Dienstag, 26. April 2011

Osterspaziergang

Backsteinexpressionismus und Kunst im öffentlichen Raum in Gelsenkirchen

Das „Chilehaus“ im Hamburger Kontorhausviertel kennt sicher­lich jeder, der schon einmal in Hamburg gewesen ist. Das Gebäude mit seiner an einen Schiffsbug erinnernden Spitze war beispielgebend für den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre, es wurde 1922 – 24 von Fritz Höger (* 12. Juni 1877 in Bekenreihe bei Elmshorn, † 21. Juni 1949 in Bad Segeberg) erbaut. Der hartgebrannte Klinker mit seinen Farbabstufungen von rot bis violett war namensgebend für den Backsteinexpressionismus.

„Chilehaus“ im Hamburger Kontorhausviertel

Im Rhein-Ruhr-Gebiet erlebte diese Variante ex­pres­si­o­nis­tischer Architektur ihre größte Verbreitung, speziell in Gelsenkirchen wurden sehr viele interessante Bauten des Backsteinexpressionismus errichtet. Eines der Wahrzeichen der Stadt Gelsenkirchen ist das zwischen 1924 und 1927 vom Architekten Alfred Fischer (* 29. August 1881 in Stuttgart, † 10. April 1950 in Murnau) errichtete „Hans-Sachs-Haus“. Augenblicklich wird anstelle des maroden Gebäudes ein Neubau unter Erhalt der denkmalgeschützten Fassade nach dem Konzept des Büros Gerkan, Marg und Partner (gmp) errichtet, am 15. April 2011 konnte sieben Monate nach der Grundsteinlegung das Richtfest am „Neuen Hans-Sachs-Haus“ gefeiert werden.

In Gelsenkichen-Ücken­dorf befindet sich die Heilig-Kreuz-Kirche, eine 1927 – 29 nach einem Entwurf von Josef Franke (* 12. März 1876 in Watten­scheid, † 16. Januar 1944 in Gelsenkirchen) errichtete ehemalige katholische Kirche. In die Fassade ist ein großes Fenster in Form einer Parabel integriert, auch das Kirchen­gewölbe beschreibt eine hohe Parabel.

Heilig-Kreuz-Kirche, Bochumer Straße 111

An der Spitze der Fassade zieht eine riesige gemauerte Christus-Figur die Blicke an. Aufgrund der abnehmenden Zahl von Katholiken in Ückendorf wurde die Heilig-Kreuz-Kirche am 19. August 2007 als Kirche geschlossen; seit März 2008 wird das Gebäude für Ausstellungen und Kulturveranstaltungen genutzt. Als nächste öffentliche Veranstaltung findet am Sonntag, 1. Mai 2011 im Rahmen von „Tür auf“ eine offene Probe von koreanischen Nachwuchskünstlern mit Führungen durch die Kirche statt.

Gemauerter Christus an der Fassade der Heilig-Kreuz-Kirche

Am Finanzamt Gelsenkirchen-Süd in der Zeppelinallee fällt der Turmaufsatz mit der spitzbogigen Arkadenreihe ins Auge. Dieses Detail soll vom Wilhelm-Marx-Haus in Düsseldorf beeinflusst sein, dass zwischen 1922 und 1924 nach einem Entwurf des Architekten Wilhelm Kreis (* 17. März 1873 in Eltville am Rhein; † 13. August 1955 in Bad Honnef) errichtet wurde.

Finanzamt Gelsenkichen-Süd, Zeppelinallee 9 – 13

Vom früheren Rathaus ist lediglich das Stadtwappen erhalten geblieben und 1998 an dem Gebäude in der Zeppelinallee gegenüber dem früheren Rathaus angebracht worden. Es befand sich im Giebel über dem Haupteingang. Das Mosaik entwarf der Kirchenmaler Friedrich Stummel (* 20. März 1850 in Münster, † 16. September 1919 in Kevelaer); es wurde von der Firma Villeroy & Boch ausgeführt.

Das Stadtwappen vom früheren Rathaus

Das „Gelsenkirchener Prisma“ von Jürgen LIT Fischer (* 30. März 1941 in Frankfurt/Main, † 14. April 2005) am Neumarkt ist ein aus unterschiedlich gefärbten Glasscheiben zusammengesetztes gleichseitiges Dreieck. Bei Dunkelheit werden einzelne Farbfelder von innen beleuchtet und machen das Prisma so zu einem Lichtkunstobjekt.

„Gelsenkirchener Prisma“ von Jürgen LIT Fischer

In der Brunnenskulptur „Die Kraft des Wassers“ von Takashi Naraha (* 1930 in Mito, Japan) scheint eine Wasserfontäne einen riesigen Granitblock in die Höhe zu heben. Natürlich handelt es sich um einen Trick, der Stein wird von einer polierten Edelstahlsäule getragen, die in der sprudelnden Wasserfontäne nicht sichtbar ist.

