Samstag, 31. Juli 2010

FreilichtSpiele Tecklenburg: West Side Story

„West Side Story“ – nach einer Idee von Jerome Robbins und nach Shakespeares „Romeo and Julia“; Musik: Leonard Bernstein; Gesangstexte: Stephen Sondheim; Buch: Arthur Laurents; Deutsche Fassung: Frank Thannhäuser/Nico Rabenald; Regie: Helga Wolf; Choreographie: Doris Marlis; Fight Choreographie/Fight Captain: Kevin Foster; Bühne: Susanna Buller; Kostüme: Karin Alberti; Maske: Stefan Becks; Musikalischer Leiter: Tjaard Kirsch. Darsteller: Leah Delos Santos (Maria), Lucius Wolter (Tony), Sigrid Brandstetter (Anita), Lars Kemter (Riff), Gianni Meurer (Bernardo), Jana Stelley (Anybodys), Hannes Demming (Doc), Michael Micheiloff (Lt. Schrank), Stefan Poslovski (Officer Krupke), Michael Schüler (Glad Hand); Jets: Martin Kiuntke (Action), Stephan Luethy (Baby John), Tom Schimon, Hakan T. Aslan, Andrew Hill, Harald Tauber, Phillipp Georgopoulos, Nils Haberstroh, Kristian Lucas, Anke Merz, Juliane Bischoff, Silja Schenk, Marthe Römer, Sophie Blümel, Esther Lach, Jessica Krüger; Sharks: Silvano Marraffa (Chino), Daniel Ruiz, Kevin Foster, Julian Sylva, Marius Hatt, Jan Altenbockum, Jörn Ortmann, Raphaela Groß-Fengels, Angela Hunkeler, Michelle Escaño, Janina Keppel, Rachel Colley, Rebecca Stahlhut, Laura Fernandez. Uraufführung: 26. September 1957, Winter Garden Theatre, New York. Deutschsprachige Erstaufführung: 25. Februar 1968, Volksoper, Wien. Premiere: 23. Juli 2010, Freilichtbühne Tecklenburg.



„West Side Story“


Open-Air-Produktion der FreilichtSpiele Tecklenburg


Die „West Side Story“, eines der größten Werke des amerikanischen Musiktheaters, behandelt am Beispiel zweier rivalisierender Banden die Schwierigkeiten und Gegensätze zwischen den eingewanderten Puertoricanern (Sharks) und den Einheimischen der New Yorker West Side (Jets) um 1955. Das Stück wurde 1961 verfilmt; der Film wurde für elf Oscars nominiert, wovon er immerhin zehn tatsächlich erhalten hat. Die rivalisierenden oder besser gesagt konkurrierenden Parteien mag man vielleicht auch bei den Sommerfestspielen wiedererkennen: Elke Hesse stellte die „West Side Story“ im letzten Jahr ihrer Intendanz bei den Bad Hersfelder Festspielen 2009 mit Leah Delos Santos (Maria) und Christian Alexander Müller (Tony) erfolgreich auf die Bühne der Stiftsruine, Radulf Beulecke hat sich als Intendant der Freilichtspiele Tecklenburg die Aufführungsrechte für 2010 gesichert und konnte gleichzeitig – aus allgemein bekannten Gründen – Leah Delos Santos als Maria verpflichten. Bei der Wiederaufnahme in Bad Hersfeld in diesem Jahr spielt Katharina Schrade die Maria.

Lars Kemter (Riff)

Lucius Wolter (Tony)

Bei der „West Side Story“ verschmelzen Musik, Schauspiel und Tanz in nahezu unübertrefflicher Form, und die in der von Robert E. Griffith und Harold S. Prince produzierten Uraufführung von Jerome Robbins choreographierten Tanzsequenzen gerieten zum beinahe wichtigsten Stilmittel. Robbins erarbeitete mit jedem Tänzer ein individuelles Repertoire an Gesten und schuf damit ein stilisiertes Tanztheater, das die bedrohlichen Auseinandersetzungen der Jugendlichen überzeugender auf die Bühne brachte als jede realistische Darstellung. Für eine darart auf Tanz zugeschnittene Show ist die Tecklenburger Freilichtbühne aber sicherlich kein gutes Pflaster: Der harte Steinboden stellt erhebliche Anforderungen an die Tänzer, belastet Sehnen und Bänder, langfristig ist es sogar gefährlich, auf einem harten Boden zu tanzen. Diesem Umstand dürfte auch die Choreografie von Doris Marlis geschuldet sein, die in der von mir besuchten ersten Vorstellung nach der Premiere teilweise nicht ganz synchron umgesetzt wurde.

