veronika Enders, Maren Kristin Kern, Janina Moser, Johanna Mucha; Thomas Günzler (Verwalter/Pfarrer). Uraufführung: 18. Dezember 1936, Király Szinház (Königstheater), Budapest. Deutschsprachige Erstaufführung: 25. März 1937, Theater an der Wien, Wien. Deutsche Erstaufführung: 29. November 2014, Theater Dortmund.



„Roxy und ihr Wunderteam“


Deutsche Erstaufführung am Opernhaus Dortmund


Mit den Operetten „Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“ und „Ball im Savoy“ schuf Paul Abraham (* 2. November 1892 in Apatin, Serbien, † 6. Mai 1960 in Hamburg) zusammen mit den Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda Anfang der 1930er-Jahre die erfolgreichsten musikalischen Bühnenstücke in ganz Europa. Seine steile Karriere fand 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland ein jähes Ende. Der Jude Paul Abraham ging zurück nach Budapest, um erneut mit seinen ungarischen und auch den in Wien tätigen Kollegen zu arbeiten. 1934 folgte im Theater an der Wien die Uraufführung von „Märchen im Grand Hotel“ (Premiere 29. März 1934, Libretto Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda), und 1935 „Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus“ (Premiere 20. Dezember 1935, Libretto Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda). 1936 wurde es etwas stiller um Paul Abraham, Ende des Jahres kam am Király Színház in Budapest die als Vaudeville bezeichnete Operette „3:1 a szerelem javára“ („3:1 für die Liebe“, Premiere 18. Dezember 1936, Libretto Imre Harmath, László Zsilagy und Dezső Kellér) zur Uraufführung, die im Umfeld der in Ungarn überaus populären Wasserballmannschaft spielte. Am 25. März 1937 folgte die deutschsprachige Erstaufführung unter dem Titel „Roxy und ihr Wunderteam“ (Libretto Alfred Grünwald und Hans Weigel, Regie Arthur Hellmer) am Theater an der Wien, schon im Titel war die Anspielung auf die österreichische Fußball-Nationalmannschaft gegeben, die zu diesem Zeitpunkt schon den Status eines europäischen Sportmythos erlangt hatte. Die Handlung bot den idealen Rahmen, die „anständigen Werte“ des NS-Regimes sowie die heroisierende Riefenstahl-Sportästhetik zu verspotten. Am 12. Januar 1938 lief im Wiener Busch-Kino die Adaption der Fußballoperette unter dem Titel „Die entführte Braut“/„3:1 für Liebe“ (Regie Johann von Vásáry) als letzte unabhängige österreichisch-ungarische Koproduktion vor dem so genannten Anschluss im März 1938 an, für die Paul Abraham und seine Autoren einige zusätzliche Musiknummern geschrieben hatten. In den Hauptrollen standen Rosi Barsony (Braut Grete Müller), Oskar Dénes (Mannschaftsmäzen Baron Udvary) und László Pálóczy/Hans Holt (ungarischer Mannschaftskapitän Láci) vor der Kamera, aber auch der legendäre Mittelstürmer der Wiener Austria, Matthias Sindelar („Der Papierene“), dessen ungarischer Stürmerkollege Géza Toldi und eine beachtliche Anzahl an weiteren Spielern des österreichischen „Wunderteams“. Eine französische Adaption der Operette wurde 1939 unter dem Titel „Billie et son équipe“ (Premiere 3. Juni 1939, Libretto André Mouézy-Éon und Albert Willemetz) im Théâtre Mogador in Paris gezeigt, aber die deutschsprachige Fassung „Roxy und ihr Wunderteam“ wurde nach der Vorstellungsserie in Wien nicht mehr aufgeführt, die Originalpartitur ist verschollen. Das neue Interesse an den Jazz-Operetten der 1930er-Jahre und das wachsende Bewusstsein für eine historische Aufführungspraxis auch in der Unterhaltungsmusik führten in den letzten Jahren zu einer Neuentdeckung der Musik Paul Abrahams. Mit Hilfe von Autographen, historischen Einspielungen und Filmen stellten die Abraham-Spezialisten Matthias Grimminger, Bassklarinettist bei den Dortmunder Philharmonikern, und Henning Hagedorn die Urfassung der Partituren Abrahams so weit wie möglich wieder her. In dieser Fassung, die auch die zusätzlichen Musiknummern des Films enthält, wurde die Fußballoperette am Opernhaus Dortmund zur überfälligen deutschen Erstaufführung gebracht.

