Dienstag, 4. Februar 2014

„Erlebnis Tiefe“ im Deutschen Bergbau-Museum Bochum

Seilfahrt-Simulator bietet die perfekte Illusion einer Förderkorb-Fahrt bis in 1.200 m Tiefe

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum wurde am 1. April 1930 durch einen Vertrag der Stadt Bochum und der Westfälischen Berggewerkschaftskasse gegründet, um „eine Übersicht über die geschichtliche Entwicklung des Bergbaus zu geben und den Betrieb des Bergbaus im Modell oder in künstlicher Wiedergabe vorzuführen“. Es handelt sich nicht – wie manchmal fälscherlicherweise angenommen – um ein ehemaliges Bergwerk, wenngleich die Museumsgebäude von einem „bergbaulichen Erscheinungsbild“ geprägt sind: Die Entwürfe stammen von Fritz Schupp und Heinrich Holzapfel. Das Doppelbock-Fördergerüst über dem Deutschen Bergbau-Museum stammt von der am 14. Mai 1971 stillgelegten Zeche Germania in Dortmund, das Anschauungsbergwerk befindet sich in einer Tiefe von lediglich bis zu 20 Metern unter der Tagesoberfläche.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Seit jeher üben große Tiefen eine besondere Faszination aus, der französische Schriftsteller Jules Verne ließ sich zu seinen Romanen „Voyage au centre de la terre“ („Reise zum Mittelpunkt der Erde“) und „Vingt mille lieues sous les mers“ („Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“) inspirieren. Tatsächlich wurde der Nordschacht des Bergwerks Ibbenbüren, neben den Zechen Prosper-Haniel in Bottrop und Auguste Victoria in Marl eines von drei verbliebenen aktiven deutschen Steinkohlenbergwerken, 1986 – 88 auf seine Endteufe von 1.545 m gebracht. Teufe ist die bergmännische Bezeichnung für die Tiefe.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Strecke im „Nordfeld“

Bergwerke unter Tage werden hierzulande gewöhnlich durch senkrechte Schächte von der Erdoberfläche aus erschlossen. Als Transportmittel für Personen und Material dient der Förderkorb, eine Art robuste Aufzugskabine, die an einem Drahtseil im Schacht hängt und von einer Fördermaschine auf- bzw. abwärts bewegt wird. Die An- und Ausfahrt der Bergleute im Förderkorb wird als Seilfahrt bezeichnet, wobei diese mit einer im Vergleich zur normalen Förderung verringerten Geschwindigkeit durchgeführt wird (12 m/s, entsprechend 43,2 km/h, gegenüber 24 m/s, entsprechend 86,4 km/h bei der Materialförderung). Doch die Möglichkeit, die Seilfahrt in eines der aktiven Bergwerke als Besucher zu erleben, sind streng limitiert, und das Kulturhauptstadt-Projekt „Zweite Stadt/Zollverein unter Tage“, bei dem Besucher in 1.000 Metern Tiefe eine künstlerische Inszenierung in einem ehemaligen Bergwerk erleben sollten, konnte aus Kostengründen nicht realisiert werden. Hinzu kommt, dass es für die Grubenfahrt mitunter Altersbeschränkungen (18 bis 60 Jahre) gibt.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, „Blindschacht“ im „Nordfeld“

Bereits in den 1960er Jahren wollte man durch Abteufen eines „Blindschachtes“ tiefere Bereiche im so genannten „Nordfeld“ des Anschauungsbergwerkes des Deutschen Bergbau-Museums erschließen, um dadurch die Seilfahrt zu ermöglichen. Die Arbeiten mussten allerdings eingestellt werden, da die Wasserzuflüsse im Schacht zu groß waren, um die tieferen Grubenbereiche dauerhaft vor dem „Absaufen“ zu bewahren. Ende der 1990er Jahre wurde der Gedanke der Seilfahrt wieder aufgegriffen, nun allerdings in Form einer Simulation. In jahrelanger Arbeit wurde die Infrastruktur im brachliegenden Nordfeld des Anschauungsbergwerkes derart erweitert und ertüchtigt, dass dort ein barrierefreier Rundweg für Besucher eingerichtet werden konnte.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Unterwasser-Inszenierung im abgesoffenen „Blindschacht“