Sigrid Brandstetter (Anita)

Lucius Wolter (Tony)

Ohne hier die Leistung der Darsteller schmälern zu wollen, aber die Gewichtung zwischen den beiden in diesem Sommer in Tecklenburg aufgeführten Musicals zugunsten der „3 Musketiere“ anhand der Darstellerriege ist schon auffällig. Hat man in „3 Musketiere“ selbst die kleineren Hauptrollen mit „Stars“ aus der Musicalszene besetzt, so baut man in der „West Side Story“ auf ein solides Ensemble, wobei erstaunlich viele Akteure aus der ebenfalls von Helga Wolf inszenierten Produktion der Thuner Seespiele 2008 hier wieder mit von der Partie sind (Lucius Wolter, Sigrid Brandstetter, Gianni Meurer, Martin Kiuntke, Stephan Luethy, Kevin Foster). Ob Helga Wolf die Handlung nun tatsächlich in die Gegenwart verlegt hat, wie dies von anderen Besuchern konstatiert wird, vermag ich nicht zu sagen. Die Tanzveranstaltung, bei der Jets und Sharks aufeinander treffen, würde wohl in der Gegenwart eher in einem Club stattfinden, und Tanzspiele wie in „The Dance at the Gym“ kann ich mir an einem solchen Ort überhaupt nicht vorstellen. Ich empfinde die Inszenierung eher als zeitlos, mit den immerwährenden Themen Liebe, Hass, Jugendkriminalität und Ausländerfeindlichkeit. In der Tecklenburger Produktion werden auch die Songs in Deutscher Sprache aufgeführt (Deutsche Fassung: Frank Thannhäuser/Nico Rabenald); vielen Zuschauern in meinem Umfeld waren aber Stephen Sondheims Gesangstexte wohl so geläufig, dass die übertragenen Texte beinahe gewöhnungsbedürftig erschienen.

Leah Delos Santos (Maria), Lucius Wolter (Tony)

Leah Delos Santos (Maria)

Leah Delos Santos ist ohne Zweifel die herausragende Darstellerin dieser Produktion. Mit bezauberndem, klaren Sopran und südländischem Temperament berührt sie als Auswanderermädchen Maria das Publikum. Ihre Darstellung der verzweifelten Maria, die voll Schmerz und Zorn einen Appell an die zwischenzeitlich zusammengelaufenen Banden gegen die Sinnlosigkeit des Kämpfens und Mordens gerät zum bewegenden Höhepunkt der Aufführung. Ihre Freundin Anita wird von der agilen Sigrid Brandstetter dargestellt, die Marias Bruder Bernardo von den Vorzügen des Lebens in Amerika überzeugen möchte und sowohl in humorvollen als auch in den dramatischen Szenen wie der „Taunting Scene“ (es soll die Verhöhnung Halbwüchsiger zum Ausdruck kommen, in Tecklenburg wird sie als vollzogene Vergewaltigung dargestellt) glaubhaft über die Rampe kommt. Der einstudierte (!) Akzent bei den Gesprächen zwischen Anita und Maria wirkt charmant, fast authentisch. Lucius Wolter spielt den jugendlichen Träumer und Liebenden Tony, der sich inzwischen zu alt für die Jets fühlt und mit „seiner“ Maria in Frieden leben möchte. Dabei dürfte er von seiner „West Side Story“-Erfahrung in Thun profitieren können. Lars Kemter (Riff) und Gianni Meurer (Bernardo) lassen Führungsqualitäten als aggressive Gegenspieler bei den Jets bzw. Sharks erkennen, wobei die Rolle des Bernardo im Vergleich zu Riff eher klein angelegt ist. Während Jana Stelley als Peróns Geliebte mit „Wohin soll ich jetzt geh´n“ im vergangenen Jahr immerhin noch einen ganzen Song nutzen konnte, um auf sich aufmerksam zu machen, hat sie in diesem Jahr als Herumgestoßene Anybodys beinahe eine Schauspielrolle, aus der sie mit Baseballschläger und vorlautem Mundwerk aber das Beste macht. Lediglich die Zeile „Es gibt einen Ort, es gibt einen Ort, es gibt …“ darf sie im zweiten Akt singen. Die sich an „Somewhere“ anschließende Szene „Prozession – Alptraum“ ist in Tecklenburg gestrichen worden.

