Samstag, 1. März 2014

„Silberpfade zwischen Orient und Okzident“

Die neue Sonderausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum

„Silberpfade zwischen Orient und Okzident“

Harun al-Raschid (14. September 786 bis 24. März 809 Kalif von Bagdad) und Karl der Große (25. Dezember 800 bis 28. Januar 814 Römischer Kaiser) – zwei charismatische Herrscher, die für die zwei Großmächte des Mittelalters stehen: Orient und Okzident. Bei allen Unterschieden lassen sich viele Parallelen über Herrschaftsform, technischen Fortschritt und Wertesystem zwischen Franken- und Abbasidenreich erkennen. Harun al-Raschid und Karl der Große trafen sich nie persönlich, unterhielten aber diplomatische Beziehungen, die wohl auf ältere fränkisch-arabische Kontakte zurückgehen. Harun al-Raschid hat Karl dem Großen als Zeichen seiner Wertschätzung den indischen Elefanten Abul Abbas geschenkt, der seine Reise nach Aachen bereits im Jahr 801 angetreten hat und dort am 20. Juli 802 angekommen ist. Der Legende nach soll es sich um einen weißen Elefanten gehandelt haben, der bei einem Feldzug Karls des Großen beim Übergang über den Rhein ertrunken sein soll.

„Das Haus des Windes“

Am Beispiel des Silberbergbaus zeigt die Sonderausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“, wie in den mittelalterlichen Bergwerken in al-Radrad (aktuell Jabali im Jemen) und Melle (Département Deux-Sèvres, Frankreich) Silber gewonnen und weiter verarbeitet wurde. Die Besucher sehen zudem, dass Silbermünzen eine Brücke zwischen Orient und Okzident schlugen. Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum, eines der acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft, beschäftigt sich als eine von wenigen Forschungseinrichtungen weltweit schwerpunktmäßig mit dem Themengebiet der Montanarchäologie. Durch diese Fachkompetenz ist das DBM inzwischen globaler Ansprechpartner und Anlaufstelle für zahlreiche Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Eine wichtige Kooperation besteht u. a. mit dem französischen Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris, der größten Forschungsorganisation in Europa.

Blick in die Sonderausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“

Die in der Ausstellung vorgestellte archäologische Forschung basiert auf dem Wissen, dass Harun al-Raschid und Karl der Große zeitgleich, aber unabhängig voneinander, auf Silber basierende Münzsysteme eingeführt haben. Der Fund eines Wikingerschatzes mit tausenden Silbermünzen aus beiden Herrschaftsbereichen erweckte die Neugier eines internationalen Forschungsteams am CNRS unter Leitung von Dr. Florian Téreygeol, Montanarchäologe am Institut de Recherche sur les Archéomateriaux (IRAMAT) des CNRS. Wo lag der Ursprung dieser Münzen? Welche Münzsysteme existierten und wer hat sie eingeführt? Woher stammte das Material?

Schmelzofen

Über die Methoden und den Ablauf der Silberverhüttung im Fränkischen Reich war bislang wenig bekannt. Am Beispiel der Bergwerke von Melle hat das Team von Dr. Téreygeol die mittelalterliche Silbergewinnung untersucht. Auf Basis der vorhandenen Spuren rekonstruierten die Forscher die Produktion von Silber durch Experimente, die mittelalterliche Methoden simulierten. Sie fanden heraus, wie die notwendige Holzkohle hergestellt wurde und wie ein Schmelzofen beschaffen sein musste, um Silber aus dem Bleiglanz lösen zu können.

