Freitag, 23. Mai 2014

Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets

Neue Sonderausstellung im Ruhr Museum

Ausstellungsplakat „Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Gestaltung: Bosbach Kommunikation & Design, © Ruhr Museum

„Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden“, so lauten die ersten Worte des Einleitungstextes von Heinrich Böll (* 21. Dezember 1917 in Köln, † 16. Juli 1985 in Kreuzau-Langenbroich) zu dem Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er zusammen mit dem Fotografen und bildenden Künstler Chargesheimer (ursprünglich Carl-Heinz Hargesheimer, * 19. Mai 1924 in Köln, † in der Silvesternacht 1971 in Köln) im Jahre 1958 publizierte. Als Heinrich Böll und Chargesheimer 1957 durch das Ruhrgebiet reisten, der eine mit der Feder, der andere mit der Kamera, hatte das industrielle Ruhrgebiet gerade seinen Höhepunkt erreicht. So beschreiben der Text von Heinrich Böll und vor allem die Fotografien von Chargesheimer das typische Ruhrgebiet der späten 1950er Jahre: einen industriellen Ballungsraum, der völlig von Kohle und Stahl ge­prägt ist. Sie zeigen die Zerstörung der Landschaft, die Gesichts­losigkeit der Städte, die Dominanz der schweren Männerarbeit, aber sie zeigen auch schon den beginnenden Strukturwandel: die Freizeit und die Unterhaltung, den modernen Konsum und den beginnenden Autoverkehr, vor allem aber die Menschen in ihrer alltäglichen Umge­bung, ihrer zur „Heimat“ gewordenen Industrieregion. Das Ruhrgebiet steckte ab 1958 in der Montankrise, die ersten Zechen wurden in Mülheim, Bochum und Duisburg stillgelegt. Innerhalb eines Jahrzehnts reduzierte sich die Zahl der Zechen und der Beschäftigten um die Hälfte.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Blick in die Ausstellung

Der Band „Im Ruhrgebiet“ ist seit Jahren vergriffen und noch nie sind ausschließlich die Ruhrgebietsfotografien Chargesheimers ausgestellt worden. Vor allem aber sind noch nie jene Bilder gezeigt worden, die 1957 in Vorbereitung für den Bildband gemacht, seinerzeit aber nicht für das Buch ausgewählt wurden. Insgesamt liegen über 1.500 Negati­ve im Rheinischen Bildarchiv, die in diesem Zusammenhang entstan­den sind. In der Ausstellung „Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhr­gebiets“ auf der 12 m Ebene der ehemaligen Kohlenwäsche zeigt das Ruhr Museum vom 26. Mai 2014 bis 18. Januar 2015 beinahe auf den Tag genau zum 90. Geburtstag von Chargesheimer über 150 dieser bisher unveröffentlichten und etwa 50 der im Bildband erschienenen Fotografien.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Blick in die Ausstellung

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“ bildet gewissermaßen die Fortsetzung zu der im September 2010 mit „Schwarzes Revier. Fotografien von Heinrich Hauser“ begonnen Austellungsreihe zum Schaffen bedeutender Fotografen. Die über 200 ausgewählten Fotografien von Chargesheimer sind in der Ausstellung sechs Themen zugeordnet, die sich im zentralen Ausstellungs­raum vertei­len: Es sind die „Ruhrgebiets­land­schaft“, die „Stadt“, die „Arbeit“, das „Wohnen“ und die „Freizeit“ und vor allem die „Menschen“, die Chargesheimer am meisten interessierten.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Blick in die Ausstellung

Diesen Großthemen ordnen sich in den Seitenkabinetten des Ausstel­lungsraumes eine Reihe von Unterthemen zu. „Bergbau“, „Stahl“ und „Frauenarbeit“, „Taubenzüchter“ und „Pferderennen“, „Passanten“, die „Kirche“, die „Kneipe“ und der „Konsum“, der „Markt“ und die „Mi­lieus“. Da es keine verbindlich überlieferten Bildtitel von Chargesheimer gibt, entfallen Betitelungen in der Ausstellung.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Blick in die Ausstellung

