Sonntag, 26. Januar 2014

Theater Oberhausen: „Barbarellapark“

„Barbarellapark“ – Text und Dramturgie: Jörg Albrecht; Inszenierung: Steffen Klewar; Bühne und Kostüme: Silke Bauer; Musik: Matthias Grübel; Videodesign: Roman Hagenbrock. Darsteller: Janna Horstmann (Dildano), Cathrin Romeis (Durand Durand), Sebastian Straub (Pygar), Sebastian Thiers (Mark Hand), Lise Wolle (The Great Tyrant). Eine Koproduktion von copy & waste, Ringlokschuppen Mülheim und Theater Oberhausen. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes sowie vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und von der Kunststiftung NRW. Uraufführung: 21. November 2013, Ringlokschuppen Mülheim. Premiere: 25. Januar 2014, Theater Oberhausen.



„Barbarellapark“


„Ein Musical über Mobilität, Sex und Verwirrung“


Barbarella ist ursprünglich eine von Comiczeichner und -autor Jean-Claude Forest erdachte, mit einem hautengen Anzug bekleidete Science-Fiction-Heldin, die in dem ab 1962 im französischen V Magazin erscheinenden Comicstrip in ihren erotischen Abenteuern mit beinahe jedem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Mit Jane Fonda in der Hauptrolle wurde Barbarellas phantastische Geschichte zum Kultfilm der 1960er Jahre und Jane Fonda zu einem der weiblichen Sexsymbole. 2004 brachten die Vereinigten Bühnen Wien das Science-Fiction-Märchen der 1960er Jahre als sexy Space-Musical von Dave Stewart nach der Vorlage von Jean-Claude Forests „Barbarella – Engel haben kein Gedächtnis“ am 11. März 2004 als Welturaufführung im Raimund Theater auf die Bühne, in den Hauptrollen waren Nina Proll als Barbarella, Eva Maria Marold als Schwarze Königin, Drew Sarich als Schlüsselmeister/Sun, Mark Seibert als blinder Engel Pygar, Siegmar Tonk als Duran und Andreas Bieber als Victor zu sehen. Doch dem Musical war nur mäßiger Erfolg beschieden, so dass sich Barbarella mit ihrer letzten Vorstellung am 1. Januar 2005 in die unendlichen Weiten des Musical-Nirwanas verabschiedete. Auch in „Barbarellapark“ des freien Künstlerkollektivs „copy & waste“ kehrt Barbarella nicht auf die Musical-Bühne zurück, doch dazu später mehr.

Janna Horstmann, Cathrin Romeis, Lise Wolle und Sebastian Straub; © Stephan Glagla

Das Künstlerkollektiv „copy & waste“ um Regisseur und Schauspieler Steffen Klewar und Autor Jörg Albrecht etablierte 2007 mit „Wir Kinder vom Hauptbahnhof“ (Maxim Gorki Theater Berlin/schauspielfrankfurt) sein Prinzip, städtische Orte im Theaterraum zu behandeln. Seit 2012 werden „copy & waste“ gemeinsam mit dem Ringlokschuppen Mülheim im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Im Rahmen dieser Förderung sind 2013 die Arbeiten „Einsatz hinter der V.ierten Wand“ (Premiere 31. Januar 2013), „Enid Blytons Geheimnis um den unsichtbaren Reichtum einer Gesellschaft, die nur sich will“ (Premiere 20. Juni 2013) und „Barbarellapark“ (Premiere 21. November 2013) am Ringlokschuppen Mülheim entstanden, 2014 soll eine weitere Arbeit folgen, die sich mit Mülheim und dem Ruhrgebiet auseinandersetzt.

Sebastian Thiers, Lise Wolle, Sebastian Straub, Janna Horstmann und Cathrin Romeis; © Stephan Glagla

Zum Inhalt der Aufführung (Spoilerwarnung – zum Lesen hervorheben):
Die Darsteller des Musicals „Barbarellapark“ geben vor, seit zehn Jahren im Rahmen einer Tournee von Stadt zu Stadt zu reisen. In mehr als 250 Städten soll die Show bereits gezeigt worden sein, die angeblich sechs internationale Preise gewonnen hat. „Incroyable.“ urteilt „Nouvelles de spectacle“. „Barbarellapark“ ist ein Musical über Mobilität, Sex und Verwirrung, aber warum, das weiß gerade niemand mehr, alle sind verwirrt, alle sind verloren in einem Land, das Geschwindigkeit heißt. Das Publikum der Aufführung bekommt mit, wie die Darsteller vor zehn Jahren zu der Produktion gekommen sind, über ihr eigenes Leben auf der Tournee nachdenken, miteinander streiten, ihren Frust herausschreien… und zwischendurch Szenen aus dem Musical spielen und Jane Fondas Aerobicübungen machen. (Anmerkung: Wann brachte Jane Fonda noch gleich ihre Videos zum Thema Aerobic auf den Markt? Anfang der 1980er Jahre, also deutlich später als der 1968 erschienene Spielfilm „Barbarella“ von Roger Vadim.) Dabei geht es ganz global um Mobilität, wie Menschen zunehmend Mobilität abverlangt wird, um ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Oder auch, weil sie gezwungener­maßen ihre Wurzeln und ihre Heimat verloren haben und wie Nomaden umherziehen. Freddy Quinns Song „Heimweh“ mit dem Liedtext „Dort wo die Blumen blüh´n, dort wo die Täler grün, dort war ich einmal zuhause“ und der Absturz von Barbarellas Raumschiff beenden die Aufführung.

