Donnerstag, 24. April 2014

Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe-Preis 2013

Ausstellung des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW im Kammgebäude der Kokerei Zollverein

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Der Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur, bis 1998 Mies van der Rohe Award for European Architecture, zählt zu den begehrtesten Architekturpreisen in Europa. Der 1987 von der Europäischen Kommission, dem europäischen Parlament und der Stiftung Mies van der Rohe in Barcelona ins Leben gerufene Architekturpreis würdigt herausragende, innovative aktuelle Baukunst und visionäre Architekten. Der mit 60.000 Euro dotierte Preis ist nach dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe (* 27. März 1886 in Aachen, † 17. August 1969 in Chicago) benannt, wird alle zwei Jahre vergeben und gilt als der renommierteste europäische Architekturpreis. Eine Ausstellung bringt die Highlights der europäischen Architektur nun in das frisch sanierte Kammgebäude auf der Kokerei Zollverein. Vom 25. April bis zum 29. Mai 2014 präsentiert das Museum für Architektur und Ingenieurskunst NRW im ehemaligen Pumpenhaus I die Preisträger und Finalisten von 2013 sowie alle Projekte der engeren Wahl (34 Arbeiten, u. a. Zentrum für Virtual Engineering, Stuttgart, Erweiterung des Städel Museums, Frankfurt am Main). Zudem zeigt eine zusätzliche Ausstellung zum 25-jährigen Jubiläum des Preises die Gewinner seit 1987, darunter berühmte Gebäude von David Chipperfield (Wiederherstellung des Neuen Museum, Berlin), Norman Foster (Flughafenterminal Stansted, London), Peter Zumthor (Kunsthaus Bregenz), Rem Koolhaas (Botschaft der Niederlande, Berlin) oder Zaha Hadid (Parkplatz und Endhaltestelle Hoenheim Gare der Straßenbahn Straßburg).

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW verfügt selbst nicht über Ausstellungsräume, oft finden die Ausstellungen in Gebäuden statt, die einen direkten Bezug zum Thema haben. So wird das Kammgebäude auf der so genannten weißen Seite der Kokerei Zollverein in diesem Jahr selbst zum größten Exponat der Ausstellung. Das Kammgebäude, so genannt wegen seines Grundrisses mit einem ca. 200 Meter langen schmalen Flurbereich, an den sechs kleinere Werkshallen wie die Zinken eines Kammes angeordnet sind, wurde 1959 nach Plänen von Fritz Schupp als Betriebsmittelgebäude errichtet. Dem lang gestreckten, eingeschossigen Gebäudetrakt in Stahlfachwerk sind die in Stahlbeton konstruierten und mit Backsteinaußenwänden versehenen Gebäude angehängt.

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Am 23. Dezember 1986 wurde nach 135 Jahren die Steinkohleförderung auf Zollverein eingestellt. Am 30. Juni 1993 wurde nach nur 32 Jahren Betriebsdauer auch die Kokerei geschlossen. Bereits 1999 rückte die ehemalige Industrieanlage mit der Ausstellung „Sonne, Mond und Sterne – Zur Kulturgeschichte der Energie“ erstmals in das Bewusstsein einer großen Öffentlichkeit. 2002 wurde das Office for Metropolitan Architecture (OMA) aus Rotterdam unter Leitung von Rem Koolhaas beauftragt, ein zuvor entwickeltes Leitkonzept für die ökonomische und kulturelle Entwicklung des Standortes Zollverein in einen städtebaulichen Masterplan zu überführen und umzusetzen. In die 2006 vom OMA und dem Architekturbüro Heinrich Böll umgebaute Kohlenwäsche, die ihren maschinellen Charakter und die eingebauten Industrieanlagen weitgehend erhalten hat, ist das Ruhr Museum eingezogen. Mit der Ausstellung zum Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur schließt sich der Kreis, unter den ausgestellten Arbeiten ist auch die 2005 ausgezeichnete neue Botschaft der Niederlande in Berlin von Rem Koolhaas und Ellen van Loon, OMA.

