Dienstag, 30. September 2014

Dreamgirls

„Dreamgirls“ – nach der Geschichte der Supremes und des Motown Plattenlabels; Musik: Henry Krieger; Lyrics, Buch: Tom Eyen; Niederländische Bearbeitung: Jurrian van Dongen; Inszenierung: Gijs de Lange; Choreografie: Martin Michel; Bühne: Eric van der Palen; Kostüme: Maya Schröder; Licht: Luc Peumans; Ton: Michael Story; Musikalische Leitung: Ad van Dijk. Darsteller: Berget Lewis (Effie White), Pearl Jozefzoon (Deena Jones), Aïcha Gill (Lorrell Maya Robinson), Edwin Jonker (Curtis Taylor Jr.), David Goncalves (C. C. White), Jerrel Houtsnee (Marty Madison), Clayton Peroti (Jimmy „Thunder“ Early), Rubiën Florens Vyent (Michelle Morris), Gitty Pregers (Alternate Effie White), Leo Alexander Hewitt (Little Albert, Mr. Morgan, Understudy C. C. White), Tjindjara Metchendorp (Understudy Deena Jones), Urvin Monte (MC, Frank, Understudy Curtis Taylor Jr., Understudy Marty Madison), Fenna Ramos (Understudy Michelle Morris), Belinda van der Stoep (Understudy Lorrell Maya Robinson), Omri Tindal (Tiny Joe Dixon, Wayne, Understudy Jimmy „Thunder“ Early, Understudy C. C. White), Swings: Perry Gits, Sasha Sebutun, Naomi Webster. Uraufführung: 20. Dezember 1981, Imperial Theatre, New York City. Premiere: 28. September 2014, Nieuwe Luxor Theater, Rotterdam.



„Dreamgirls“


Albert Verlinde Entertainment zeigt das Musical als Tournee in den größten regionalen Theatern in den Niederlanden


Pearl Jozefzoon (Deena Jones), Berget Lewis (Effie White) und Aïcha Gill (Lorrell Maya Robinson); © Roy Beusker Fotografie

Das Musical „Dreamgirls“ von Henry Krieger (Musik) und Tom Eyen (Buch und Lyrics), das auf der Geschichte der bekanntesten Girl Group der 1960er-Jahre, „The Supremes“, und des Motown Plattenlabels basiert, feierte am 20. Dezember 1981 am Imperial Theatre seine Broadway Premiere, und wurde bis 11. August 1985 in 1.521 Vorstellungen gezeigt. Das Musical war 1982 für 13 Tony Awards nominiert und wurde schließlich mit sechs Tony Awards ausgezeichnet, u. a. für das beste Buch. „Dreamgirls in Concert“ mit Audra McDonald (Deena Jones), Lillias White (Effie White) und Heather Headley (Lorrell Robinson) am Ford Center for the Performing Arts erbrachte am 24. September 2001 als Benefizkonzert – als eine der ersten Spendenaktionen nach 9/11 – mehr als 1 Million US-$ Einnahmen zugunsten der Stiftung „The Actors’ Fund of America“. Es wurde 2006 von Dreamworks und Paramount Pictures mit Jamie Foxx (Curtis Taylor, Jr.), Beyoncé Knowles (Deena Jones), Eddie Murphy (Jimmy „Thunder“ Early) und Jennifer Hudson (Effie White) erfolgreich verfilmt und erhielt u. a. drei Golden Globe Awards und zwei Academy Awards („Oscars“). Bereits zu der Zeit nahmen Albert Verlinde und Jeroen Dona als Produzenten Kontakt mit den amerikanischen Rechteinhabern auf, und nun wird „Dreamgirls“ ab September 2014 mit der niederländischen Sängerin mit Surinamischer Abstammung Berget Lewis als Effie White und Pearl Jozefzoon („The voice of Holland“) als Deena Jones als Tournee in den größten regionalen Theatern in den Niederlanden gezeigt, am 28. September 2014 wurde die Galapremiere im Neuen Luxor Theater in Rotterdam gefeiert.