Jana Stelley (Anybodys)

Leah Delos Santos (Maria), Lucius Wolter (Tony)

Wie ein „West Side Story“-Bühnenbild auf einer Freilichtbühne aussehen kann, davon konnte man sich 2003/2004 bei den Bregenzer Festspielen ein Bild machen, wo 400 Tonnen Stahl und 3.000 m² Glas dem weltberühmten Stück die Kulisse der US-Metropole verliehen. Die gebogene Glasfassade gehörte zu den technischen Highlights, auf die das Projektteam besonders stolz war. Dagegen kann man die Bühne in Tecklenburg eher als bescheiden bezeichnen, wobei der Burghof mit dem Brunnen den festen Rahmen für alle Stücke vorgibt. Mit Wellblech-Imitationen versucht Susanna Buller den Zuschauer in die Strassenschluchten der amerikanischen Metropole zu versetzen. Ich assoziere mit Wellblech allerdings eher Bauwagen oder Notunterkünfte, von daher hätte ich unverkleidete Stahlgerüste vorgezogen. Die Kostüme von Karin Alberti, die seit 14 Jahren das optische Bild im Bereich Kostüme in Tecklenburg prägt, in diesem Jahr aber auch für die Kostüme von „Carmen – Ein deutsches Musical“ bei den Bad Hersfelder Festspielen verantwortlich zeichnet, ermöglichen auch ohne durchgehende Farbteilung eine optische Unterscheidung der beiden Banden, wobei die Kleider der puertoricanischen Damenriege den Farbtupfer liefern.


Gianni Meurer (Bernardo)

Stefan Poslovski (Officer Krupke)

Die untergehende Abendsonne verlieh den Szenen im ersten Akt eine ganz besondere Note, wohingegen im zweiten Akt nach Einbruch der Dunkelheit für Zuschauer auf den Plätzen zum Rand des Auditoriums die von der gegenüberliegenden Seite beleuchteten Darsteller im Dunkeln standen. Dies liegt in der Breite der Bühne begründet und könnte nur durch zusätzliche, mittig angeordnete Scheinwerfer behoben werden. Zusammenfassend stellt die Tecklenburger „West Side Story“ für mich solide gemachtes Open-Air-Theater dar, das parallel gezeigte Musical „3 Musketiere“ kann eindeutig stärker überzeugen.

Haben Sie selbst die „West Side Story“ in Tecklenburg gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

Donnerstag, 29. Juli 2010

Oberhausener Sternstunden

Oberhausen ist Mittelpunkt der Kulturhauptstadt Europas … eine Woche lang

Vom 25. bis 31. Juli 2010 ist Oberhausen der Mittelpunkt der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Die „Local Heroes“-Woche in Oberhausen steht in Anlehnung an die aktuelle Ausstellung „Sternstunden – Wunder des Sonnensystems“ im Gasometer Oberhausen unter dem Motto „Oberhausener Sternstunden“.

Schloss Oberhausen: Haupthaus mit Foyer der Ludwig Galerie

Mit einem Familienkulturfest im Kaisergarten wurde die „Local Heroes“-Woche offiziell eröffnet. Ein vielfältiges Programm aus Musik, Tanz, Theater und Aktionen für Kinder sorgte für Unterhaltung für Jung und Alt.

„Ausser Betrieb – Variationen für eine Telefonzelle“

Ivan Chary alias Paul Durand kämpfte als verzweifelter Petit Monsieur in „Ausser Betrieb – Variationen für eine Telefonzelle“ bei seinem Versuch, einem drigenden Kommunikationsbedürfnis nachzukommen, einen schier endlosen Kampf gegen die Tücke des Objekts. Der akrobatische Slapstick ohne Worte entführt die Zuschauer auf eine Achterbahn der Gefühle.

„Ausser Betrieb – Variationen für eine Telefonzelle“

Mit seinen 100 Metern Deckenhöhe über der Manege sorgte der Gasometer Oberhausen – mit seinen große Ausstellungen die wohl bekannteste und größte „Kulturtonne“ – für ein außergewöhnliches Ambiente bei dem ökumenischen Gottesdienst unter dem „größten Mond auf der Erde“.

Der „größte Mond auf der Erde“ im Gasometer Oberhausen

Das Echo im Inneren lässt den Besucher – mitunter verständnislos im wortwörtlichen Sinn – staunen.

Ökumenischer Gottesdienst auf der Manege des Gasometers

Die Künstlervereinigung Kultur im Turm e.V. (KITEV) zeigt während der ganzen „Local Heroes“-Woche nach Einbruch der Dämmerung eine permanente Videoinstallation am Wasserturm des Hauptbahnhofs. Diese soll eine Gegenposition zur Dominanz der kommerziellen Bilder im Stadtraum darstellen.

