Dienstag, 7. Oktober 2014

Hirngespinster

„Hirngespinster“ – Deutschland, 2013; 96 Minuten. Weltpremiere: 30. Juni 2014, Filmfest München, ARRI Kino. Drehbuch, Regie: Christian Bach; Kamera: Hans Fromm; Schnitt: Max Fey; Musik: Lorenz Dangel; Szenenbild: Markus Dicklhuber; Kostümbild: Anke Winckler. Darsteller: Tobias Moretti (Hans Dallinger), Stephanie Japp (Elli Dallinger), Jonas Nay (Simon Dallinger), Hanna Plaß (Verena), Ella Frey (Maja Dallinger), Stefan Hunstein (Jochen Benrath), Johannes Silberschneider (Dr. Steinhauer), Michael Kranz (Guido), Joachim Nimtz (Hauptwacht­meister), Susanne Schröder (Frau Hagedorn), Marcus Calvin (Martin Hagedorn), Jörg Witte (Rainer Grabowski), Marc Benjamin (Junger Mann im Club), Ilja Rossbander (Junger Polizist), Thomas Limpinsel (Polizist), Thomas Grässle (Monteur), Moritz Fischer (Monteur), Sigrun De Leyra (Schwester Veronika) u. v. a.; FSK ab 12 Jahre


„Hirngespinster“

Deutschlandpremiere in der Lichtburg Essen

Am 6. Oktober 2014 fand in der Lichtburg Essen die Deutschlandpremiere des Dramas „Hirngespinster“ statt, mit dem Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach seinen ersten Langfilm vorlegt. Zur Vorstellung des Films waren Christian Bach, die beiden Hauptdarsteller Tobias Moretti und Jonas Nay sowie die ausführenden Produzenten Nathalie Scriba und Ralf Zimmermann nach Essen gekommen.

Beim Bayerischen Filmpreis 2013 wurde der Film für die herausragende schauspielerische Leistung gleich zweimal ausgezeichnet: Tobias Moretti erhielt den Preis als bester Darsteller. Jonas Nay wurde als bester Nachwuchsdarsteller geehrt. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung erhielt „Hirngespinster“ das Prädikat „besonders wertvoll“. In der Jurybegründung heißt es: „Wie schmal die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn sein kann, zeigt dieser dramaturgisch erstaunlich dichte und konsequent erzählte erste Langfilm von Christian Bach. (…) Wie geht eine Familie mit einer solchen Krankheit um, wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen den Eheleuten, wie zwischen Vater und Sohn, und wie wird die erst neunjährige Tochter mit diesem familiären Ausnahmezustand fertig? Aus diesen Fragen bezieht der Film seine Spannung, die bis zum Schluss andauert. Dabei wird in immer neuen Konstellationen das Thema behandelt. (…) Bei all diesen dramatischen Darstellungen verliert sich „Hirngespinster“ nicht in Klischees oder sentimentalen Szenen, verurteilt nicht, sondern erzählt eine intensive, oft tragische Geschichte, in die aber auch Momente der Hoffnung, überzeugende Gefühle und sogar humorvolle Augenblicke eingestreut sind. Herausragend sind alle Darsteller in diesem Film, sowohl der schon mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichneten Tobias Moretti als durch seine Psychose an den Rand des Abgrunds gedrängten Vater, als auch Jonas Nay als der Sohn, der seinen Vater verzweifelt liebt, ihm aber nicht helfen kann und am Ende der eskalierenden Ereignisse selbst zum Opfer wird. Ein bemerkenswertes Kinodebüt, dem das höchste Prädikat verdientermaßen einstimmig zugesprochen wurde.“

Tobias Moretti

Ralf Zimmermann, Jonas Nay, Christian Bach, Tobias Moretti und Nathalie Scriba

Jonas Nay

Zum Inhalt:
Auf den ersten Blick wirkt die Familie des 22-jährigen Simon Dallinger (Jonas Nay) wie eine ganz normale Mittelstands-Familie: Vater Hans (Tobia Moretti) tüftelt in seinem Arbeitszimmer leidenschaftlich an komplizierten Konstruktionsplänen für einen Museumsbau. Mutter Elli (Stephanie Japp) arbeitet bei einer Versicherung und das 8-jährige Nesthäkchen Maja (Ella Frey) ist begeisterte Tischtennisspielerin. Doch hinter der Fassade des architektonisch herausstechenden Einfamilienhauses sieht es anders aus. Simons Vater verhält sich ziemlich sonderbar: er fühlt sich beobachtet, führt Selbstgespräche und hat Ärger mit der Polizei, nachdem er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Satellitenanlage der Nachbarn zerstört hat, um nicht mehr „ausspioniert“ zu werden. Simon ist derjenige, der bei all dem Chaos den Haushalt der Familie schmeißt und sich liebevoll um seine kleine Schwester kümmert. Denn Hans hat seit längerem keinen Auftrag mehr nach Hause gebracht und Elli arbeitet als Alleinversorgerin oft bis spät in die Nacht, um die Familie durchzubringen.