Cathrin Romeis; © Stephan Glagla

Die Aufführung trägt den Untertitel „Ein Musical über Mobilität, Sex und Verwirrung“, ohne tatsächlich eine Geschichte mit den Stilmitteln des unterhaltenden Musiktheaters zu erzählen und diesem Genre zugerechnet werden zu können. Vielmehr spielt der Untertitel ganz bewusst mit der Verwirrung der Zuschauer: Fakten und Fiktion werden vermischt, am Ende sind alle verwirrt… Es handelt sich IMHO eher um eine Persiflage auf das Genre Musical, wobei das Musical, das mit ein und derselben Cast über einen Zeitraum von zehn Jahren ohne Unterbrechung im Rahmen einer Tournee gezeigt werden kann, erst noch geschrieben werden muss: „Barbarella“, um bei der gewählten Science-Fiction-Heldin zu bleiben, wurde als Musical nicht einmal zehn Monate gespielt. (Anmerkung: Die beiden Musicals „The Phantom of the Opera“ und „Starlight Express“ von Andrew Lloyd Webber, die es auf eine Laufzeit von mehr als 25 Jahren bringen, sind auch in diesem Genre die rare Ausnahme.) Was natürlich durchaus legitim ist, schließlich gibt es auch Musicals, die nichts anderes sein wollen als eine einzige Parodie. Weiters wird der Berufsstand des Darstellenden Künstlers persifliert, der, sofern er nicht einem festen Theaterensemble angehört, tatsächlich in der Art und Weise tätig ist, wie sie in der Aufführung beschrieben wird, wobei noch hinzukommt, dass er sich ständig auf neue Bühnen­partner einstellen muss. Dem Theaterbesucher wird dies aber selten derartig deutlich vor Augen geführt und bewusst gemacht, denn die Thematik dürfte nicht unbedingt massen­kompatibel sein. Die Persiflage wäre aber nicht perfekt, gäbe es nicht im Theaterfoyer auch noch die bei Musical­produktionen üblichen Souvenirartikel…

Janna Horstmann; © Stephan Glagla

Janna Horstmann (Dildano, arbeitet seit 2007 in „Wir Kinder vom Hauptbahnhof“ regelmäßig mit „copy & waste“), Cathrin Romeis (Durand Durand), Sebastian Straub (Pygar, arbeitet seit 2009 in „Berlin Ernstreuterplatz“ regelmäßig mit „copy & waste“), Sebastian Thiers (Mark Hand, arbeitet seit 2009 in „Berlin Ernstreuterplatz“ regelmäßig mit „copy & waste“) sowie Lise Wolle (The Great Tyrant) aus dem Ensemble des Theaters Oberhausen, die bereits bei „Einsatz hinter der V.ierten Wand“ mitgewirkt hat, verleihen den Figuren aus dem Kultfilm auf der Bühne mit überbordender Spielfreude Gestalt. Wer aufmerksam gelesen hat, wird festgestellt haben, dass Barbarella selbst überhaupt nicht auftaucht. Die Schauspieler erinnern den ein oder anderen Zuschauer mit ihrem schweiß­treibenden Aerobic-Workout womöglich an die über den Winter zugelegten Pfunde, sind aber den größten Teil der eineinhalbstündigen Aufführung eher in intellektuelle Diskussionen über Gott und die Welt (Mobilität, Heimat­losig­keit, Revolution usw. usw.) verstrickt. So ganz nebenbei wird auch noch der Nationalsozialismus aufgearbeitet, indem Durand Durand, der die Weltherrschaft an sich zu reißen versucht, mit seinem positronischen Strahl das als „Koloss von Rügen“ bekannt gewordene ehemalige Kraft-durch-Freude-Seebad in Prora in der Videoprojektion von Roman Hagenbrock zerstört.

Die Aufführung verlangt dem Zuschauer ein hohes Maß an Konzentration ab, etwas weniger intellektuelle Diskussionen, Verschwendung und Verwirrung wären am Ende womöglich mehr gewesen…

Haben Sie selbst „Barbarellapark“ im Ringlokschuppen Mülheim oder im Theater Oberhausen gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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