Videoinstallation am Hauptbahnhof

Am Mittwochabend zeigte das N.N. Theater Neue Volksbühne Köln – 1987 als reines Straßentheater gegründet, heute Deutschlands erfolgreichste freie Tourneetheatergruppe – auf dem Altmarkt „Die Nibelungen“.

N.N. Theater Neue Volksbühne Köln: „Die Nibelungen“

N.N. Theater Neue Volksbühne Köln: „Die Nibelungen“

Was Ute Kossmann, Irene Schwarz, Didi Jünemann, Tom Simon und Ozan Akhan da mit dem Untertitel „Ein phantastisches und dramatisches Geschehen am Rhein“ an Komik, Tragik und Hintergründigem in einer lauen Sommernacht auf den Altmarkt gezaubert haben, machte die Nibelungensage zu einem wahren Vergnügen.

N.N. Theater Neue Volksbühne Köln: „Die Nibelungen“

Dienstag, 27. Juli 2010

Bad Hersfelder Festspiele: Carmen – Ein deutsches Musical

„Carmen – Ein deutsches Musical“ – nach der Novelle von Prosper Mérimée und der Oper von George Bizet; Musik: Wolfgang Schmidtke; Buch und Songtexte: Judith Kuckart; Regie: Nico Rabenald; Choreografie: Wolf Bader, Gaines Hall; Bühne: Roy Spahn; Kostüme: Karin Alberti; Musikalischer Leiter: Christoph Wohlleben. Darsteller: u.a. Anna Montanaro (Carmen), Christian Alexander Müller (Jo), Kristin Hölck (Marie), Maaike Schuurmans (Katie), Paul Kribbe (Karlemann), Gaines Hall (Johnnie B. Ray). Uraufführung: 16. Juni 2010, Stiftsruine, Bad Hersfeld.



„Carmen – Ein deutsches Musical“


Open-Air-Produktion der Bad Hersfelder Festspiele


Stiftsruine Bad Hersfeld

Die Bad Hersfelder Festspiele erleben in diesem Jahr ihre 60. Spielzeit. Sie wurden 1951 nach dem Vorbild der Salzburger Mysterienspiele ins Leben gerufen, und finden seither jedes Jahr von Mitte Juni bis Anfang August auf der Bühne in der Stiftsruine statt. Anfänglich war es üblich, dass man nach der Aufführung die Ruine andächtig und ohne Applaus verließ. Erst ab 1966 nahm man von dieser Gepflogenheit Abstand. Bis heute ist das Ambiente in der Stiftsruine eher „gediegen“. Die gepolsterte Bestuhlung bietet Platz für 1636 Besucher; der Zuschauerraum im Langhaus kann seit 1968 in der Festspielsaison mit einem 1400 m² großen „Regenschirm“ überdacht werden. 1981 stand mit „Der Mann von La Mancha“ erstmals ein Musical auf dem Spielplan der Bad Hersfelder Festspiele. Zwischenzeitlich wollte man das Genre Musical wieder vom Spielplan „verbannen“, was sich aber als Fehler erwies und bereits im darauf folgenden Jahr korrigiert wurde. In der laufenden Spielzeit werden mit der Wiederaufnahme der „West Side Story“ und der Uraufführung von „Carmen – Ein deutsches Musical“ sogar zwei Musicals in der Stiftsruine gespielt.

Stiftsruine Bad Hersfeld (außerhalb der Festspielzeit)

Bereits 2006 hatte Kim Duddy im Rahmen des Musicalsommers Amstetten mit „Carmen Cubana – A Latin Pop Opera“ eine Musical-Version des Stoffes vorgelegt, die nur lose auf der Novelle von Prosper Mérimée und der Oper von George Bizet basiert. Mit „Carmen – Ein deutsches Musical“ von Judith Kuckart verhält es sich ganz ähnlich: Der Schauplatz der Geschichte wurde aus Andalusien nach Westdeutschland im Jahre 1948 und 1955 verlegt. Aus Don José wurde Jo, ein Sohn aus gutem Haus und angehender Beamter, und aus dem Bauernmädchen Micaëla wurde Marie.