„Im Ruhrgebiet“ erschien im Herbst 1958 als großformatiger, für die Zeit fast überdimensionierter Bildband, der eindeutig den Schwer­punkt auf die Fotos von Chargesheimer legte. Die radikale Subjektivi­tät und Intensität des Buches entfachten eine Kontroverse, die viel über die Identität und den Kampf um die Deutungshoheit über das Bild der Region verrät. Außerhalb des Ruhrgebiets erfuhr das Buch höchs­tes Lob, während im Ruhrgebiet ein Sturm der Entrüstung losbrach. Der Essener Oberbürgermeister Wilhelm Nieswandt brachte seine Empörung mit den Worten „Die Ruhrgebietsstädte […] sind es gründlich leid, von Außenseitern in einer Weise dargestellt zu werden, die nicht einmal mit der Realität der Gründerjahre übereinstimmt, geschweige denn mit der Gegenwart. Wir haben nicht die Absicht, derartige Veröffentlichungen unwidersprochen zu akzeptieren.“ auf den Punkt.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“, Blick in die Ausstellung

Bereits im darauffolgenden Jahr brachte der Siedlungsverband Ruhr­kohlenbezirk den ebenfalls aufwendig gestalteten Band „Ruhrgebiet – Porträt ohne Pathos“ (Fotografie Fritz Fenzl, Texte Helmuth de Haas, Bastian Müller, Theo Steinberg, Albert Schulze-Vellinghausen, H. H. Kuhnke, K. H. Tietzsch) heraus und in der Folge erschien eine Flut von Bildbänden und Fotobüchern, die bis heute nicht abgeebbt ist. Man kann sagen: Mit Bölls und Chargesheimers Band wurde das Ruhrgebiet als Thema für fotografische Reportagen populär. Die Ausstellung zeigt die wichtigsten Fotobücher dieser fast sechzig Jahre – insgesamt ca. 200 – und stellt sie den Fotografien Chargesheimers gegenüber, so dass eine Bildgeschichte des Ruhrgebiets entsteht.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

Zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König ein umfangreicher, 340 Seiten starker Katalog, der alle Fotografien der Ausstellung und die wichtigsten Fotobücher der letzten sechzig Jahre präsentiert, ISBN 978-3-86335-526-5. Aufsätze von Stefanie Grebe, Kuratorin der Ausstellung, Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, Dieter Nellen, Regionalverband Ruhr, Andreas Rossmann, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, und Sigrid Schneider, ehemalige Leiterin des Fotoarchivs im Ruhr Museum, inter­pretieren die Fotografien von Chargesheimer und das begleitende Es­say von Heinrich Böll, die Kontroverse, die das Buch hervorgerufen hat, die Geschichte der Bildbände und Fotobände, die in der Folge ent­standen sind und den damit verbundenen Wandel des öffentlichen Bil­des des Ruhrgebiets.

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“

„Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“ wird vom 26. Mai 2014 bis 18. Januar 2015 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen sein, Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester geschlossen. Der Eintritt kostet für Erwachsene 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre sowie Schüler- und Studierendengruppen im Rahmen von gebuchten Führungen haben freien Eintritt.


Sonntag, 25. Mai 2014

Förderband

Am Sonntagnachmittag wurde die neue Sonderausstellung „Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“ im Erich-Brost-Pavillon auf dem Dach der Kohlenwäsche mit Grußworten von Peter Landmann, Ministerialdirigent im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, und Karola Geiß-Netthöfel, Regionaldirektorin des Regionalverbandes Ruhr, und der Einführung von Prof. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, eröffnet. Allein schon der Rundblick in 38 Metern Höhe von der Arena auf Schalke, über die Essener Skyline bis zum Gasometer Oberhausen machen die Veranstaltungen auf dem Dach der Kohlenwäsche zu einem besonderen Erlebnis.

Peter Landmann, Ministerialdirigent im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Karola Geiß-Netthöfel, Regionaldirektorin des Regionalverbandes Ruhr

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII, Blick vom Dach der Kohlenwäsche

1 Kommentar:

Detlef hat gesagt…

35.000 Interessierte haben die Sonderausstellung „Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets“ bislang besucht. Wegen des großen Erfolgs und des Besucheransturms zwischen den Feiertagen wird die Ausstellung um einen Monat bis 17. Februar 2015 verlängert.