Montag, 24. November 2014

„Das Wunder von Bern“

„Das Wunder von Bern“ – nach dem gleichnamigen Film von Sönke Wortmann; Musik: Martin Lingnau; Gesangstexte: Frank Ramond; Buch, Inszenierung: Gil Mehmert; Choreografie: Simon Eichenberger; Konzept und Choreografie vertikale Fußballakrobatik: Brendan Shelper/battleROYAL; Bühnenbild: Jens Kilian; Kostümbild: Stefanie Bruhn; Lichtdesign: Andreas Fuchs; Videodesign: Ad de Haan, Timm Ringewaldt; Illustrationen Bühne: Jan-Michael-Richter, Rainer Stock; Sounddesign: John Shivers, David Partrige; Musical Supervisor, Vocal Arrangements: Sebastian de Domenico; Musikalische Leitung: Christoph Bönecker. Darsteller: Riccardo Campione (Matthias Lubanski), Detlef Leistenschneider (Richard Lubanski), Vera Bolten (Christa Lubanski), Marie-Anjes Lumpp (Ingrid Lubanski), David Jakobs (Bruno Lubanski/Werner Liebrich), Elisabeth Hübert (Annette Ackermann), Andreas Bongard (Paul Ackermann), Michael Ophelders (Sepp Herberger/Bohse), Jogi Kaiser (Tiburski, Putzfrau im Hotel, Adi Dassler), Tetje Mierendorf (Pfarrer Keuchel/Grabitz), Gabriela Ryffel, Shari Lynn Stewen und Franziska Trunte (Wunderfräulein), Dominik Hees (Helmut Rahn), Mark Weigel (Fritz Walter), Dennis Henschel (Berni Klodt/Flugakrobat), Robin Koger (Horst Eckel/Flugakrobat), Florian Soyka (Max Morlock/Flugakrobat), Pedro Reichert (Toni Turek/Flugakrobat), Matt Cox (Werner Kohlmeyer), Daniel Therrien (Ottmar Walter/Flugakrobat, Flight Captain), James Cook (Josef Posipal), Adrian Fogel (Karl Mai/Fußballartist), Dominik Kaiser (Hans Schäfer/Fußballartist), Kinderclique: Jenna (Carola), Michael (Mischa), Cedric (Lutz) und Sebastian (Peter). Uraufführung: 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg. Besuchte Vorstellung: 22. November 2014.



„Das Wunder von Bern“


Uraufführung im neuen Theater an der Elbe


Der verlorene Zweite Weltkrieg, der völlige wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbruch, Obdachlosigkeit, Vertreibung, blanke Not – all das war den Menschen des Jahres 1954 noch sehr präsent. In den Städten klafften weiterhin die Lücken der Bombenangriffe. Und in jeder Familie fehlten Väter und Söhne. Sie waren gefallen oder befanden sich noch in Gefangenschaft. Und doch: Es ging aufwärts. Zumindest wirtschaftlich. Die Hochkonjunktur, die bald unter dem Begriff „Wirtschaftswunder“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte, war in vollem Gange. Der Westen, die Bundesrepublik, entwickelte sich zur Wohlstandsgesellschaft. Die Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz war seit Kriegsende die zweite überhaupt und die erste seit 1938, an der eine deutsche Elf teilnahm. Allein diese Tatsache war für viele Deutsche ein enorm wichtiges Signal: Das Land kehrte in Gestalt der bundesrepublikanischen Nationalmannschaft in die Normalität zurück. Überraschenderweise konnte das Außenseiterteam von Bundestrainer Sepp Herberger im Verlauf des Turniers sogar Siege feiern, auch wenn bereits in der Vorrunde mit einer spektakulären 3:8-Niederlange gegen Ungarn das vorzeitige Aus drohte. Diese galten Anfang der 1950er Jahre als absolute Weltklassemannschaft. Bis zum Tag des Endspiels war Ungarn seit dem 14. Mai 1950 in 31 Länderspielen in Folge ungeschlagen. Und es schien zunächst so, als bliebe diese Siegesserie ungebrochen. Dann kam der Tag von Bern, das Endspiel fand am 4. Juli 1954 im Stadion Wankdorf statt und endete mit einem 3:2-Sieg für die Bundesrepublik Deutschland. Der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 durch die bundesdeutsche Fußballnationalmannschaft gegen die hoch favorisierte Nationalmannschaft Ungarns wird auch als das Wunder von Bern bezeichnet. Herbert Zimmermanns leidenschaftliche, hochemotionale Radio-Reportage („Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt… Tor! Tor! Tor! Tor!“) hat großen Anteil an der Legende des Wunders von Bern.

„Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten“

Sönke Wortmann verfilmte 2003 vor dem Hintergrund von Deutschlands unerwartetem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 die bewegende Geschichte der Familie Lubanski im Ruhrgebiet, als Richard nach über zwölf Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Essen zurückkehrt, wo ihm die einst so vertraute Welt nun völlig fremd geworden ist. Daneben wird das junge Ehepaar Ackermann aus München vorgestellt, das die glamouröse Seite der fünfziger Jahre repräsentiert. Weil es um mehr als nur um Fußball geht, nähert sich Regisseur Sönke Wortmann dem Wunder von Bern auf vielen verschiedenen und geschickt miteinander verbundenen Ebenen. Das Gefühl der damaligen Zeit wird mit narrativen und technischen Mitteln aufwendig rekonstruiert. Stage Entertainment eröffnet mit dem Musical „Das Wunder von Bern“ das neue Theater an der Elbe. Gil Mehmert hat das Epos für die Bühne adaptiert und führt auch Regie, für die Musik konnten Martin Lingnau („Heiße Ecke“, „Das Orangenmädchen“, „Der Schuh des Manitu“) als Komponist und Frank Ramond als Liedtexter gewonnen werden.

Zum Inhalt:
Ruhrgebiet 1954. Der elfjährige Matthias Lubanski, genannt „Mattes“, lebt mit seiner Mutter Christa und seinen älteren Geschwistern Bruno und Ingrid in einer von den Folgen des Zweiten Weltkrieges geprägten Arbeitergegend in Essen. Dazu gehört auch, dass er ohne seinen Vater aufwächst. Als Mattes geboren wurde, befand der sich bereits in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Hoffnung auf eine Rückkehr hat die Familie im Grunde aufgegeben. Während Christa in ihrer Kneipe ihren Mann steht und Bruno und Ingrid ihr eigenes Leben leben, verbringt Mattes viel Zeit mit den Kindern des Viertels beim Fußball spielen, wobei er selbst kein besonders guter Kicker ist. Längst hat sich der Junge einen Ersatzvater gesucht: Helmut Rahn, der Rechtsaußen seines Lieblingsvereins Rot-Weiss Essen. Die Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz steht bevor, und als einer der besten Spieler des Landes gehört Helmut alias „Der Boss“ zu den Stars der Nationalmannschaft. Mattes trägt ihm regelmäßig die Tasche zum Training und ist stolz darauf, das „Maskottchen“ seines Helden zu sein. Zumal der ihm sagt, dass er nur gewinnen könne, wenn Mattes dabei ist.

Doch eines Tages gerät Mattes’ Welt völlig aus den Fugen: Sein Vater Richard kehrt überraschend aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Doch er ist nicht mehr der Vater, den sich Matthias so sehr erträumt hat. Zwölf Jahre lang war er nicht zu Hause – jetzt ist er ein gebrochener Mann. Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, der weder die Selbstständigkeit seiner Frau noch die politischen Vorstellungen seines Sohnes Bruno oder die Träume seiner Tochter Ingrid akzeptieren will. Auch mit Mattes’ Begeisterung für Fußball und den Boss kann er rein gar nichts anfangen. Richard findet einfach keinen Platz in seiner Familie und der Nachkriegsgesellschaft.

Derweil ist die deutsche Nationalmannschaft unter Bundestrainer Sepp Herberger in ihrem Quartier am Thuner See angekommen und bereitet sich auf das erste WM-Turnier mit deutscher Beteiligung seit dem Zweiten Weltkrieg vor. Zur Mannschaft gehört auch Helmut Rahn. Allerdings lässt Herberger den Boss kaum spielen. Der reagiert mit Unverständnis und ist maßlos enttäuscht. Auch Mattes im fernen Essen kann es nicht fassen. Doch selbst wenn Rahn spielen würde – hatte er nicht gesagt, er könne nur in Mattes’ Gegenwart gewinnen?