Zum Inhalt:
Die ungarische Fußballnationalmannschaft hat in London haushoch gegen die schottische Nationalelf verloren. Um zumindest für das Rückspiel in Budapest gerüstet zu sein, beraumt ihr Manager Baron Szatmary ein Trainingslager auf seinem Landgut am Balaton (Plattensee) an. Da er sich selbst mit seiner Geliebten in Venedig treffen möchte, überträgt er die volle Verantwortung für die Nationalelf dem pflichtbewussten Mannschaftskapitän Gjurka Karoly, der für volle Konzentration auf das Fußballspiel und völligen Verzicht auf Frauen und Alkohol sorgen soll. Sein Pflichtbewusstsein wird auf eine erste harte Probe gestellt, als Roxy, die Nichte des ebenso reichen wie geizigen schottischen Mixed Pickles-Fabrikanten Sam Cheswick, im Brautkleid in Baron Szatmarys Hotelzimmer auftaucht, die Gjurka Karoly auf der Flucht von ihrer eigenen Hochzeit vor ihrem Verlobtem Bobby um Hilfe anfleht. Als die übrigen Nationalspieler die beiden dort zusammen entdecken, bedrängen sie Gjurka, Roxy inkognito mit nach Ungarn reisen zu lassen, wo bereits die nächste böse Überraschung auf den pflichtbewussten Mannschaftskapitän wartet. Aranka von Tötössy, die Verlobte von Baron Szatmary, hat nämlich die Nase von dessen Eskapaden gestrichen voll und erwartet mit ihren Pensionatsschülerinnen bereits die Ankunft der Nationalelf am Balaton, um deren Moral zu untergraben. Roxys Onkel Sam Cheswick und ihr Verlobter Bobby heften sich an ihre Fersen, werden aber vom Zoll auf der Suche nach geschmuggelten Devisen über Gebühr aufgehalten. Am Balaton bricht unterdessen das heroische Menschenbild im Stil von Leni Riefenstahl innerhalb kürzester Zeit vollends zusammen und vielfältige amouröse Verwicklungen halten die Fußballspieler vom disziplinierten Training ab. Nach und nach treffen alle Protagonisten aufeinander, und nachdem sich Mannschaftskapitän Gjurka Karoly seine Liebe zu Roxy eingestanden und sie erneut vor einer Heirat mit Bobby bewahrt hat, kommt es zum entscheidenden Rückspiel gegen die schottische Nationalelf, mit dessen 3:1-Sieg die ungarische Nationalmannschaft zum „Wunderteam“ wird.

Fußball ist auch in Dortmund ausgesprochen populär, die Herrenmannschaft des 1909 gegründeten Ballspielvereins Borussia 09 e.V. Dortmund war 2010/11 und 2011/12 Deutscher Fußballmeister, 2012/13 und 2013/14 Vize-Meister, doch der Wiener Regisseur Thomas Enzinger tat gut daran, Bezüge zum BVB auf das von Dramaturgin Wiebke Hetmanek geschriebene Couplet „Mensch, sei sparsam“ zu beschränken, in dem KS Hannes Brock (Sam Cheswick) dem BVB einen zwölften Mann auf dem Platz wünscht, um die augenblickliche Krise zu beenden: Der BVB belegt momentan den letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga. Ausstatter Toto hat das Ensemble mit Kostümen und adäquater Fußball- und Gymnastik-Kleidung der 1930er-Jahre ausstaffiert, sein Bühnenbild mit einem überdimensionalem historischen Fußball als Vorhang bleibt abstrakter, ein Kulissenteil mit zwei Treppen ermöglicht auf der Drehbühne schnelle Szenenwechsel, wobei mitunter auch vor dem Fußball auf dem Proszenium gespielt wird. Neben der Musik von Paul Abraham – eine Synthese zwischen Csárdás und Swing, die von den Dortmunder Philharmonikern unter der Musikalischen Leitung von Philipp Armbruster fulminant zu Gehör gebracht wird – stehen fetzige Tanznummern im Vordergrund und tragen maßgeblich zum Erfolg der Dortmunder Aufführung bei. Ramesh Nair, der sein Musical-Studium an der Folkwang Hochschule (heute Folkwang Universität der Künste) 1999 abgeschlossen hat und seither als Darsteller, Regisseur und Choreograf tätig ist, war am Opernhaus Dortmund bereits 2008 für die Operette „Im weißen Rössl“ (Premiere 6. September 2008, Regie Markus Kupferblum) als Choreograf engagiert, für „Roxy und ihr Wunderteam“ hat er eine ganze Reihe Stepptanz-Choreografien geschaffen, die mitunter Assoziationen an „42nd Street“ oder Filmlegende Fred Astaire wecken. Aus diesen sticht das rauschende Fest in Ungarn hervor, bei der das Ensemble zum Stepptanz auch noch Cocktail-Shaker durch die Luft wirbelt. Eingestreut in die Handlung ein paar nette Anspielungen auf Richard O’Brien’s „The Rocky Horror Show“, wenn man sie dann als solche verstehen möchte. Das entscheidende Rückspiel der ungarischen Fußballnationalmannschaft gegen die schottische Nationalelf wird in Dortmund nur vage angedeutet und erfordert gegenüber der aufwendigen Realisierung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 im Musical „Das Wunder von Bern“ dementsprechend mehr Vorstellungsvermögen.