In Rückblenden lässt Marie (Alte Marie: Franziska Weber) ihr Leben Revue passieren. Sie gehört im Nackriegsdeutschland im Jahr 1948 zu den Heimatlosen, den so genannten „Displaced Persons“, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Der Schwarzmarkthandel hat Konjunktur, Banden beherrschen die Szene. Für das verliebte Paar Jo (Christian Alexander Müller) und Marie (Kristin Hölck) scheint die Welt jedoch in Ordnung, bis Carmen (Anna Montanaro) in ihr Leben tritt, die allen Männern den Kopf verdreht. Auch Jo verfällt ihr und verlässt Marie. Sieben Jahre später haben beinahe alle Beteiligten ihren Platz gefunden: Marie eröffnet ihr eigenes Hut-Geschäft, Jo ist noch mit Carmen zusammen, und Bandenanführer Karlemann (Paul Kribbe) hat zusammen mit Katie (Maaike Schuurmans) eine Bar eröffnet. Als Carmen jedoch damit droht, Jo zu verlassen, endet die Geschichte tragisch.

Plakat zur Produktion „Carmen – Ein deutsches Musical“,
Quelle: Bad Hersfelder Festspiele


Anna Montanaro kehrt als Carmen, die undurchsichtige Femme fatal, auf die Bühne der Stiftsruine zurück. Hier verkörperte sie bereits erfolgreich neben Yngve Gasoy Romdal als Jesus von 2002 bis 2004 in „Jesus Christ Superstar“ die Rolle der Maria Magdalena, wofür ihr 2002 der Hersfeld-Preis verliehen wurde. In ihrem ersten Engagement nach der Babypause überzeugt sie durch ihre Bühnenpräsenz und ihr facettenreiches Spiel. Christian Alexander Müller, der jüngste Darsteller des Phantoms in Andrew Llyod Webbers „Phamtom der Oper“ im Essener Colossum Theater, gab 2009 bei den Bad Hersfelder Festspielen in der „West Side Story“ als Tony sein Stiftsruinen-Debut. Neben der Rolle des Jo ist er auch in der Wiederaufnahme der „West Side Story“ zu erleben. Auch in „Carmen – Ein deutsches Musical“ überzeugt er mit grandioser Stimme. Kristin Hölck steht in der Rolle der Marie erstmals auf der Bühne der Stiftsruine, für das „präzise Porträt einer Frau, die vom Leben und von der Liebe betrogen wird“, wurde ihr der Hersfeld-Preis 2010 verliehen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Maaike Schuurmans ist in Bad Hersfeld ebenfalls keine Unbekannte. 2008 spielte sie die Rolle der Prostituierten Lucy Harris in „Jekyll & Hyde“ und wurde für ihre Darstellung mit dem Hersfeld-Preis ausgezeichnet. Dieses Jahr spielt sie neben der Rolle der Katie auch die Anita in der „West Side Story“. Sie bildet zusammen mit Paul Kribbe das dominierende Paar der „Displaced Persons“, und fällt durch ihre temperamentvolle Ausstrahlung auf. Paul Kribbe zeigt sich als vielseitiger Darsteller auf dem Weg vom Bandenanführer zum Barbesitzer. Gaines Hall spielt die Rolle des US-Rockstars Johnnie B. Ray, das Pendant des Toreros Escamillo. Mit seiner Stepptanz-Einlage kann er sich, totz des kurzen Auftritts, bleibend in die Erinnerung der Zuschauer tanzen.

Das aus schwarz-rot-goldenen Treppenstufen mit einem überdimensionalen Eichenlaubkranz bestehende Bühnenbild (Roy Spahn) wird zur zeitlichen Einordnung jeweils durch ein zerstörtes Hakenkreuz, eine Deutsche Mark oder eine amerikanische Flagge ergänzt. Wenige Requisiten reichen aus, um den jeweiligen Ort der Handlung anzudeuten. Wolfgang Schmidtkes Musik orientiert sich an osteuropäischer Folklore, Jazz und Rock ´n´ Roll, Swing, der Unterhaltungsmusik der Nachkriegszeit und dem Big Band-Sound. Aber auch bekannte Elemente aus Bizets Oper, das Leitmotiv der Habañera („L´amour est un oiseau rebelle“), das Torerolied („Toréador, en garde“) und die Seguidilla („Près des remparts de Séville“) wurden umgesetzt. Christoph Wohlleben und das große Orchester sorgen für die souveräne Umsetzung der Partitur.