In der Nacht vor dem Endspiel in Bern, weckt Richard seinen Sohn, um mit ihm in die Schweiz zu fahren. Der Pfarrer hat ihm sein Auto geliehen, und so machen sich die beiden auf die Reise Richtung Endspiel. Gegen Ende der zweiten Halbzeit gelangen sie endlich ins Stadion. Im Spiel gegen die haushohen Favoriten aus Ungarn steht es 2:2. Da rollte der Ball ins Aus – und Mattes genau vor die Füße. Er hebt ihn auf und wirft ihn Helmut Rahn zu, der endlich spielen darf. Der Boss und Mattes sehen sich in die Augen. Jetzt ist alles möglich. Mit atemloser Stimme kommentiert der Reporter Herbert Zimmermann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt… Tor! Tor! Tor! Tor!“ Und nur wenige Minuten später bricht es aus ihm heraus: „Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“

Im Stadion, in Christas Kneipe, überall im Land liegen sich die Menschen in den Armen. Deutschland, eine verunsicherte Nation, die nach einem selbst angezettelten mörderischen Krieg geächtet am Boden lag, steht wieder auf. Die Menschen finden zu sich und zueinander und sind bereit für einen Neuanfang.

Das neue Theater an der Elbe

Typischerweise erreicht man das neue Theater an der Elbe von den St. Pauli Landungsbrücken mit Shuttle-Schiffen, die am neuen Schiffsanleger festmachen, der nun mittig zwischen dem alten Theater im Hafen („Disneys Der König der Löwen“) und dem neuen Theater an der Elbe („Das Wunder von Bern“) positioniert ist. Am Samstag vor der Uraufführung war der Blick vom „AIDA Musical-Boulevard“, der die beiden Theater miteinander verbindet, auf Hamburg mit den St. Pauli Landungsbrücken, dem „Michel“ und der Baustelle Elbphilharmonie auf dem Kaispeicher A jedoch von typischem Fritz-Walter-Wetter geprägt. So wendet man sich doch bald dem neuen, von Arno Meijs von AMA Group Associated Architects aus den Niederlanden entworfenen Theater an der Elbe zu, in dessen auf dem Dach angebrachten 7.500 individuell gefertigten Edelstahlschindeln sich Hamburgs Himmel herbstlich grau spiegelt. Durch die bis zu 12 Meter hohe Panorama­fenster­front kann man sich die Skyline von Hamburg ebenso gut aus dem Foyer des Theaters anschauen. Das Vorderhaus wird von etwa 50 Gemälden, Skulpturen, der Lichtinstallation „Diagonal“ des niederländischen Designers Hugo Timmermans und den eigens für das neue Haus in Auftrag gegebenen Foto-Arbeiten des niederländischen Fotografen Erwin Olaf geprägt, die es zu einer Werkschau zeitgenössischer Kunst machen. Der Zuschauerraum bietet 1.850 Besuchern Platz, davon 1.150 im Parkett und 700 im Rang. Die Wandverkleidungen, Teppichböden und Stühle sind in klassischem Rot gehalten, wie in allen Theatern von Stage Entertainment.

Das neue Theater an der Elbe

Das neue Theater an der Elbe

Gil Mehmert (Buch und Regie „Aus des Tiefe des Raumes, 2004, unzählige Schauspiel- und Musical-Inszenierungen) hat Sönke Wortmanns Film für die Bühne adaptiert, ohne sich zu akribisch an die Vorlage zu halten. Wer den Film gut kennt, wird dennoch viele Details in der Bühnenfassung wiederfinden. Gil Mehmert erzählt die emotionale Geschichte der Familie Lubanski vor dem Hintergrund von Deutschlands unerwartetem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 mit den Mitteln des musikalischen Unterhaltungstheaters, ergänzt durch artistische Einlagen, die sich nicht nur auf die Realisierung des Endspiels auf der Bühne beschränken. Die Farbgestaltung aus Sönke Wortmanns Film, Szenen im Ruhrgebiet in dunklen Farbtönen zu zeigen, die Szenen in der Schweiz dagegen in hellen Farben beinahe als Postkartenidyll darzustellen, haben auch Andreas Fuchs (Lichtdesign), Ad de Haan und Timm Ringewaldt (Videodesign) für das Musical übernommen. Eine typische S/W-Aufnahme einer durch die Montanindustrie geprägten Landschaft mit Fördertürmen und animierten rauchenden Schloten aus den 1950er-Jahren bildet den Bühnenhintergrund bei den Szenen in Essen, bunte Postkartenmotive illustrieren die übrigen Szenen als Hintergrund. Die Wohnung von Familie Lubanski in Essen, Christas Gaststätte „Christas Eck“, die Wohnung der Ackermanns in München oder das Hotel Belvédère in Spiez am Thunersee werden durch entsprechende Bühnenteile (Bühnenbild Jens Kilian) dargestellt, die von den Seitenbühnen und aus dem Schnürboden auf die Hauptbühne bewegt werden. Der Omnibus, mit dem die Fußball­national­mannschaft in die Schweiz fährt, wird von den Darstellern auf der Bühne mit ihren aufgeklappten Koffern zusammengebaut, und wenn dessen beiden Scheinwerfer eingeschalten werden, gibt es auch für diesen Regie-Einfall Szenenapplaus. Das Fußballtraining der Nationalmannschaft in der Sportschule Grünwald in München in der Choreografie von Simon Eichenberger weckt Assoziation an akkurate Step-Dance-Shows, auch wenn es sich hier nicht um eine Stepptanz-Choreografie handelt, und die Chorus Line der Nationalspieler vor dem Glitzervorhang im Pausenfinale knüpft schließlich mühelos an den Stil klassischer Broadway-Musicals an. Das entscheidende Endspiel in Bern beginnt mit der Mannschaftaufstellung, die Sepp Herberger auf einer Tafel mit Schulkreide erläutert. Seine Illustrationen werden simultan in eine Projektion auf den Bühnenhintergrund übernommen. Das Stadion Wankdorf erscheint ebenso als komplette Kreidezeichnung als Projektion, was dem Publikum bereits einen Szenenapplaus wert ist. Das Endspiel selbst wird durch Flugakrobaten dargestellt (Konzept und Choreografie vertikale Fußballakrobatik: Brendan Shelper/battleROYAL), die sich vor der Projektion an durch entsprechende Beleuchtung fast nicht sichtbaren Seilen auf- und abwärts bewegen können, wobei die Flugbahn des durch den Regen fliegenden Fußballs nur in der animierten Projektion zu sehen ist und wie bei der Illustration der Mannschaftssaufstellung mit entsprechenden Kreidepfeilen nachgezeichnet wird. Lediglich der Fußball, der Mattes vor die Füße rollt und den er daraufhin Helmut Rahn zuwirft, ist real auf der Bühne vorhanden.