„Roxy und ihr Wunderteam“ ist zum größten Teil mit Kräften aus dem eigenen Ensemble und dem Chor besetzt. Die texanische Sopranistin Emily Newton ist nach ihrem Debüt am Opernhaus Dortmund als Anna Nicole Smith in der Oper „Anna Nicole“ (Premiere 27. April 2013, Regie Jens-Daniel Herzog) in der Titelrolle der Roxy zu sehen, in der sie nicht nur für die nötige Motivation für die ungarische Nationalelf sorgt, sondern auch mit der eigenen sportlichen Leistung in den Stepptanz-Choreografien und insbesondere in der Schlafsackhüpf-Choreografie im Mädchenpensionat überzeugen kann. Fritz Steinbacher wird von Roxy als ihr Verlobter Bobby mit leicht weinerlichem Tenor sogar zweimal vor dem Traualtar sitzen gelassen, obwohl er sie doch beim zweiten Mal sogar im Schottenrock mit Dudelsack darum gebeten hat. KS Hannes Brock will als ebenso reicher wie geiziger schottischer Mixed Pickles-Fabrikant Sam Cheswick seine Nichte Roxy mit Bobby verkuppeln, herrlich amüsant sein bereits erwähntes Couplet „Mensch, sei sparsam“, in dem er neben der Sparpolitik der Bundeskanzlerin die Elbphilharmonie in Hamburg, den Hauptstadtflughafen BER und das Dortmunder U aufs Korn nimmt. Bei Tenor Lucian Krasnec dauert es als Mannschaftskapitän Gjurka Karoly vorlagenbedingt etwas länger, bis auch sein Herz Roxy zufliegt, sehr schön sein Duett „Einmal wird das Wunder geschehen“ mit Emily Newton auf dem Plattensee, in der er auf einer Luftmatratze über den Balaton schwimmt, um seine Ruhe zu haben, und dabei auf Roxy im Ruderboot trifft, um irgendwann festzustellen, dass der Plattensee gar nicht so tief sei. Frank Voß beweist sowohl als Fußball-Manager Baron Szatmary als auch als Zöllner komödiantisches Talent, wenn er mit österreichischem Dialekt Sam Cheswick und Bobby bei ihrer Verfolgungsjagd aufzuhalten versucht. Gegen Johanna Schoppa als Baron Szatmarys resolute Verlobte Aranka von Tötössy ist er natürlich machtlos, zumal sie ihre Pensionatsschülerinnen nicht aus dem Auge lässt. Daneben sind auch Jens Janke als Tormann Jani Hatschek in der ungarischen Nationalelf und Tina Podstawa als Pensionatsschülerin Ilka Pirnitzer zu erwähnen. Chor und Statisterie des Theater Dortmund vervollständigen die spielfreudige Darstellerriege.

Operetten gelten in der „traditionellen“ Aufführungspraxis gemeinhin eher als bieder und angestaubt, wofür vor mehr als 80 Jahren mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Grundstein gelegt wurde. Paul Abraham, Alfred Grünwald und Hans Weigel haben mit „Roxy und ihr Wunderteam“ eine frivole und seinerzeit gesellschaftspolitisch hochaktuelle Jazz-Operette vorgelegt, die bereits vom Publikum im Theater an der Wien enthusiastisch gefeiert worden sein soll. Ähnliches wiederholt sich nun bei der Deutschen Erstaufführung am Opernhaus Dortmund: Das Premierenpublikum erweist sowohl den Darstellern als auch dem Kreativteam langanhaltenden Applaus, die Presse ist voll des Lobes für die Wiederentdeckung. Da wirkt nichts bieder oder angestaubt, von der eindrucksvollen Vorstellung könnte sich die ein oder andere Operetten- und auch Musicalproduktion eine gehörige Portion abschneiden. Da können Musicalfans noch so sehr wettern, Fußball sei als Sujet für das musikalische Unterhaltungs­theater uninteressant, nicht nur in Dortmund können sie sich augenblicklich eines Besseren belehren lassen. „Roxy und ihr Wunderteam“ steht noch bis 15. März 2015 am Opernhaus Dortmund auf dem Spielplan.

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