Sonntag, 7. Dezember 2014

DVD-Besprechung: „Billy Elliot the Musical Live“

„Billy Elliot the Musical Live“ – nach dem gleichnamigen Spielfilm von Stephen Daldry (2000); Musik: Elton John; Lyrics, Buch: Lee Hall; Inszenierung: Stephen Daldry; Choreografie: Peter Dalring; Bühne: Ian MacNeil; Kostüme: Nicky Gillibrand; Licht: Rick Fisher; Ton: Paul Arditti; Musikalische Leitung, Arrangements: Martin Koch. Darsteller: Elliott Hanna/Ollie Jochim/Bradley Perret/Matteo Zecca (Billy Elliot), Ruthie Henshall (Sandra Wilkinson), Deka Walmsley (Jackie Elliot, Billys Vater), Chris Grahamson (Tony Elliot, Billys älterer Bruder), Ann Emery (Grandma), David Muscat (Mr. Braithwaite, Ballett-Pianist), Howard Crossley (George, Billys Box-Lehrer), Claudia Bradley (Sarah Elliot, Billys tote Mutter), Liam Mower (Billy Elliot, 25 Jahre alt, Live Broadcast), Barnaby Meredith (Billy Elliot, 25 Jahre alt, West End), Zach Atkinson/Todd Bell/Tomi Fry (Michael Caffrey, Billys bester Freund), Kyria Cooper/Dayna Dixon/Demi Lee (Debbie Wilkinson, Sandras Tochter), Liam Sargeant (Small Boy, Live Broadcast), Lewis Fernée/Joseph MacDonald/Billy Marlow (Small Boy, West End), Caspar Meurisse (Tall Boy, Live Broadcast), Ryan May-Miller/Frederick Neilson (Tall Boy, West End), Alan Mehdizadeh (Big Davey), David Stoller (Scab/Posh Dad), Craig Amstrong, Paul Basleigh, Spencer Cartwright, Lucinda Collins, Gillian Elisa, Lee Hoy, Ruri James, Chris Jenkins, Charlie Martin, Steve Paget, Ben Redfern, Charlotte Riby, Mark John Richardson, Mike Scott, Phil Snowden, Wendy Somerville, Spencer Stafford (Ensemble). Niamh Bennett, Ella Forman, Imogen Gurney, Lauren Henson, Imogen Kingsley Smith, Erin McIver, Syakira Moeladi, Natasha Pye, Charlotte Ross-Gower, Sophie Smart (Ballettklasse, Live Broadcast). Carla Arnold, Niamh Ashley, Elise Bugeja, Katie-Mae Collins, Holly-Marie Davenport, Macy Dyason, Zara Redmond Gilhooly, Sophie Green, Esa Halil, Brooke Kelly, Allanah Martin Judge, Emily Miles, Ellie Munden, Laveda Ogbebor, Georgia Prentice, Katie Smith, Jessica Smith, Milan Strachan, Maisy-May Woods-Smeeth (Ballettklasse, West End). Special Billy Finale: Liam Mover, George Maguire, James Lomas, Leon Cooke, Matthew Koon, Dean McCarthy, Layton Williams, Josh Fedrick, Fox Jackson-Keen, Tom Holland, Ollie Gardner, Rhys Yeomans, Aaron Watson, Scott McKenzie, Josh Baker, Ryan Collinson, Kaine Ward, Harris Beattie, Harrison Dowzell, Redmand Rance, Ali Rasul, Elliot Hanna, Bradley Perret, Matteo Zecca, Ollie Jochim. Uraufführung: 11. Mai 2005, Victoria Palace Theatre, London. Aufgezeichnete Vorstellung: 28. September 2014. Laufzeit 162 Minuten. FSK Freigegeben ab 6 Jahren. BBFC Freigegeben ab 15 Jahren.