„Carmen – Ein deutsches Musical“ ist Wolfgang Schmidtkes erste Musical-Komposition, und auch für Autorin Judith Kuckart ist es das erste Musiktheaterstück, für das sie Buch und Liedtexte schrieb. Indendant Holk Freytag hatte das Stück als Ur-Aufführung für die Bad Hersfelder Festspiele in Auftrag gegeben. Die Musik der Konzert-Saxophonisten gefällt dann besonders, wenn sie Fahrt aufnimmt und in Richtung Big Band-Sound geht. Das Buch fokussiert zu wenig auf die tragische Dreiecksgeschichte, will gleichzeitig Geschichtsunterricht geben und die Geschichte der „Displaced Persons“ aufarbeiten, was nur ansatzweise gelingt. „Carmen – Ein deutsches Musical“ ist in der vorliegenden Form wohl nicht der große Publikumsrenner, der fortan auf allen Bühnen landauf, landab gespielt wird, was sich teilweise auch in den Zuschauerzahlen widerspiegelt. Einen unterhaltsamen Abend bietet es aber auf alle Fälle. Pressemeldungen zufolge hat man für 2011 erneut Helen Schneider verpflichtet, die bereits 1999 bis 2001 unter der Intendanz von Dr. Peter Lotschak die Rolle der Evita im gleichnamigen Musical von Andrew Lloyd Webber verkörpert hat und im kommenden Jahr als Norma Desmond in Webbers „Sunset Boulevard“ zu sehen sein wird.

Leider machte das Wetter bei der von mir besuchten Vorstellung dem Open-Air-Erlebnis einen Strich durch die Rechnung. Wegen angekündigter Schauer war der 1400 m² große „Regenschirm“ von Beginn an über die Stiftsruine gespannt, und im Laufe der Vorstellung fühlte ich mich an einen früheren Besuch bei den Bad Hersfelder Festspielen erinnert, als Janina Goy passend zum einsetzenden Regen die Zeilen „Regen fällt, die Straße fließt wie Silber“ aus „Nur für mich“ („Les Misérables“) intonierte. Die 140-minütige Vorstellung selbst war jedoch nicht beeinträchtigt – zumindest nicht für die Zuschauer, die unter dem „Regenschirm“ sitzen. Die Akteure, die dabei im Regen stehen, werden dies möglicherweise ein klein wenig anders sehen. „Carmen – Ein deutsches Musical“ wird noch bis zum 3. August 2010 auf der Bühne der Stiftsruine Bad Hersfeld gezeigt.

Haben Sie selbst „Carmen“ in Bad Hersfeld gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

Sonntag, 25. Juli 2010

Gülhane – Rosen für Marxloh

Ein Pavillon in Form einer großen Rosenknospe in Duisburg-Marxloh

Die DITIB Merkez Moschee in Duisburg-Marxloh

Am 12. Juli 2010 hat in Duisburg-Marxloh vis-à-vis der DITIB Merkez Moschee, der größten Moschee Deutschlands, das RUHR.2010 TWINS-Projekt „Gülhane – Rosen für Marxloh“ begonnen. „Gül“ (türkisch für „Rose“) berührt alle Herzen, in allen Kulturen. „Gülhane“ heißt der Rosenpark in Istanbul und „Gülhane Elise“ eine Bürgerinitiative, die seit Jahren für interkulturelle Freundschaft in Duisburg-Marxloh eintritt. Der eingetragene Verein „Rosen für Marxloh e.V.“ und die DITIB Begegnungsstätte der Moschee haben das Projekt initiiert, und der Architekt und Pionier im Weidenbau Marcel Kalberer und sein Baukunstatelier „Sanfte Strukturen“ leiten viele freiwillige Helfer an, so dass vis-à-vis der DITIB Merkez Moschee ein neun Meter hoher Pavillon in Form einer Rosenknospe als Zeichen des friedlichen Zusammenlebens aller Kulturen und Religionen entsteht.

Aufbau des Pavillons in Form einer großen Rosenknospe

Ursprünglich sollte der Pavillon mitsamt einem Rosengarten auf dem Gelände des ehemaligen Elisenhofes entstehen, wo bis vor wenigen Jahren noch eine Bergarbeitersiedlung stand, die als Kulisse für Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ diente. Diese Pläne konnten jedoch nicht realisiert werden, so dass der Pavillon nun nördlich der Warbruckstraße vis-à-vis der DITIB Merkez Moschee erbaut wird.

Der Pavillon in Form einer großen Rosenknospe

Noch bis zum kommenden Wochenende hat jeder die Gelegenheit, beim Aufbau mitzuhelfen oder die Fortentwicklung des Projektes einfach nur zu beobachten. Begleitet wird der Aufbau von einem vielfältigen Kulturprogramm mit Künstler/innen aus der russischen Partnerstadt Perm und Istanbul. Den Abschluss bildet die „Rosennacht der spirituellen Musik“ am 25. Juli 2010. Dazu wird das „Friedenslicht der Abrahamsreligionen“ von Leo Lebendig in die Kuppel des Pavillons eingehängt.