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Kokerei Zollverein, Kammgebäude

Blick in die Ausstellung zum Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe-Preis 2013 im Kammgebäude


Preisträger 2013

Preisträger 2013: Harpa Konzerthalle und Konferenzzentrum, Reykjavík, Island. Architekten: Henning Larsen Architects mit Batteríið Architects und Studio Ólafur Elíasson; Foto Nic Lehoux

2013 wählte eine internationale Jury unter dem Vorsitz des niederländischen Architekten Wiel Arets aus insgesamt 335 vorgeschlagenen Werken 40 aus, von denen sie der Markthalle in Gent, Superkilen in Kopenhagen, dem Seniorenwohnheim in Alcácer do Sal, Metropol Parasol in Sevilla und dem Harpa Konzert- und Konferenzhaus in Reykjavík vom 21. bis 24. April 2013 einen Besuch abstattete. Der Mies van der Rohe-Preis 2013 wurde schließlich Henning Larsen Architects mit Batteríið Architects und Studio Ólafur Elíasson für das Harpa Konzert- und Konferenzhaus in Reykjavík zugesprochen. Das Bauwerk liegt am alten Hafen direkt am Wasser. Die Jury begründete ihre Wahl damit, dass der Kulturbau geholfen hat, den Ort zu revitalisieren und zwischen Hafen und Stadt zu vermitteln. Der Bau besteht aus zwei voluminösen Quadern mit schrägen Kanten. Umhüllt wird der Komplex von einer effektvollen Fassade aus Glas und Stahl, die von dem isländischen Künstler Ólafur Elíasson entworfen wurde. Dank ihrer speziellen Beschichtung und Anordnung verändert sich die Außenhaut des Konzerthauses je nach Lichteinwirkung oder Betrachtungswinkel.

Harpa Konzerthalle und Konferenzzentrum, Reykjavík, Island, Modell der wabenartigen Fassadenelemente

„Emerging Architect Special Mention“: María Langarita und Víctor Navarro, Red Bull Music Academy, Madrid, Spanien; Foto Luis Diaz Diaz

Neben dem eigentlichen European Union Prize for Contemporary Architecture wird noch eine weitere mit 20.000 Euro dotierte Besondere Anerkennung – „Emerging Architect Special Mention“ – für ein junges Architekturteam vergeben. 2013 wurde diese Langarita-Navarro Arquitectos für die Red Bull Music Academy/Nave de Música de Matadero in Madrid zugesprochen. Die 1998 gegründete „Red Bull Music Academy“ sollte 2011 ursprünglich in Tokio stattfinden, aber aufgrund der verheerenden Folgen des Erdbebens an der Pazifik-Küste vor der Tōhoku-Region am 11. März 2011 entschloss sich der Veranstalter, den Austragungsort zu wechseln. In nur zwei Monaten bauten María Langarita und Víctor Navarro ehemalige Lagerhallen eines Schlachthofes zu einer gefragten Musik-Location aus.


Finalisten 2013

Seniorenwohnheim, Alcácer do Sal, Portugal. Architekten: Aires Mateus; Foto Fernando Guerra/FG+SG fotografia de arquitectura

Maximal drei Stockwerke ist das Gebäude von Aires Mateus hoch. Es fügt sich daher gut in die Umgebung des bei Touristen beliebten portugiesischen Ortes oberhalb des Rio Sado und harmoniert mit dem bereits vorhandenen angrenzenden Bau. Empfang, Speisesaal und Gemeinschaftsräume befinden sich im Erdgeschoss, die Zimmer liegen in den oberen Stockwerken. Die Innenflure des langgestreckten Komplexes sind so gestaltet, dass sie das Flanieren anregen und damit Bewegung der Senioren provozieren. Die Flure bieten immer wieder Blicke in die Landschaft und sind von kleinen Treffpunkt- und Erholungszonen unterbrochen.

Superkilen, Kopenhagen, Dänemark. Architekten: BIG Bjarke Ingels Group, Topotek 1 und Superflex; Foto Superflex

„Der Superkeil“ – so lautet die Übersetzung dieses fast 1,5 Kilometer langen Stadtentwicklungsbandes im international geprägten Stadtteil Nørrebro. BIG Bjarke Ingels Group, Topotek 1 und Superflex haben einen Freiraum entwickelt, der mitten durch ein sozial benachteiligtes Quartier verläuft und mit seiner wechselnden Gestalt die urbane Realität widerspiegelt: ein grüner, gartenähnlicher, ein dunkelgepflasterter Abschnitt mit Treffpunktqualität und ein signalroter Abschnitt als Markt-, Kultur- und Sportplatz bieten Möglichkeiten zu unterschiedlichen Aktivitäten. Sie sind ausgestattet mit zahlreichen alltäglichen Dingen aus den über 60 Heimatländern der Anwohner: Palmen aus China, Trainingsgeräte vom Muscle Beach in L.A., Abwasserkanäle aus Israel – eine gelungene Verknüpfung von Architektur, Landschaftsarchitektur und Kunst.