„Billy Elliot the Musical Live“


Aufzeichnung der Aufführung am Londoner West End


Das Musical „Billy Elliot“ basiert auf dem gleichnamigen Spielfilm von Stephen Daldry (2000) und wird weltweit von Universal Stage Productions, Working Title Films und Old Vic Productions produziert. Es wurde am 11. Mai 2005 (mit Previews ab 31. März 2005) im Victoria Palace Theatre am Londoner West End uraufgeführt, wo es immer noch vor ausverkauftem Haus spielt. Seit der Uraufführung haben mehr als neuneinhalb Millionen Zuschauer das Musical u. a. am Broadway, Sydney, Melbourne, Chicago, Toronto und Seoul gesehen. Eine Nordamerika-Tournee begann im Oktober 2010 in Durham, North Carolina, und endete im Juni 2013 in Hartford, Connecticut, bevor sie im August 2013 für drei Wochen in São Paulo zu sehen war. Dort wurde „Billy Elliot“ erstmalig in Südamerika gezeigt, und es war das erste Musical seit der Tournee von „Cats“ im Jahr 2006, dessen internationale Tournee in Brasilien gezeigt wurde. Das Musical wurde mit mehr als 80 internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter fünf Laurence Olivier Awards sowie zehn Tony Awards und zehn Drama Desk Awards im Jahr 2009.

„Billy Elliot the Musical“ erzählt die Geschichte von Billy Elliot, dem 11-jährigen Sohn der Arbeiterfamilie Elliot zur Zeit des Bergarbeiterstreiks 1984/1985 in Durham, Nordengland. Während sich der Vater und der ältere Sohn Tony im Streik befinden, wird der jüngere Sohn Billy zum Boxunterricht geschickt, wo er versehentlich in die Ballettstunde bei Mrs. Wilkinson gerät. Zu seiner eigenen Überraschung scheint er Talent für das Ballett zu haben, und so nimmt er gegen den Willen seines Vaters weiterhin am Ballettunterricht von Mrs. Wilkinson teil, die ihn schließlich zum Vortanzen bei der Royal Ballet School in London, einer der renommiertesten Ballettschulen des Landes, anmeldet. Billy hofft darauf, sich dort seinen großen Traum erfüllen zu können.

Am Sonntag, 28. September 2014 wurde die Matinee im Victoria Palace Theatre im Londoner West End für „Billy Elliot the Musical Live“ aufgezeichnet und live in ausgewählte Kinos in Europa übertragen. Am 12., 15. and 18. November 2014 folgten Vorstellungen in den Vereinigten Staaten. Inzwischen ist die Aufzeichnung in guter Bild- und Tonqualität auf DVD and Blu-ray erschienen. Natürlich kann das heimische Pantoffelkino keine 150 m² große Leinwand ersetzen, wie sie beispielsweise Deutschlands größter Filmpalast, die Lichtburg in Essen besitzt, wo die Übertragung am 28. September 2014 ebenfalls zu sehen war, und schon gar nicht das Live-Erlebnis im Theater selbst, aber zum Preis einer Kino-Eintrittskarte hat man mit der DVD die Möglichkeit, das Phänomen „Billy Elliot the Musical“ mitsamt den atemberaubenden Choreografien von Peter Dalring beliebig häufig auf dem heimischen Sofa zu genießen. Close-ups vermitteln den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein statt nur dabei. Die DVD enthält als Bonusmaterial eine fünfminütige Einführung von Elliot Hanna und einen elfminütigen Blick hinter die Kulissen der Produktion sowie zahlreiche Unter­titel­optionen. Übrigens, in diesem Musical wird geflucht, dass sich die Balken biegen – am meisten von den Kindern, was das British Board of Film Classification zusammen mit der Darstellung moderater Gewalt und sexueller Anspielungen zu einer Freigabe ab 15 Jahren veranlasst haben dürfte, im Gegensatz zur Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die die Aufzeichnung für Kinder ab 6 Jahren für unbedenklich hält.

