Samstag, 15. März 2014

Die schwarzen Brüder

„Die schwarzen Brüder“ – nach dem Jugendbuch von Lisa Tetzner und Kurt Held; Schweiz/Deutschland, 2013; 103 Minuten; Weltpremiere: 29. September 2013, Zürich Film Festival. Deutschland­premiere: 5. Oktober 2013, Filmfest Hamburg; Drehbuch: Fritjof Hohagen, Klaus Richter; Regie: Xavier Koller; Kamera: Felix von Muralt; Ausstattung: Frank Bollinger; Kostüm: Birgit Hutter; Ton: Andreas Wölki. Darsteller: Fynn Henkel (Giorgio), Moritz Bleibtreu (Antonio Luini, der „Mann mit der Narbe“), Waldemar Kobus (Battista Rossi), Catrin Striebeck (Frau Rossi), Ruby O. Fee (Angeletta, Rossis Tochter), Andreas Warmbrunn (Anselmo, Frau Rossis Sohn), Oliver Ewy (Alfredo, Giorgios Freund), Dominique Horwitz (Meister Zitrone), Richy Müller (Pater Roberto), Sabine Timoteo (Giorgios Mutter), Leonardo Nigro (Giorgios Vater), Javidan Imani (Antonio), Jasper Smets (Rotkopf), Sergen Ecin (Luigi), Can Schneider (Dante), Max Damisi (Marco), Leni Wesselman (Andere Dame), Ciro de Chiara (Meister Spitzbart), Rafael Koussouris (Enzo), Nedjo Osman (Meister #2) u. v. a.; FSK ab 6 Jahre


„Die schwarzen Brüder“

Deutschlandpremiere der deutsch-schweizerischen Gemeinschaftsproduktion in der Lichtburg Essen

Mit „Die schwarzen Brüder“ verfilmte der schweizerische Oscar-Preisträger Xavier Koller („Reise der Hoffnung“, 1991 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet, „Gripsholm“) das gleichnamige Meisterwerk von Lisa Tetzner und Kurt Held („Die rote Zora“). Ihre Erzählung von dem kleinen Giorgio, der als Kaminfegerjunge in Mailand arbeiten muss und dort die Bande der „Schwarzen Brüder“ gründet, wurde seit seinem Erscheinen im Jahr 1941 in unzählige Sprachen übersetzt und gilt als eines der meistgelesenen Jugendbücher weltweit. In den Hauptrollen sind Moritz Bleibtreu („Nicht mein Tag“, „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, „Soul Kitchen“), Richy Müller („Spieltrieb“, „Schlussmacher“, „Poll“) und Waldemar Kobus („Wickie auf großer Fahrt“) zu sehen. In weiteren Rollen spielen Dominique Horwitz („Die rote Zora“, „Löwenzahn – Das Kinoabenteuer“), Catrin Striebeck („Soul Kitchen“, „Gegen die Wand“), Sabine Timoteo („Der freie Wille“) und Leonardo Nigro („Resturlaub“). Das Drehbuch schrieben Fritjof Hohagen und Klaus Richter. Gedreht wurde im Tessin, Köln, Frankfurt und Südtirol. In der Schweiz startete „Die schwarzen Brüder“ im September vergangenen Jahres und begeistere seitdem über 100.000 Besucher. Bereits 1983 wurde „Die schwarzen Brüder“ in einer deutsch-schweiz-italienischen Gemeinschaftsproduktion als sechsteilige Kinderserie mit Monica Bleibtreu (Frau Rossi) verfilmt, am 31. März 2007 feierte das Musical „Die schwarzen Brüder“ von Georgij Modestov (Musik) und Mirco Vogelsang (Libretto) mit Gilles Tschudi (Antonio Luini) in der Stahlgießerei Schaffhausen seine Premiere, und am 22. Juli 2010 erlebte das Musical auf der Walensee-Bühne in Walenstadt mit Sissy Staudinger (Frau Rossi) seine Openair-Premiere.

Zur Deutschlandpremiere – so man von einer solchen sprechen kann, denn der Film wurde bereits als Abschlussfilm des Michel Kinder und Jugend Filmfestes beim Filmfest Hamburg am 5. Oktober 2013 im Abaton Kino gezeigt – am 15. März 2014 in der Lichtburg Essen sind als Gäste u. a. Moritz Bleibtreu (Antonio Luini, der „Mann mit der Narbe“), Fynn Henkel (Giorgio), Waldemar Kobus (Battista Rossi), Catrin Striebeck (Frau Rossi), Oliver Ewy (Alfredo), Frank Bollinger (Ausstattung), Fritjof Hohagen und Clarens Grollmann (Produzenten Enigma Film) nach Essen gekommen.