Berget Lewis (Effie White), Pearl Jozefzoon (Deena Jones) und Aïcha Gill (Lorrell Maya Robinson); © Roy Beusker Fotografie

Die drei farbigen Mädchen Effie White, Deena Jones und Lorrell Maya Robinson bilden Anfang der 1960er Jahre in Chicago das zunächst wenig erfolgreiche Soultrio „The Dreamettes“. Den Talentwettbewerb im Apollo Theater in Harlem gewinnen sie zwar nicht, aber Gebrauchtwagenhändler Curtis Taylor, Jr., der ihr Manager wird, überzeugt R&B Star Jimmy „Thunder“ Early und seinen Manager Marty Madison, „The Dreamettes“ als Backgroundsängerinnen zu engagieren. Obwohl ihr erster gemeinsamer Auftritt erfolgreich verläuft, überzeugt Curtis Jimmy und Marty, sich stärker im Mainstream-Pop zu engagieren. „Cadillac Car“, von Clarence Conrad „C. C.“ White für Jimmy „Thunder“ Early und „The Dreamettes“ geschrieben, kann sich zunächst in den Charts platzieren, wird aber erfolgsmäßig von einer Coverversion von Pat Boone weit übertroffen. Leadsängerin Effie verliebt sich in ihren intriganten Manager Curtis und Lorrell beginnt eine Affäre mit Jimmy, der verheiratet ist. Als die attraktivere Deena jedoch zur privaten Favoritin Taylors wird, muss Effie nach zermürbenden Reibereien auch in der Führung des Trios das Feld räumen, das nun unter dem Namen „The Dreams“ Erfolge feiert. 1967 ersetzt Curtis Taylor, Jr. in Las Vegas Effie White durch Michelle Morris, und die Gruppe wird in „Deena Jones and The Dreams“ umbenannt. So ist das Showbusiness.

Rubiën Florens Vyent (Michelle Morris), Pearl Jozefzoon (Deena Jones) und Aïcha Gill (Lorrell Maya Robinson); © Roy Beusker Fotografie

Fünf Jahre später sind „Deena Jones and The Dreams“ auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt, während Effie White versucht, in Chicago ihre Enttäuschung zu überwinden. Bestürzt muss Curtis feststellen, dass Deena Jones ihren eigenen Traum verwirklichen und eine Filmkarriere beginnen möchte. Und auch zwischen Curtis und C. C. kommt es wegen dessen Song „One Night Only“, den Effie als Ballade aufnimmt, zu künstlerischen Meinungsverschiedenheiten, woraufhin er „One Night Only“ in einer Disco-Version von „Deena Jones and The Dreams“ veröffentlicht und seinen Einfluss nutzt, um diese Version zu pushen. Marty deckt Curtis’ illegale Geschäftspraktiken auf, und Deena findet endlich den Mut, Curtis zu verlassen, um ihr eigenes Leben zu leben. Auch Lorell verlässt Jimmy, der selbst nach sieben Jahren noch immer nicht von seiner Frau geschieden ist. Deena versöhnt sich mit Effie, die feststellt, dass sie offenbar trotz der Belastung durch ihre Tochter aus der Beziehung mit Taylor weit glücklicher lebt als die beiden anderen, von privater Resignation geplagten Paare. Bei einem Abschiedskonzert der „Dreams“ singt sie schließlich gemeinsam mit ihren früheren Freundinnen „One Night Only“. Im wahren Leben war das Ende weit weniger harmonisch: Florence Ballard, die 1967 bei den „Supremes“ durch Cindy Birdsong (* 15. Dezember 1939 in Mount Holly, New Jersey) ersetzt wurde und deren Solokarriere scheiterte, scheute angesichts von Armut und Depressionen das Rampenlicht und starb neun Jahre später an Herzstillstand.

„Ik verander“ („I am changing“): Berget Lewis (Effie White); © Roy Beusker Fotografie

Obwohl Autoren und Produzenten seinerzeit – womöglich aus rechtlichen Gründen – einen Zusammenhang der Handlung des Musicals mit der Biografie der „Supremes“ Florence Ballard (* 30. Juni 1943 in Detroit, Michigan; † 22. Februar 1976 in Detroit, Michigan), Mary Wilson (* 6. März 1944 in Greenville, Mississippi) und deren spätere Leadsängerin Diana Ross (* 26. März 1944 in Detroit, Michigan) sowie der Geschichte des Motown Plattenlabels um deren Gründer Berry Gordon, Jr. (* 28. November 1929 in Detroit, Michigan) standhaft bestritten haben, sind Ähnlichkeiten doch nicht von der Hand zu weisen. Doch diese treten in der Inszenierung von Gijs de Lange umso mehr in den Hintergrund, je stärker diese auf die wirklich starken Songs von Henry Krieger mit den Soulhits „Fake Your Way to the Top“, „Dreamgirls“ und „Steppin’ to the Bad Side“ und den Balladen „One Night Only“ und „Ik ga niet“ („And I’m telling you I’m not going“ in der niederländischen Übersetzung von Jurrian van Dongen, der die Songs mit erzählendem Charakter ins Niederländische übertragen hat, die übrigen Songs wurden im englischen Original belassen) fokussiert. Damit erinnert die Inszenierung fast ein wenig an szenisch eingerichtete konzertante Aufführungen, im schlichten Bühnenbild von Eric van der Palen werden die unterschiedlichen Handlungsorte mit Hilfe weniger Versatzstücke ebenfalls lediglich angedeutet. Dafür machen die prächtigen Kostüme von Maya Schröder und die mitreißenden Choreografien von Martin Michel die Show zu einem echten Hingucker. Die siebenköpfige Band bringt Henry Kriegers Partitur auf der Bühne mit viel Verve zu Gehör.

Rubiën Florens Vyent (Michelle Morris), Pearl Jozefzoon (Deena Jones), Aïcha Gill (Lorrell Maya Robinson) und Berget Lewis (Effie White); © Roy Beusker Fotografie

In den Hauptrollen bringen Berget Lewis (Effie White), Pearl Jozefzoon (Deena Jones) und Aïcha Gill (Lorrell Robinson) den packenden Sound der 1960er-Jahre authentisch auf die Bühne. Berget Lewis und Aïcha Gill geben mit „Dreamgirls“ ihr Musicaldebüt, Pearl Jozefzoon hat dagegen bereits in „Haispray“ und „Legally Blonde“ mitgewirkt. Berget Lewis („De beste zangers van Nederland“) dominiert als stimmliches Ausnahmetalent das Damentrio. Als Effie White schließlich von ihrem Manager und Geliebten verstoßen und von ihren Freundinnen aufgegeben wird, setzt sich Berget Lewis stimmgewaltig mit „Ik ga niet“ („And I’m telling you I’m not going“) gegen ihre Verdrängung aus der Gruppe zur Wehr, sicherlich ihr stärkster Song zum Ende des ersten Aktes und der Höhepunkt der Show, der vom Publikum mit tosendem Applaus bedacht wurde. Auch Pearl Jozefzoon und Aïcha Gill machen in ihren Rollen eine gute Figur und können gesanglich beeindrucken, schauspielerisch lassen ihnen die klischeehaft gezeichneten Charaktere jedoch wenig Entfaltungsspielraum, da das Stück eher wie eine Nummernrevue daherkommt. Doch nicht nur die Girls haben in „Dreamgirls“ ihren starken Auftritt, auch die Männer wissen durch ihre Leistung für sich einzunehmen. Clayton Peroti zieht als R&B Star Jimmy „Thunder“ Early in bester James Brown-Manier alle Register seines Könnens und stiehlt den „Dreamettes“ als Publikumsliebling beinahe die Show, Edwin Jonker kann als opportunistischer Manager Curtis Taylor, Jr. sowohl darstellerisch als auch gesanglich überzeugen. Weiterhin sind David Gonzalves in der Rolle von Effies Bruder C. C., Jerrel Houtsnee als gealterter Musikagent Marty Madison und Rubiën Florens Vyent als Effies Nachfolgerin bei den „Dreams“, Michelle Morris, zu erwähnen, auch das übrige Ensemble weiß mit ansprechenden Leistungen zu überzeugen.

„Dreamgirls“, Hauptdarsteller

Starke Stimmen, großartige Musik und mitreißende Choreografien machen „Dreamgirls“ in den Niederlanden zu einer sehenswerten, unterhaltsamen Produktion. Da „Dreamgirls“ hierzulande eher selten auf der Bühne zu sehen ist (1998 holte Intendant Helmut Baumann das Musical in der Original-Fassung an das Theater des Westens, Christian Struppeck spielte darin den Dave), sollten sich Liebhaber afroamerikanischer Unterhaltungsmusik die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Ticketpreise auf deutschem Stadttheater-Niveau dürften den Musicalbesuch in den Niederlanden überdies begünstigen.

„Dreamgirls“, komplette Premierencast

„Dreamgirls“ ist noch bis zum 23. Februar 2015 u. a. am RAI Theater Amsterdam (18. und 19. November 2014), an der Stadsschouwburg Nijmegen (20. bis 23. November 2014), am Nieuwe Luxor Theater (25. Dezember 2014 bis 4. Januar 2015) und am Koninklijk Theater Carré Amsterdam (11., 12., 17. bis 19. Februar 2015) sowie in Belgien in der Stadsschouwburg Antwerpen (6. bis 7. Februar 2015) und im Capitole Gent (13. bis 14. Februar 2015) zu sehen. In Flandern wird Sandrine Van Handenhoven die Rolle der Deena Jones übernehmen. Weitere Informationen unter www.dreamgirlsdemuscal.nl.

Nieuwe Luxor Theater, Rijnfoyer

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