Rosenmosaik inmitten des Pavillons

Nachtrag: Aus Respekt vor den Ereignissen und den Verstorbenen bei der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010 wurde das Bühnenprogramm zur Eröffnung des Rosenpavillons abgesagt und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Mit Rosen berankter Pavillon vor der DITIB Merkez Moschee

Samstag, 24. Juli 2010

traces of:FATZER_vol.3

Vorschau auf dem „Flying Grass Carpet“

„traces of:FATZER_vol.3“

„traces of:FATZER“ ist eine auf drei Jahre angelegte internationale Jugend-Kulturbegegnung im Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr. Seit der ersten Arbeitsphase im Sommer 2008 während des Mülheimer Stadtjubiläums erarbeiten Jugendliche aus Mülheim und den Partnerstädten Beykoz/Istanbul (Türkei), Darlington (Großbritannien), Kuusankoski (Finnland), Opole (Polen) und Tours (Frankreich) Performances zu einer gerechten Gesellschaft. Neben der gemeinsamen künstlerischen Arbeit steht die interkulturelle Begegnung dabei im Vordegrund. In dem Workshop „traces of:FATZER_vol.3“ vom 17. Juli bis 1. August 2010 wird gemeinsam mit Theaterregisseur Martin Kreidt und weiteren Künstlern aus den Bereichen Schauspiel, Tanz, Musik und Video das Thema „Revolution“ bearbeitet.

Brainstorming: Letzte Regieanweisung von Martin Kreidt

Das Motiv der Revolution als vage Hoffnung auf eine bessere Zukunft durchzieht auch Bertolt Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, auf dem der Workshop basiert. Das bewusst unvollendete Stück handelt von vier jungen Männern, die im Ersten Weltkrieg desertieren und sich in Mülheim verstecken.

„traces of:FATZER_vol.3“

Nach der ersten Woche des Workshops präsentierten die Jugendlichen Ausschnitte aus dem bisher erarbeitenen Programm als Vorschau auf die Abschlussveranstaltung von „traces of:FATZER_vol.3“ am 31. Juli 2010 im Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr, die im Rahmen des internationalen Jugend-Kulturfestivals „Varieté de la Vie“ stattfindet.

„traces of:FATZER_vol.3“

altenhagen:reloaded

Der Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Projektes „Sehnsucht nach Ebene 2“

Hochbrücke Ebene 2

Nachdem am 18. Juli 2010 die Autobahn A40 für das „Still-Leben Ruhrschnellweg“ gesperrt war, wird in Hagen vom 23. bis 25. Juli 2010 die Hochbrücke Ebene 2 für das Brückenfest gesperrt, das den Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Projektes „Sehnsucht nach Ebene 2“ bildet. Im Rahmen der „Local Heroes“-Woche vom 18. bis 25. Juli 2010 besteht erstmals für die Besucher die Gelegenheit, die in den 1970er Jahren zwischen Bahnhofsviertel und Altenhagen errichtete Brücke zu Fuß zu überqueren.

Sonnenuntergang an der Hochbrücke Ebene 2

Milica Reinhart (* 30. Dezember 1958 in Djakova, Kroatien) und Marjan Verkerk (* 25. November 1956 in Amsterdam, Niederlande) haben mit „Sehnsucht nach Ebene 2“ die triste Hochbrücke in ein Kunstwerk verwandelt. Aus Gesprächen mit Migrantinnen auf der Suche nach deren Heimaterinnerungen entwickelten sie das Farbkonzept für die Brücke; die Neon-Schriftzüge (Ausführung: Heinz Kers) sind Übersetzungen des Wortes Brücke in die jeweilige Muttersprache der Frauen in ihrer jeweiligen Handschrift.

Hochbrücke Ebene 2

Geert Mul (* 1965 in Alphen, Niederlande) aus Rotterdam hat für das Brückenfest 20 Bilder mit einem Durchmesser von drei Metern angefertigt, die mit Hilfe von computergesteuerten LED-Spots wechselweise in unterschiedlichen Farben erstrahlen und so eine gewisse Dynamik und gleichzeitig magische Wirkung entfalten.

„Preparations for a Possible Future“ von Geert Mul

Auch in seinem für Hagen konzipierten Projekt „Preparations for a Possible Future“ beschäftigt sich Geert Mul mit den Identitäten der Stadt, ihren multikulturellen Facetten, ihren Perspektiven und Visionen.