Fynn Henkel

Oliver Ewy

Moritz Bleibtreu

Catrin Striebeck

Waldemar Kobus

Zum Inhalt:
In bitterster Armut wächst der zwölfjährige Giorgio (Fynn Henkel) im 19. Jahrhundert in der Bergwelt des Tessin auf. Die Familie lebt von der Hand in den Mund und kann überhaupt nur deshalb überleben, weil auch die Mutter (Sabine Timoteo) beim beschwerlichen Tagwerk hilft. Trotzdem ist Giorgio zufrieden, schließlich hat er ein behütetes Leben in der Natur, bei dem Familienzusammenhalt großgeschrieben wird. Doch die Idylle, so bescheiden sie auch sein mag, ist nicht von Dauer. Giorgio wird Zeuge, wie seine Mutter ein kleines Zicklein vor dem Angriff eines Adlers beschützen will. Dabei rutscht sie aus und stürzt den Abhang hinunter. Blutverschmiert bleibt sie schwerverletzt liegen.

Ein düster aussehender Fremder mit einer großen Narbe im Gesicht (Moritz Bleibtreu) hilft, die Frau in die Hütte der Familie zu tragen. Die Mutter hat Glück im Unglück: Sie hat sich nur das Fußgelenk gebrochen. Das bedeutet aber auch, dass sie wochenlang ausfallen wird. Die Existenz der Familie ist bedroht. Die Sorgenfalten auf der Stirn des Vaters (Leonardo Nigro) sind tief. Er weiß nicht, wie er den Arzt bezahlen soll. Wenn seine Frau aber nicht behandelt wird, besteht die Gefahr, dass sie lahm bleibt. Trotzdem lehnt der Vater empört ab, als der Mann mit der Narbe ihm Geld für Giorgio anbietet, damit er den Jungen nach Mailand mitnehmen kann. Das kommt nicht in Frage, stellt er kategorisch fest. Ein paar Tage später ist sich der Vater schon nicht mehr ganz so sicher: Die Lage ist prekär. Gegen den Protest seiner Frau lässt er sich mit einem schönen Batzen Geld auszahlen. Giorgio muss mit dem Mann mit der Narbe mitgehen.

Schnell stellt Giorgio fest: Er ist nicht der einzige Junge. Eine ganze Gruppe von Buben hat der Fremde, der auf den Namen Antonio Luini hört, zusammengesammelt. Nun will er mit ihnen in einem Boot über den Lago Maggiore setzen. Kaum sind sie losgefahren, bricht ein Unwetter los. Ein Blitz schlägt im Boot ein, das kurz darauf untergeht. Fast alle Jungen ertrinken. Neben Luini und Giorgio können sich nur drei weitere Kinder retten, unter ihnen Alfredo (Oliwer Ewy), mit dem sich Giorgio schnell anfreundet. Die Laune von Luini ist miserabel: Er hat viel Geld für die Jungen hingelegt und wird jetzt nur vier von ihnen in Mailand weiterverkaufen können – ein verheerendes Verlustgeschäft. Auf dem Markt bietet er die Burschen Kaminfegern an, die ihm die Ware förmlich aus der Hand reißen.

Die Kaminfeger brauchen die Jungs für schwere, teilweise sogar lebensgefährliche Arbeit. Sie sollen in die engen Kamine der Stadt kriechen, die meistens immer noch brennend heiß sind, und sie mit notdürftig mit Lumpen verbundenen Händen von Ruß und Schmutz befreien. Eine Knochenarbeit. Teilweise lodert unten sogar noch das Feuer, während sie sich hustend nach oben arbeiten. Giorgio wird an den sympathischen Meister Rossi (Waldemar Kobus) verkauft, der es im Grunde gut meint mit dem Jungen. Aber bei Rossi zu Hause wartet seine misslaunige Frau (Catrin Striebeck), die eindeutig die Hosen anhat, und deren durchtriebener Sohn. Giorgio darf nicht mit am Tisch sitzen und er muss in einem dreckigen Bretterverschlag im Erdgeschoss des Hauses schlafen.

Aber immerhin erhascht er einen Blick auf Rossis Tochter Angeletta (Ruby O. Fee), ein bildschönes, kränkelndes Mädchen, das zumeist ans Bett gefesselt ist. Sie wird bis auf weiteres der einzige Lichtblick in Giorgios bemitleidenswerter Existenz sein: Wann immer es sich einrichten lässt, treffen sich die beiden heimlich und Angeletta bringt Giorgio Lesen und Schreiben bei.