Vater und Sohn auf dem Weg nach Bern
© Stage Entertainment/Morris Mac Matzen

Riccardo Campione spielte in der besuchten Preview die Rolle des jungen Mattes, dessen großes Hobby das Fußballspielen ist. Für sein Idol Helmut Rahn darf Mattes die Tasche tragen und sieht in ihm eher eine Vaterfigur als nur einen Freund. Ricardo hat auch bereits in Disneys Musical „Tarzan“ als kleiner Tarzan mitgespielt, ist in nahezu allen Szenen auf der Bühne zu sehen und singt insgesamt acht Lieder im Stück, mit viel Elan ist er bei der Sache und lässt auch gesanglich keine Wünsche offen, man merkt ihm seine „Bühnenerfahrung“ an. Detlef Leistenschneider verhält sich als Richard Lubanski gegenüber seiner Familie gefühlskalt und aggressiv, als er nach über zwölf Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Essen zurückkehrt, erst im zweiten Akt erfährt seine Familie in seinem emotionalen Lied „Die Krähe“, wie viel Leid er dort erfahren hat. Geradezu beklemmend wird diese Qual bereits im ersten Akt für die Zuschauer offensichtlich, als sich für Richard der Zechenstollen im Lärm der Bohrhämmer in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Vera Bolten verkörpert glaubhaft die Rolle von Richards Ehefrau Christa, die während der Gefangenschaft ihres Mannes als tapfere „Trümmerfrau“ mit der Gaststätte „Christas Eck“ die Familie durchgebracht und große Hoffnungen auf die Rückkehr ihres Mannes gesetzt hat. Nur ganz langsam gelingt es ihr, wieder eine Beziehung zu ihm aufzubauen, erst zum Ende des Musicals können sich die beiden liebevoll in die Arme schließen. Marie-Anjes Lumpp hilft in der Rolle von Ingrid Lubanski als einzige Tochter der Familie in der Gaststätte ihrer Mutter aus, doch daneben versucht sie, ihr eigenes Leben zu leben und provoziert mit ihrer Lust auf Vergnügungen und die Liebe ihren Vater, der dafür überhaupt kein Verständnis aufbringt. David Jakobs ist als Mattes’ älterer Bruder Bruno der Rebell in der Familie, er klebt Plakate für die Kommunistische Partei Deutschlands und spielt in einer Rock’n’Roll-Band Gitarre. Beides missfällt seinem Vater nicht nur gehörig, sondern führt auch zu einem Streit zwischen beiden, wonach Bruno sein Glück in Ost-Berlin suchen möchte. Elisabeth Hübert und Andreas Bongert stellen als das jungvermählte Ehepaar Ackermann den Gegenentwurf zur in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie Lubanski dar. Andreas Bongart bekommt als Sportreporter der „Süddeutschen Zeitung“ mit der Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft vor Ort in der Schweiz eine große Karrierechance, gleichzeitig ist es eine große Bewährungsprobe, die ihn zunächst etwas überfordert, nur mit Hilfe seiner Frau agiert er immer souveräner in dem aufregenden Umfeld. Elisabeth Hübert ist in der Rolle der Gattin des Sportjournalisten eine selbstbewusste junge Frau, Inbegriff des deutschen „Fräuleinwunders“, die Entscheidungen trifft, ob es nun um Urlaubsreisen oder um die Namen für den zukünftigen Nachwuchs geht. Mit weiblicher Intuition ist sie in der Lage, ihren Mann immer wieder zu verunsichern, in ihrem Song „Kannst du denn wirklich nur an Fußball denken?