Nach Anerkennung der Projektskizze „Mythos Teufe – Bergbau mit den Sinnen erleben“ beim Erlebniswettbewerb NRW wurde im Frühjahr 2012 für die Beschaffung des Simulators von der Bezirksregierung Arnsberg eine finanzielle Förderung mit Mitteln der Europäischen Union in Höhe von 450.000 Euro bewilligt. Damit war die Realisierung des Seilfahrt-Simulators im Anschauungsbergwerk gesichert. Die Arbeiten wurden in Eigenleistung der Grubenhandwerker des Deutschen Bergbau-Museums sowie durch Fremdleistungen vorgenommen. Nun ist es so weit: Ab dem 9. Februar 2014 ist der Seilfahrt-Simulator als neue Attraktion unter Tage für die Öffentlichkeit zugänglich.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Auf dem Weg zum Seilfahrt-Simulator betreten die Besucher zunächst das bisher für die Öffentlichkeit nicht zugängliche „Nordfeld“. Ihr Weg führt sie zu dem beleuchteten, abgesoffenen Blindschacht. Diesen können Besucher über einen Steg passieren und in etwa 11 Meter Tiefe das geheimnisvoll schimmernde Gezähe von Bergleuten entdecken. Gezähe ist die bergmännische Bezeichnung für alle Werkzeuge und Arbeitsgeräte, die der Bergmann für seine Arbeit benötigt.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Wartezone

In der dahinter liegenden Wartezone bereitet ein „Fördermaschinist“, gespielt von Martin Lindow, in einem Film auf die bevorstehende Seilfahrt vor. Danach besteigen die Besucher den Förderkorb, und sobald das Schachtsignal ertönt ist, geht es los. Der Förderkorb wird mit Hydraulik- und Druckluftzylindern so bewegt, dass er eine schnelle Fahrt hinab in die Tiefe des Bergwerks vermittelt. Dabei werden auf der etwa dreiminütigen Fahrt die zulässigen 12 m/s natürlich nie überschritten. Horizontale Bewegungskomponenten erzeugen zusätzlich ein Rütteln, das von einer authentischen Geräuschkulisse begleitet wird. Über Monitore an den Seitenwänden des Förderkorbes und eine Projektion werden synchron bewegte Bilder gezeigt, die den Fahreindruck unterstützen. Die zusätzlich an den Seiten des Förderkorbes aufströmende Luft lässt die Fahrt in die Tiefe zu einem Erlebnis werden, das mit allen Sinnen erfahren wird.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Förderkorb des Seilfahrt-Simulators

Hydraulikzylinder bewegen den Förderkorb des Seilfahrt-Simulators

Nach der Seilfahrt verlassen die Besucher den Förderkorb und passieren auf der Abstiegsseite die so genannte Wetter­schleuse, die verschiedene Luftströme (Wetter ist die bergmännische Bezeichnung für die im Bergwerk vorhandene Luft) voneinander trennt. Durch die deutlich höhere Temperatur (mit der Tiefe steigt die Temperatur im Mittel um 3 °C pro 100 m an) erscheint eine Teufe von etwa 1.200 m noch realistischer.

Grubenhandwerker des Deutschen Bergbau-Museums Bochum: Nicolas Twardy, Willi Fockenberg und David Jaensch

Am 9. Februar 2014 können Besucher des Deutschen Bergbau-Museums von 11 bis 16 Uhr erstmals den Seilfahrt-Simulator befahren. Künstler des Improvisationstheaters „Die Hottenlotten“ begrüßen das Publikum und stimmen auf die bevorstehende Seilfahrt ein. Unter Tage treffen die Besucher auf echte Kumpel, die von ihren Erfahrungen aus der Arbeitswelt erzählen. Ab 14 Uhr gibt es Gelegenheit, Schauspieler Norbert Heisterkamp, bekannt aus der Serie „Alles Atze“, nicht nur im Film des Simulators, sondern auch live zu begegnen.

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