Simon scheint sich ganz gut mit diesem Leben arrangiert zu haben. Die Frage, warum er nichts aus seinem großen Talent fürs Zeichnen macht, schiebt er auf. Ansonsten fährt tagsüber als Busfahrer Schulkinder durch die Gegend und hängt – sobald sobald es die Situation zu Hause zulässt – in der Bar seines in der Bar seines Kumpels Guido (Michael Kranz) oder in einem der wenigen Clubs der Kleinstadt herum. Dort lernt er eines Abends die schlagfertige und attraktive Verena (Hanna Plaß) kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Doch Verena wird nicht lange in der Stadt bleiben. Sie absolviert zur Vorbereitung ihres Medizinstudiums nur ein Praktikum im örtlichen Krankenhaus. Verwirrt geht Simon an diesem Abend nach Hause.

Hans´ Zustand verschlechtert sich indes. Als Handwerker eine neue Satellitenschüssel auf dem Nachbardach installieren, verliert er die Kontrolle. Mit einer Axt geht er auf die Männer los und demoliert deren Auto. Simon wird verständigt – ausgerechnet in dem Moment, als er sein erstes Date mit Verena hat. Ohne ihr etwas zu erkären, rast er davon und lässt eine ratlose Verena zurück. Als Simon zu Hause ankommt, ist der Polizeieinsatz in vollem Gange, und Hans wird in die Psychatrie eingewiesen, dieses Mal in die geschlossene Abteilung.

Der behandelnde Arzt, Dr. Steinhauer (Johannes Silberschneider) diagnostiziert einen neuen psychotischen Schub. Hans soll mit starken Psychopharmaka behandelt werden, die ihm allerdings zwangsverabreicht werden müssen, denn er verweigert jegliche Therapie. Verzeifelt befragt Simon den Arut nach seinem eigenen Schicksal: Denn es ist wahrscheinlich, dass zwei von zehn Kindern an Schizophrenie erkranken, wenn ein Elternteil daran leidet. Und was ist mit ihm? Doch der Arzt kann ihm nicht weiterhelfen: bisher gibt es keine eindeutige Möglichkeit, eine erbliche Vorbelastung festzustellen, und so muss Simon weiter mit der Angst leben, selbst einmal waahnsinnig zu werden. Traurig und geschockt vom Zustand seines Vaters hält Simon sich erst einmal fern von Verena. Wie sollte er ihr all das auch erklären?

Als Hans nach einiger Zeit aus der Psychiatrie entlassen wird, sind alle Familienmitglieder um Normalität bemüht. Aber Hans verweigert weiterhin die Medikamente. Simon und seine Mutter ringen um einen Weg, damit umzugehen. Elli will ihren immer noch geliebten Mann nicht ganz an die Krankheit verlieren und mischt in ihrer Verzweiflung schließlich die Pillen heimlich unters Essen. Hans hatte immer große Angts, seine Kreativität zu verlieren, doch genau dies macht sich bei ihm als eine der Nebenwirkungen der Psychopharmaka nun bemerkbar. Und trotzdem, Hans wird ruhiger und zugänglicher.

Die teuer erkaufte Normalität mit Hans als funktionierendem Vater und Ehemann währt nicht lange, denn Hnas entgeht der Verrat durch seine Ehefrau letztlich nicht. In dem dadruch neu ausgelösten Verfolgungswahn stellt er seine Ernährung auf Konservendosen um und begint die gesamte Wohnung als als „Abhörschutz“ gegen die Satelliten mit Goldfolie auszukleiden. Schließlich droht Hans mit Scheidung. Er vermutet, dass seine Familie und sein Ex-Kompagnon Jochen Benrath (Stefan Hunstein) unter einer Decke stecken und es auf seine Entwurfsideen für den Architekturwettbewerb abgesehen haben. Benrath hatte Hans vor einigen Jahren aus der gemeinsamen Firma gedrängt, weil dessen Verhalten damals nicht mehr tragbar war.

In Gedanken ist Simon ständig bei Verena und er will nichts lieber, als mit ihr zusammen zu sein. Aber seine Familie nimmt ihn in Beschlag. VErena spürt, dass Simon sich nicht wirklich auf sie einlassen kann oder will. Dennoch taucht sie eines Abends überraschend bei ihm zu Hause auf. Von der in Goldfolie gepackten Welt der Dallingers nicht sonderlich beeindruckt, versucht Verena Simon aus der Reserve zu locken. Sie eröffnet ihm, dass sie in ein paar Tagen die Kleinstadt verlassen wird, um ihr Medizinstudium in Hamburg zu beginnen. Doch in diesem Moment kann Simon nichts anderes tun, als sie ziehen zu lassen.

In seiner wachsenden Zerissenheit versucht Simon mit allen Mitteln, seinen Vater zu der Einsicht zu bewegen, dass er krnak ist und dringend Hilfe benötigt – aber vergeblich. Selbst als er ihn bis aufs Äußerste provoziert, dringt er nicht zu seinem Vater durch. Hans hingegen fühlt sich immer mehr bedroht. Er packt seine Architekturentwürfe zusammen, flüchtet und verbringt die Nacht in seinem Auto unter einer Autobahnbrücke. Als er am nächsten Morgen von einer Polizeistreife kontrolliert wird, flieht er in seinem Wahn. Simon, der seinen Vater überall gesucht hat, weiß schließlich, wo er ihn finden kann. Die Situation eskaliert und es kommt zu einem folgenschweren Unfall. Simon erkennt, dass er das Leben seines Vaters nicht ändern kann, sonder nur sein eigenes.

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