Metropol Parasol, Sevilla, Spanien; Architekten: J. Mayer H.; Foto Fernando Alda

Die Holzkonstruktion von J. Mayer H. befindet sich mitten im historischen Zentrum von Sevilla. Sie ist Ergebnis eines Wettbewerbs aus dem Jahr 2004, der zum Ziel hatte, ein neues architektonisches Wahrzeichen zu schaffen, dort, wo auf der Plaza de la Encarnación einst eine Markthalle aus dem Jahr 1842 stand. Das neue Wahrzeichen von Sevilla hat eine Länge von 150 Metern, eine Breite von 70 Metern und eine Höhe von 26 Metern. Die großen, pilzartigen Strukturen „fließen“ in die Ecken und Winkel der Bebauung und bilden eine Klammer für neues kulturelles Leben: Im Untergeschoß ist ein archäologisches Museum untergebracht, eine Markthalle liegt auf Platzebene, auf einem erhöhten Platz befinden sich Bars und Restaurants. Die Konstruktion ist begehbar: Ein Panorama-Rundgang auf den Parasols bietet Blicke auf die Altstadt.

Markthalle, Gent, Belgien. Architekten: Marie-José Van Hee architecten, Robbrecht en Daem architecten; Foto Petra Decouttere

Mehrere Jahrzehnte blieb nach zwei Abrisswellen der öffentliche Raum zwischen der St.-Nikolaus-Kirche und der St.-Baafs-Kathedrale in Gent unbebaut. Die Sieger der städtebaulichen Wettbewerbe zur Neugestaltung des Platzes wurden die Büros Robbrecht en Daem Architecten und Marie-José van Hee Architecten. Sie entwickelten eine offene Markthalle, deren holzverkleidetes doppeltes Giebeldach auf vier Betonpfeilern lastet. Das Holz ist durch Glasschindeln, die schimmernd den Himmel reflektieren, abgedeckt. Sie sind gleichzeitig Witterungsschutz. Zu allen vier Seiten hat man über den begrünten Platz Zugang zur Halle. Darunter befindet sich noch ein Untergeschoss mit einem Café, öffentlichen Toiletten, einem Fahrradparkplatz sowie Künstlergarderoben.


Waterloo International Terminal, London, Nicholas Grimshaw & Architects, Mies van der Rohe Award for European Architecture 1994

Neues Museum Berlin, David Chipperfield Architects in Zussammenarbeit mit Julian Harrap, European Union Prize for Contemporary Architecture 2011

Zentrum für Virtual Engineering, Stuttgart, UNStudio, Projekt der engeren Wahl zum Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur 2013

Neben dem Preisgeld erhalten die Gewinner des Preises der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur eine Skulptur des katalanischen Künstlers Xavier Corberó, die dem Mies van der Rohe-Pavillon in Barcelona nachempfunden ist.

Skulptur des katalanischen Künstlers Xavier Corberó, die dem Mies van der Rohe-Pavillon in Barcelona nachempfunden ist

Die Ausstellung zum Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe-Preis 2013 im Kammgebäude der Kokerei Zollverein ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das Kammgebäude befindet sich an der Heinrich-Imig-Straße, Zugang über Arendahls Wiese, Tor 3 (51°29’19,65” N, 7°2’16,48” E). Führungen durch die Ausstellung werden sonntags um 11 Uhr angeboten, am 22. Mai 2014 wird um 18 Uhr eine Abendführung angeboten. Im Anschluss an die Abendführung findet ein Themenabend zum Thema „Alles Fassade? Architektur und Konstruktion“ statt, bei dem Ósbjørn Jacobsen von Henning Larsen Architects, Kopenhagen, und Herwig Bretis, Art Engineering GmbH, Leinfelden-Echterdingen referieren werden. Weitere Informationen unter www.mai-nrw.de. Die Stiftung Mies van der Rohe hat zum Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe-Preis 2013 einen 188-seitigen, reich bebilderten Katalog (ISBN 978-84-936901-8-2) herausgegeben, der die Entwürfe der Preisträger, Finalisten sowie alle Projekte der engeren Wahl vorstellt.

Kokerei Zollverein, Ventilatorenkühler

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