Samstag, 5. April 2014

„Einfach anders!“ Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet

Zeche Hannover öffnet nach der Winterpause mit Ausstellung zum Wandel der Jugendkulturen im Revier

Zeche Hannover

Vom 5. April bis 2. November 2014 ist das LWL-Industrie­museum Zeche Hannover wieder regelmäßig von Mittwoch bis Sonntag sowie an Feiertagen geöffnet. Zu Beginn der Saison wird bis 7. September 2014 die Sonderausstellung „Einfach anders!“ Jugendliche Subkulturen im Ruhrgebiet gezeigt. Fotos, Interviews mit Zeitzeugen und über 200 Exponate wie typische Kleidungsstücke und Accessoires, Musikinstrumente, Plattencover oder Filmplakate machen die Jugendkulturen anschaulich.

Zeche Hannover, Compound-Zwillingsdampffördermaschine von 1893

Zu allen Zeiten haben Erwachsene über „die Jugend von heute“ missbilligend den Kopf geschüttelt. Ob es die langen Haare waren, außergewöhnliche Kleidung, die schreckliche Musik oder die inneren Einstellungen – Jugendkulturen waren schon immer eine Provokation für den Rest der Gesellschaft. Die neue Ausstellung widmet sich unter dem Titel „Einfach anders!“ dem Phänomen der jugendlichen Subkulturen im Ruhrgebiet seit dem frühen 20. Jahrhundert – von der Wandervogelbewegung über den Edelweißpiraten, der Swingjugend, den Halbstarken und Punks bis hin zu aktuellen Ausformungen wie Graffiti-Sprayern und Steampunks.

„Einfach anders!“, Blick in die Ausstellung

Die erste Jugendbewegung meldete sich in Deutschland um 1900 mit einem Protest gegen eingefahrenen Wege, Erneuerungswillen und einer Besinnung auf die Natur zu Wort. Die literarische Moderne, der Jugendstil in der bildenden Kunst und die Wandervogelbewegung machten die Jugendbewegung deutlich sichtbar. Im Ruhrgebiet gründeten sich kurz nach der Jahrhundertwende die ersten Wandervogelvereine und Jugendbünde, die ihren Weg „aus grauer Städte Mauern“ suchten.

Grammophon, Electric, 1920er Jahre und Alto-Saxophon, Oscar Adler & Co. Marktneukirchen, 1930er Jahre

Während der Gleichschaltung von Kultur und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele unangepasste Jugendliche ausgegrenzt und verfolgt. Die jazzbegeisterten Swing-Kids begaben sich in den Untergrund, aus Nonkonformisten wurden teilweise auch aktive jugendliche Widerständler wie beispielsweise die Edelweißpiraten an Rhein und Ruhr.

Hottler-Kleidung, 1930er Jahre

Seit den 1950er Jahren spielt die Musik-, Mode- und Medienindustrie eine wichtige Rolle für die Verbreitung von Jugendkulturen. Während des Wiederaufbaus und der Wirtschaftswunderzeit profitierten die Jugendlichem im Revier als erste von steigenden Löhnen und mehr Freizeit. Mopeds und Motorräder machten Halbstarke und Rocker mobil, Arbeitslohn und Taschengeld brachten Radiogeräte, Plattenspieler oder Gitarren ins Haus. Mit der Verbreitung des Rock´n´Roll gerieten die Jugendlichen im Revier außer Rand und Band. Prügeleien und Verwüstungen im Umfeld von Konzerten oder Filmvorführungen waren die Folge. Sie zeigten die große Kluft zwischen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration.

„Einfach anders!“, Blick in die Ausstellung

NSU Quickly in originaler Farbgebung, eines der ersten „echten“ Mopeds der deutschen Nachkriegsgeschichte, erstmals 1953 zur Internationalen Fahrrad- und Motorrad-Ausstellung präsentiert

Kleidung einer Rock´n´Rollerin, 1950er Jahre

Ende der 1960er Jahre war das Ruhrgebiet eher mit der Kohlekrise und dem Strukturwandel beschäftigt als mit Studentenprotesten und Revolution. Die 1965 und 1969 in Betrieb gegangenen Universitäten in Bochum und Dortmund konnten als junge Pendler-Unis keine Studentenbewegung wie in Berlin oder Frankfurt entwickeln. Stärker war hingegen die Lehrlingsbewegung im Ruhrgebiet, die von der in der Region verankerten Tradition der Mitbestimmung, einer selbstbewussten Arbeiterschaft und starken Gewerkschaften profitierte.

Häkeljacke und Gitarre von Ilse Jung, Duisburg, 1960er Jahre

In den 1990er Jahren Jahren schuf sich die Techno-Szene des Reviers mit dem „Mayday“ in Dortmund ihr lokales Großereignis. In kleinen Szene-Clubs konnten die Fans der elektronischen Musik ihren Rausch in der Musik finden. Die aus Berlin übernommene Love-Parade kam als weiteres Mega-Event in die Region, das mit der tragischen Katastrophe von Duisburg 2010 jedoch ein jähes Ende fand.

Techno-Kleidung, 1990er Jahre

Aus der Vielzahl der aktuellen Retro-Bewegungen ragt im Ruhrgebiet heute die Neo-Rockabilly-Szene hervor. Die Rückbesinnung auf die Subkultur der Wirtschafts­wunder­jahre scheint im Revier besonders starken Anklang zu finden. Neue Potenziale aus den Zukunftsvisionen der Vergangenheit schöpft die Subkultur der Steampunks. Das von den Ideen und Relikten der Industrialisierung geprägte Ruhrgebiet bildet eine ideale Umgebung für die von Erfindergeist und alternativem Fortschrittsoptimismus geprägte Szene.

Steampunk-Kleidung von Clara Lina Wirz, Münster, 2011 – 2013

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