Die Arbeit verlangt Giorgio das Letzte ab. In den Straßen wird er von der Jugendbande des Viertels, den „Wölfen“ angepöbelt, die keine Konkurrenz dulden. Aber immerhin lernt Giorgio auch den verständnisvollen Pater Roberto (Richy Müller) kennen, der sich für die Jungs einsetzt und sich alle Mühe gibt, ihr Schicksal zu mildern. Und dann klettert Giorgio erstmals ganz den Kamin hoch. An der Spitze steigt er aus der engen Öffnung… und über den Dächern von Mailand bietet sich ihm ein Blick, der vielen Menschen vorenthalten bleibt.

Oben auf den Dächern trifft er seinen Freund Alfredo wieder, der ebenfalls unter der Knute eines Schornsteinfegers zu leiden hat. Aber der hat sich bereits zu helfen gewusst: Mit anderen Leidensgenossen hat er den Bund der „Schwarzen Brüder“ gegründet. Giorgio schließt sich ohne großes Zögern an. Unten, in den Katakomben der Stadt, treffen sich die Jungen, wann immer es ihre äußerst knapp bemessene Zeit zulässt. Zusammen fühlen sie sich stark, gemeinsam lässt sich auch das schwere Schicksal ertragen und die Ungewissheit, ob man die eigene Familie jemals wieder sehen wird. Und natürlich ist der Zusammenhalt auch hilfreich, wenn man den „Wölfen“ die Stirn bieten und hin und wieder ein Schnäppchen schlagen will.

Gemeinsam nehmen es die „Schwarzen Brüder“ gegen alle Anfeindungen und Ungerechtigkeiten auf. Zusammen schmieden sie einen Plan: Sie wollen aus ihrem Elend ausbrechen und wieder zurück in ihre Heimat. Die Unterstützung von Pater Roberto ist ihnen dabei gewiss. Doch ihr Vorhaben ist nicht so einfach wie geplant, denn Antonio Luini, der Mann mit der Narbe, taucht wieder auf und hat noch ein paar Rechnungen offen…

„Die schwarzen Brüder“ richtet sich in erster Linie an Kinder ab 6 Jahren und Jugendliche, weshalb es Xavier Koller auch wichtig war, eine gewisse Leichtigkeit in den Film zu bringen. Er verzichtet darauf, die Tragik des düsteren Kapitels der Schweizer Geschichte über Verdingkinder in den Vordergrund zu stellen, das tatsächlich noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts andauern sollte, und rückt stattdessen die Kraft wahrer Freundschaft in den Fokus. Ungeachtet dessen habe ich mich gut unterhalten gefühlt, teilweise sogar besser als von Theaterstücken, die bewusst auf ein erwachsenes Zielpublikum zugeschnitten sind. Die deutschen Gesetze bei Dreharbeiten mit Kindern machten es ohnehin erforderlich, die Kinder älter zu besetzen, dement­sprechend wurden die Kinderfiguren im Drehbuch älter geschrieben und mit Fynn Henkel (* 11. Oktober 1996 in Berlin), Ruby O. Fee (* 7. Februar 1996 in San José, Costa Rica) u. a. besetzt, die bei den Dreharbeiten bereits das 14. Lebensjahr vollendet hatten, was sich zum einen in einem differenzierteren Schauspiel auswirkt, zum anderen aber auch bestimmte Filminhalte wie die leise angedeutete Liebes­ge­schichte zwischen Giorgio und Angeletta glaubwürdiger macht. Das spannende Familien-Abenteuer über Freundschaft und Zusammenhalt macht einfach Spaß und überzeugt mit einer hochkarätigen Besetzung, wobei auch die Nachwuchs­schau­spieler nicht hinter ihren namhaften Kollegen zurück­stehen. Der Vollständigkeit halber sollte man aber auch erwähnen, dass ich im Parkett der Lichtburg Essen noch bei keiner anderen Filmpremiere so viele freie Plätze gesehen habe. Was mir mit Bestürzung aufgefallen ist, das hat gar nichts mit dem gezeigten Film zu tun, dass die Besucher den Kinosaal auch in der Lichtburg während der Vorstellung geradezu „zumüllen“, d. h. ihren Müll einfach auf den Boden werfen. Man sollte den Herrschaften am Ausgang freundlich aber bestimmt Besen und Kehrschaufel reichen, damit sie ihren Müll beseitigen können.

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