Blick in die Sonderausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“

Die Ausstellung dokumentiert diese Ergebnisse und zeigt auch den Weg dahin. Besucher erhalten so faszinierende Einblicke in die experimentelle Archäologie und Methoden der montanarchäologischen Forschung. Die Forschungen belegen, dass Karl der Große in Melle über die ergiebigste Lagerstätte in Europa verfügte und dort in großem Maße Silbererz abbauen und aufbereiten ließ. Das Silberbergwerk al Radrad (Jabali) war zeitgleich, unter der Herrschaft des Kalifen Harun al-Raschid, das größte Bergbaugebiet auf der arabischen Halbinsel. Obwohl beide Abbaugebiete rund fünftausend Kilometer voneinander entfernt liegen, weisen die Abbaumethoden erstaunliche Ähnlichkeiten auf, auch wenn die Rahmenbedingungen teilweise zu unterschiedlichen Gewinnungs- und Aufbereitungsformen führten.

Muffelofen

Zentrum und Blickfang der Ausstellung ist das „Haus des Windes“, ein Oktogon-Zelt aus Seide. In diesem kathedralenartigen Gebilde ist der „Silberschatz“ zu sehen, abbasidische und karolingische Münzen. Der Rundgang zeigt hingegen den komplexen Produktionsprozess vom Gestein über die Erzgewinnung und Verhüttung zum reinen Silber. Die Ausstellung bietet den Besuchern Freiraum, um einen individuellen Zugang zum Thema zu finden. Dabei ergänzen sich ins Detail führende Erklärungstafeln, großformatige Fotografien, audiovisuelle Inszenierungen und sinnlich erlebbare Ausstellungsstücke. Der Szenograf Gerhard Herr (Konzept & Gestaltung, Dortmund) entwickelte das Ausstellungskonzept. Reinhard R. Lenz (Institut Input, Dortmund) und Thorsten Trentzsch (Studio B, Datteln) übernahmen die grafische und textliche Umsetzung der Ausstellung und „übersetzten“ die Sprache der Wissenschaftler in eine zugänglichere Form. Ziel war stets, anschaulich zu vermitteln, dass der hochkomplexe Vorgang der Produktion von reinem Silber schon im Mittelalter verstanden wurde und mit vergleichsweise einfachen Mitteln, aber unter großem Einsatz von Arbeit und Material, vonstatten ging.

Aus 1.000 Kilogramm erzhaltigem Gestein gewinnt man zunächst 100 Kilogramm Bleiglanz und daraus wiederum 100 Gramm Silber

Kupelle aus einem Schmelzexperiment mit dem Muffelofen
Das kleine Silberkügelchen wiegt ca. 1 Gramm und wurde aus der Kupellation einer 1 kg-Charge gewonnen

Bei der Kupellation – ein Verfahrensschritt bei der Silberverhüttung – wird das verunreinigte Silber mit Blei legiert und das entstehende Bleioxid mitsamt den unedleren Metalloxiden von einem porösen Tiegel – der Kupelle – aufgesaugt. Als „Silberblick“ bezeichnet man übrigens nicht nur das häufig assoziierte Schielen geringer Ausprägung, sondern auch den Moment der Verarbeitung von Bleierzen zu Silber, in dem sich auf der Oberfläche der Metallschmelze aufgrund des geringen Bleigehaltes keine matte Bleioxidschicht mehr bildet und daher das glänzende Silber sichtbar wird.

Blick in die Sonderausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“, im Vordergrund eine Analysenwaage Sartorius

„Münzschatz Melle“: 1.200 Münzrepliken mit 13 verschiedenen Prägungen aus der karolingischen Münzproduktion; Zinn, Melle, 2014

Die Weltmusikgruppe „Grenzenlos“ der Musikschule Bochum bei der Vernissage

Die Ausstellung „Silberpfade zwischen Orient und Okzident“ ist vom 1. März bis 28. September 2014 im „Schwarzen Diamanten“ des Deutschen Bergbau-Museums Bochum zu sehen und kann während der regulären Öffnungszeiten des Museums besucht werden. Der Neubau für Sonderausstellungen schließt bereits um 16.45 Uhr. Noch bis 16. März 2014 ist im „Schwarzen Diamanten“ auch die Sonderausstellung „Wertvolle Erde – Der Schatz im Untergrund“ zu sehen.

Blick in die Sonderausstellung „Wertvolle Erde – Der Schatz im Untergrund“

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