“ landen beide schließlich in der mit Schaum gefüllten Badewanne. Als Walk in Cover spielte Michael Ophelders in der besuchten Preview die Rolle des gewitzten National-Trainers Josef „Sepp“ Herberger, der sich auch um die Psychologie seiner Spieler kümmert. So schafft er, nach kleineren Streitigkeiten, den berühmten „Geist von Spiez“; seine Sprüche wie „Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten“ sind immer noch die besten. Dominik Hees und Mark Weigel sind als Helmut Rahn und Fritz Walter zu sehen, zwei Nationalspieler, wie sie gegensätzlicher nicht sein können: Helmut Rahn, der Stürmer von Rot-Weiss Essen, geht gerne mit dem Kopf durch die Wand, wohingegen Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern auf Anweisung des Nationaltrainers das Hotelzimmer mit Helmut Rahn teilen muss, um mit seinem ruhigen Naturell beschwichtigend auf ihn einzuwirken. Jogi Kaiser hat als Kriegs-Versehrte Tiburski, Putzfrau im Hotel und Adolf „Adi“ Dassler, Erfinder der Schraubstollen an Fußballschuhen, zwar nur kleinere Rollen, aber insbesondere als Putzfrau im Hotel kann er im Pausenfinale „Seien Sie nicht so Deutsch“ sein komisches Talent unter Beweis stellen. Tetje Mierendorf gibt als Pfarrer Keuchel Richard Lubanski schließlich den entscheidenden Gedankenanstoß, seine Haltung zu überdenken, um damit wieder zu sich selbst, seiner Familie und Matthias zu finden. Pfarrer Keuchel interessiert sich so leidenschaftlich für Fußball, dass er sogar im Beichtstuhl die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft im Radio verfolgt. Auch die beiden Fußball-Freestyler Adrian Fogel und Dominik Kaiser sowie die Darsteller der Fußballnationalspieler, die im Endspiel als Flugakrobaten agieren, tragen mit ihren besonderen Einlagen zum beeindruckenden Gesamteindruck bei.

Mit „Das Wunder von Bern“ hat Stage Entertainment eine komplett deutsche Eigenproduktion aus der Taufe gehoben, in dem die Zuschauer 60 Jahre nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 noch einmal die „eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“ erleben können, den Mannschaftsgeist der bundesdeutschen Fußballnationalmannschaft und das Wir-Gefühl einer ganzen Nation im Wiederaufbau. Das Publikum in der letzten Preview vor der Uraufführung zeigte sich von der Leistung der Darsteller begeistert und zollte ihnen entsprechend langanhaltenden Stehapplaus. Das Wunder von Bern ist ein Stück deutscher Geschichte und könnte dementsprechend ganz Deutschland bewegen. Nun darf man gespannt sein, auf wie viel Resonanz das Musical „Das Wunder von Bern“ in der Bevölkerung stößt, und was beinahe noch interessanter ist, ob eine derartige Steigerung der Musical-Besucherzahlen in Hamburg tatsächlich möglich ist: Stage Entertainment erhöht mit der Eröffnung des vierten Theaters in Hamburg seine Sitzplatzkapazität um knapp 35 % auf über 7.000 mögliche Zuschauer. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten durchaus ein Wagnis. Bewegende Geschichten im musikalischen Unterhaltungstheater sind lediglich eine notwendige Bedingung; viele Millionen Zuschauer, die sich davon begeistern und mitreißen lassen, sind letztendlich die hinreichende Bedingung für den langfristigen Erfolg dieser Unterhaltungsform in den vier großen Theatern von Stage Entertainment in Hamburg.

Fernand Léger, „La Grande Fleur qui Marche“, 1952

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