Der politische und geschichtliche Hintergrund, als die damalige britische Regierung unter Premierministerin Margret Thatcher den Einfluss der Gewerkschaften auf die Industrie einzuschränken versuchte und die schwerwiegende Niederlage der britischen Bergarbeiter im einjährigen, ergebnislosen Bergarbeiterstreik der „National Union of Mineworkers“ unter der Führung von Arthur Scargill 1984/1985, was die Forderungen der Bergarbeiter anbelangt, macht „Billy Elliot the Musical“ zu einem typisch britischen Phänomen, was womöglich erklärt, dass das Musical am Victoria Palace Theatre mehr als neun Jahre nach der Uraufführung immer noch gespielt wird, am Broadway am Imperial Theatre dagegen nach 1.312 Vorstellungen geschlossen wurde. Ungeachtet dessen kann man sich schwerlich der bewegenden Geschichte entziehen, in der Billy Elliot auf der Suche nach Individualität gegen alle Konventionen und Erwartungen seinen eigenen Weg findet. Stephen Daldry, der mit „Billy Elliot – I will Dance“ 2000 sein Debüt als Spiel­film­regisseur gab, hat die Drehbuchvorlage von Lee Hall, der auch für die Musicaladaption verantwortlich zeichnet, mit einfallsreichen Ideen auf der Bühne umgesetzt. Die von Elton John komponierten Songs gaben dem Choreografen Peter Dalring die Gelegenheit, einige hervorragende Showstopper zu kreieren, die im Mittelpunkt der Aufführung stehen, beispielsweise der „Angry Dance“ zum Ende des ersten Aktes, Billys Solo zu „Electricity“ oder das Finale im zweiten Akt, aber auch der Pas de deux mit seinem älteren Alter Ego, in dem der junge Billy Elliot über die Grenzen seines Könnens hinauswächst. Speziell für „Billy Elliot the Musical Live“ wurde die fantastische Zugabe choreografiert, die 25 aktuelle und ehemalige Billy-Elliot-Darsteller mit ihrem großartigen Talent auf der Bühne vereint.

Billy Elliot Mash-up, Foto Craig Sugden

Billy Elliot zählt mit den Anforderungen an Schauspiel, Gesang und vor allem Tanz sicherlich zu den anspruchvollsten Kinderrollen im Musical, die es derzeit überhaupt gibt. Elliott Hanna (11), der in der Matinee am 28. September 2014 die Rolle des Billy Elliot spielte, ist bisher der jüngste Darsteller in dieser Rolle und spielt seit 17. Juli 2013 die Titelpartie. Was der junge Darsteller aus Liverpool in seinem Alter auf der Bühne liefert ist wirklich beeindruckend. (Um die jeweilige Begabung der drei bzw. vier Jungen herauszustellen, die sich die Titelpartie teilen, sind die Arrangements und die Choreografie individuell auf die verschiedenen Darsteller abgestimmt.) Nicht minder beeindruckend das komödiantische und tänzerische Talent von Zach Atkinson als Billys bester Freund Michael Caffrey, der gern die Kleider seiner älteren Schwester trägt und seine erwachende Homosexualität ziemlich direkt erlebt. Liam Mower, der 2005 bei der Uraufführung als Billy Elliot zur Original London Cast gehörte, ist in der aufgezeichneten Vorstellung als Billys älteres Alter Ego in dem Pas de deux zur Musik aus Tschaikowskis „Schwanensee“ zu sehen, regulär spielt Barnaby Meredith momentan diese Rolle. Unter den Erwachsenen ist an erster Stelle Ruthie Henshall als desillusionierte Tänzerin Sandra Wilkinson zu erwähnen, die als Tanzlehrerin mit Billy hart daran arbeitet, dass sein Traum in Erfüllung gehen kann. Deka Walmsley reagiert als Billys Vater Jackie Elliot zunächst entsetzt, dass Billy Balletttanzen besser gefällt als Boxen, sieht aber schließlich ein, dass womöglich das Ballett Billy davor bewahren kann, als Bergarbeiter ohne Perspektive wie er selbst zu enden. Chris Grahamson hält als Billys älterer Macho-Bruder Tony Elliot ebenfalls nicht viel von dessen Träumen. Zum großen Ensemble gehören außerdem Ann Emery aus der Uraufführungscast, die als Grandma mit Gedächtnislücken für komische Momente sorgt, David Muscat, der als übergewichtiger Pianist Mr. Braithwaite tanzend zur Höchstform aufläuft, und Claudia Bradley (Sarah Elliot) als Billys tote Mutter, die ihm immer wieder erscheint.

„Billy Elliot the Musical Live“ macht durchaus Lust, das Musical live auf der Bühne zu erleben. Vielleicht schafft es Stage Entertainment ja nach der Produktion in den Niederlanden (Premiere 30. November 2014) irgendwann, „Billy Elliot – Das Musical“ auch in Deutschland aufzuführen.

Keine Kommentare: