Mittwoch, 18. Juni 2014

„Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung“

Sonderausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum

Plakat zur Ausstellung „Das Wissensrevier“, © Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Was haben der Eurotunnel, das Münchner Olympia-Stadion und die Bigge-Talsperre gemeinsam? Bei ihrem Bau kam maßgeblich in Bochum entwickelte Technik der Westfälischen Berggewerkschaftskasse (WBK) zum Einsatz. Dabei ist im Falle der Untertunnelung des Ärmelkanals „maßgeblich“ wörtlich zu verstehen. Das bei der WBK entwickelte Vermessungsgerät sorgte nämlich dafür, dass Franzosen und Briten nicht aneinander vorbei bohrten.

Geldtruhe, vermutl. 18. Jahrhundert

Die WBK und ihre direkte Nachfolgerin, die DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung mbH (DMT-LB), feiern mit der Ausstellung „Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung.“ ihr 150-jähriges Jubiläum. Im Jahr 1864 wurde die WBK als zentrale Ausbildungs- und Wissenschaftsinstitution des Ruhrbergbaus gegründet. An den von ihr betriebenen Schulen wurden Generationen von Steigern und Berglehrlingen ausgebildet, während ihre zahlreichen Forschungseinrichtungen die wissenschaftlichen Grundlagen für den Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet lieferten. Zitat Prof. Dr. Jürgen Kretschmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der DMT-LB: „Die Bergbauindustrie lebte nicht nur von der körperlichen Arbeit der Bergleute, sondern erforderte immer auch technisches, naturwissenschaftliches und wirtschaftliches Verständnis. Deshalb war das Steinkohlenrevier von Beginn an auch ein „Wissensrevier“, in dessen Zentrum die WBK als Produzentin und Vermittlerin von Bergbauwissen stand.“

Fritz Hermann Heise, * 10. März 1866 in Helmsgrün, Kreis Kolmar, † 25. Oktober 1950 in Berlin-Nikolasee, Bergmeister, Berschuldirektor, Professor. Gemeinsam mit Friedrich Karl Herbst verfaßte er das „Lehrbuch der Bergbaukunde“, das seit 1908 als Standardwerk des Steinkohlenbergbaus gilt. Bronzebüste, F. Schmaeke, Düsseldorf, 1952

Die Geschichte der Westfälischen Berggewerkschaftskasse zeigt, dass die Industriegesellschaft von Anfang an wesentlich wissensbasiert war. Der industrielle Steinkohlenbergbau in Deutschland wäre ohne wissenschaftliche Erkenntnisse niemals zu einem weltweiten Technologieführer geworden. Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg waren anwendungsorientierte, industrienahe Forschung und Lehre. Diese lange Bildungs- und Forschungstradition führen das Deutsche Bergbau-Museum und die Technische Fachhochschule Georg Agricola, die beide von der DMT-LB getragen werden, heute fort.

Rauchhelm, C. O. König, Altona, 1893

Das DBM ist das weltgrößte Bergbaumuseum, Besuchermagnet der Metropolregion Ruhr und international renommiertes Forschungsinstitut, das sich mit der Gewinnung und Verarbeitung von Georessourcen von der Urgeschichte bis zur Gegenwart beschäftigt, sowie Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Montanhistorische Dokumentationszentrum als Teil des DBM gilt mit seinen reichen Beständen als herausragende Forschungsinfrastruktur für Fragen der Montangeschichte. Die TFH ist die führende rohstoffwissenschaftliche Fachhochschule in Deutschland. Sie übernimmt gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen Verantwortung für die Bildung von Nachwuchskräften im Ingenieurbereich und erarbeitet im Dialog mit Unternehmen und Behörden innovative Lösungen für neue technologische Herausforderungen, beispielsweise mit dem weltweit einzigartigen Kompetenzzentrum Nachbergbau, das im Kontext der Ewigkeitsaufgaben nach Beendigung des Steinkohlenbergbaus entsteht. Gemeinsam bewahren DBM und TFH das intellektuelle und materielle Erbe des Steinkohlenbergbaus. „Damit Fachhochschule und Museum ihre Aufgaben auch zukünftig nachhaltig wahrnehmen können, hat die RAG-Stiftung die Förderung beider Einrichtungen nach der Stilllegung des Bergbaus ab 2019 in Aussicht gestellt“, so Dr. Werner Müller, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stifung, in seiner Festansprache.

Benzin-Sicherheitslampe, so genannte Radbod-Lampe, C. Koch, Linden an der Ruhr, vor 1908

Bereits bei ihrer Gründung war die Westfälische Berggewerkschaftskasse privatwirtschaftlich getragene, gemeinwohlorientierte Wissenschaftseinrichtung, die in engem Einklang mit der öffentlichen Hand entwickelt und von dieser tatkräftig unterstützt wurde. Dieses erfolgreiche Konzept der Public Private Partnership ist bis heute erhalten geblieben. So refinanziert das Land Nordrhein-Westfalen seit 1972 die Technische Fachhochschule Georg Agricola. Das DBM als Leibniz-Forschungsmuseum erhält Zuwendungen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Land NRW. Als Träger der DMT-LB sind auch die RAG AG und die RAG-Stiftung wichtige Partner, die die Zukunft der TFH und des DBM auch nach 2018 mitgestalten werden.

Hammerprüfgerät, Hauinco Maschinenfabrik GmbH, Essen, 1950er Jahre

Die Sonderausstellung „Das Wissensrevier“ verbindet die Bildungsgeschichte des Bergbaus mit seiner Wissenschaftsgeschichte. Neben der Entwicklung der WBK als Institution, aus der 1990 die heutige DMT-LB hervorging, steht das umfassende bergbauliche Ausbildungssystem im Fokus, insbesondere die Rolle der Bergschule Bochum als Vorläuferin der heutigen Technischen Fachhochschule. Bis in die 1960er-Jahre gehörten die aus dem ganzen Ruhrgebiet zur Steigerausbildung nach Bochum anreisenden Bergschüler in ihrer Knappen-Uniform zum alltäglichen Bochumer Stadtbild. Mit der Umwandlung der Berg- zur Ingenieurschule 1963 legte die WBK noch vor Gründung der Ruhr-Universität den Grundstein zum Entstehen einer akademischen Bildungslandschaft in Bochum.

Meridianweiser MW4a, 1959, und Vermessungskreisel GYROMAT MW77 mit Stativ, 1989

Zudem widmet sich die Ausstellung dem großen Bereich der Bergbauforschung. Die verschiedenen Arten, den Untergrund zu erkunden, die Entstehung bergmännischer Karten, die Kohlechemie, die in Bochum schon im 19. Jahrhundert als Analysemethode maßgeblich weiterentwickelt wurde, nicht zuletzt Explosionsschutz und Sicherheitstechnik – all dies waren Forschungsfelder der WBK, die auch über das Ruhrgebiet hinaus an Bedeutung gewannen, je komplexer die Betriebsverhältnisse des industrialisierten Bergbaus wurden. Der internationale Rang zeigt sich etwa in den Urkunden anlässlich der Teilnahme der WBK an diversen Weltausstellungen bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Diese wissenschaftlichen Tätigkeiten verbinden sich zudem mit einer ganzen Reihe von Forscherpersönlichkeiten, die ihre Arbeitsbereiche durch wegweisende Leistungen voranbrachten, darunter im Übrigen mit der Geologin Dora Wolansky, die weithin erste Frau in der bis dahin von Männern beherrschten Wissenschaftsdomäne Bergbau.

Querschliff eines dreilagigen Flachlitzenseils, vermutl. 1983

Die Sonderausstellung „Das Wissensrevier. 150 Jahre Westfälische Berggewerkschaftskasse/DMT-Gesellschaft für Lehre und Bildung“ ist vom 20. Juni 2014 bis 22. Februar 2015 im „Schwarzen Diamanten“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zu sehen und kann während der regulären Öffnungszeiten des Museums besucht werden. Der Neubau für Sonderausstellungen schließt bereits um 16.45 Uhr. Begleitend erscheinen als zweibändige Dokumentation eine Monographie zur Geschichte von WBK und DMT-LB sowie ein Katalog zur Ausstellung. Noch bis 28. September 2014 ist im „Schwarzen Diamanten“ auch die Sonderausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“ zu sehen.

Prof. Dr. Stefan Brüggerhoff, Direktor des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Peter Schrimpf, Vorsitzender des Beirates der DMT-LB, stellv. Vorstandsvorsitzender der RAG Aktiengesellschaft, Dr. Michael Farrenkopf, Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Kurator der Ausstellung, Svenja Schulze, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, Dr. Ottilie Scholz, Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum, Dr. Werner Müller, Vorsitzender des Vorstandes der RAG-Stiftung, Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Mitglied des Vorstandes der RAG-Stiftung, Prof. Dr. Jürgen Kretschmann, Vorsitzender der Geschäftführung der DMT-LB

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