„Die Kraft des Wassers“ von Takashi Naraha

Der Architekt Werner Ruhnau (* 11. April 1922 in Königsberg) realisierte gemeinsam mit Max von Hausen und Ortwin Rave den 1959 fertiggestellten Gelsenkirchener Theaterbau. Die heute renommierten Künstler Robert Adams (* 5. Oktober 1917 in Northampton, Großbritannien; † 5. April 1984 in Great Maplestead, Essex), Paul Dierkes (* 4. August 1907 in Cloppenburg, † 25. März 1968 in Berlin), Yves Klein (* 28. April 1928 in Nizza, † 6. Juni 1962 in Paris), Norbert Kricke (* 30. November 1922 in Düsseldorf, † 28. Juni 1984 in Düsseldorf) und Jean Tinguely (* 22. Mai 1925 in Freiburg im Üechtland, † 30. August 1991 in Bern) wirkten von Anfang an bei Planung und Ausführung des vom Bauhaus beeinflussten Theaterbaus mit.

Musiktheater im Revier, Kennedyplatz

1991 hat Bühnen- und Kostümbildner Erwin W. Zimmer (* 1931 in Fulda, † 1998 in Fulda) die Gestaltung der U-Bahn-Station Musiktheater Gelsenkirchen übernommen. Die 12 Wandbilder (jedes 4,20 × 2,40 m²) zeigen keine bestimmten Bühnenereignisse, sondern wollen den Besucher auf den bevorstehenden Theaterbesuch einstimmen. Erwin W. Zimmer war von 1977 bis 1996 Ausstattungsleiter am Musiktheater Gelsenkirchen.

„Olympico´s magische Perspektive der leeren Stühle“ von Erwin W. Zimmer in der U-Bahn-Station Musiktheater

Der Entwurf zu dem 1928 errichteten Wohn- und Geschäfts­haus „Ring-Eck“ stammt – wie die Heilig-Kreuz-Kirche – ebenfalls von Josef Franke. Auffällig ist der sechsgeschossige Gebäudeteil, der sich keilförmig in das ansonsten vier­ge­schossige Gebäude hineinschiebt.

Wohn- und Geschäftshaus „Ring-Eck“, Ringstraße 93/Weberstraße 70 – 72

Von ihm stammt auch der Entwurf zu dem 1925 – 26 errichteten Straßenbahndepot der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG.

Straßenbahndepot, Hauptstraße 55 – 59

Theodor Waßer (* 23. Mai 1875, † 23. Juli 1952) hat das teilweise verputzte, teilweise ziegelverkleidete Wohn- und Geschäftshaus an der Kreuzung „Am Stern“ entworfen, wobei er sich bei dem Turm womöglich von diesen Namen inspirieren ließ.

Wohn- und Geschäftshaus, Bismarckstraße 49 – 51/Hauptstraße 80

Schloss Horst wurde zwischen 1554 und 1572 als vierflügelige Schlossanlage erbaut, es ist das bedeutendste Renaissance-Schloss des nord-westdeutschen Raumes. Um dem zunehmenden Verfall der Anlage entgegenzuwirken, wurde das Schloss auf Betreiben des 1985 gegründeten Fördervereins Schloss Horst e. V. von 1995 bis 1999 nach Plänen der PAS – Projektgruppe Architektur und Städtebau (Jochem Jourdan und Bernhard Müller) restauriert und am 13. August 1999 als Kultur- und Bürgerzentrum mit integriertem Standesamt wieder der Öffentlichkeit übergeben. Augenblicklich wird die Vorburg saniert und zu einer Stadtteilbibliothek und einem Bürgerzentrum umgebaut.

Schloss Horst

Eine Glashalle überspannt als besonderer Akzent den damaligen Innenhof und dient als Kulturveranstaltungsort. Am 6. November 2010 wurde das Museum Schloss Horst im Rahmen der Kulturhauptstadt mit der Dauerausstellung „Leben und Arbeiten im Zeitalter der Renaissance“ eröffnet.

Glashalle Schloss Horst

Die in Edelstahl ausgeführte Plastik „Europator“ von Bildhauer Friedrich Gräsel (* 1927 in Bochum) fungierte 1997 bei der Bundesgartenschau auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Nordstern als südliches Eingangstor.

„Europator“ von Friedrich Gräsel

Bei einem Besuch der Kunstwerke im öffentlichen Raum darf natürlich auch der „Herkules“ von Markus Lüpertz (* 25. April 1941 in Reichenberg) auf dem Nordsternturm nicht fehlen. Mag man über Proportionen und Formgebung der Skulptur auch geteilter Meinung sein, in natura gesehen haben sollte man die Figur auf alle Fälle.

Ehemalige Zeche Nordstern, Wasserspiele am Nordsternplatz


„Herkules“-Skulptur auf dem Nordsternturm

Wer weitere Anregungen zum Backsteinexpressionismus oder zur Kunst im öffentlichen Raum in Gelsenkirchen sucht, wird in der Broschürenreihe „Stadtprofile Gelsenkirchen“ fündig, die man im Internetprotal der Stadt Gelsenkirchen auch als PDF-Dokument herunterladen kann.

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