„Preparations for a Possible Future“ von Geert Mul

Donnerstag, 22. Juli 2010

Industriearchäologischer Park St. Antony

Die Wiege der Stahlindustrie im Ruhrgebiet

Am 18. Oktober 1758 nahm die erste erzverarbeitende Produktionsstätte in dieser Region zwischen Sterkrade und Osterfeld ihren Betrieb auf. Die St. Antony-Hütte gilt damit als die „Wiege der Ruhrindustrie“ und bildete die Keimzelle des späteren Weltkonzerns Gutehoffnungshütte (GHH). Aus der Gründungszeit ist das frühere Kontor- und Wohnhaus des Hüttenleiters Gottlob Jacobi erhalten, dessen Räumlichkeiten heute das Museum „St.Antony.Hütte“ als Bestandteil des Rheinischen Industriemuseums beherbergen.

St. Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld

Seit 2006 wurden südlich der Antoniestraße Mauerreste, Fundamente und Anlagenteile der Produktionsstätte der St. Antony-Hütte vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege und vom Landschaftsverband Rheinland ausgegraben. Ein Steg führt über das Ausgrabungsgelände mit den freigelegten Überresten der alten Produktionsstätte.

Ausgrabungsstätte südlich der Antoniestraße

Im Rahmen der Kulturhauptstadt im Programmfeld „Mythos Ruhr begreifen“ wird die Ausgrabungsstätte mit einem Stahldach versehen. Leider wurde aus Kostengründen von den ursprünglichen Plänen abgewichen und auf die Öffnungen für natürliches Sonnenlicht verzichtet. Nach Fertigstellung wird das Gelände als erster Industriearchäologische Park Deutschlands eröffnet.

Aufbau der Stahlüberdachung für die Ausgrabungsstätte

Die Arbeiten verzögern sich jedoch noch ein wenig, erst am 12. Juli 2010 fegte Sturmtief „Norina“ mit orkanartigen Sturmböen über das Gelände und entwurzelte sogar Bäume. Daher kann man momentan noch die Entstehung des Industriearchäologischen Parks verfolgen.

Infolge des Sturmtiefs „Norina“ umgestürzter Baum

Sonntag, 18. Juli 2010

Still-Leben Ruhrschnellweg

Ein autofreier Sonntag für die Kultur

Der Ruhrschnellweg, eine der meistbefahrensten Schnellstraßen Deutschlands (durchschnittlich mehr als 140.000 Kraftfahrzeuge/Tag), wegen der vielen Verkehrsstaus auch als „Ruhrschleichweg“ oder der „längste Parkplatz des Ruhrgebiets“ bezeichnet, hat im Laufe der Zeit schon viel erlebt; aber dass dort 20.000 Tische aufgestellt werden, um ihn zur längsten Tafel der Welt zu machen, das ist ein Novum.

Für das Still-Leben Ruhrschnellweg gekennzeichnete Biertischgarnitur

Dafür wurde der Ruhrschnellweg von Dortmund Märkische Straße bis Duisburg Rheinhausen ab Samstag, 17. Juli, 22 Uhr bis Montag, 19. Juli, 5 Uhr komplett für den Verkehr gesperrt. Leider tat sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach 22 Uhr lange Zeit gar nichts; wie ich später erfahren habe, begann der Aufbau der Biertischgarnituren auf der „Tischspur“ in Richtung Duisburg erst mit zweistündiger Verspätung.

Die gesperrte Autobahn A40 in Höhe der Anschlussstelle 24 Essen-Huttrop

Ich hatte mir für den Besuch des Still-Lebens Ruhrschnellweg drei Schwerpunkte gesetzt, und entsprechend finden sich hier Eindrücke von der Strecke im Autobahnkreuz Kaiserberg in Duisburg, in Bochum-Hamme und in der Essener Innenstadt. Dabei habe ich keinen Wert auf die chronologische Darstellung gelegt; anhand der Momentaufnahmen dürfte die Chronologie allerdings ersichtlich sein.

Autobahnkreuz Kaiserberg

„Stell´ Dir vor, es ist Party, und keiner geht hin …“ Unvorstellbar, aber da die Gruppen, die Tische für ihre Programmbeiträge reserviert hatten, die Strecke auch erst mit den übrigen Besuchern betreten durften, waren zu Beginn der Veranstaltung diverse Tische unbesetzt.

Noch unbesetzte Tische bei Öffnung der Strecke

Dies sollte sich jedoch bald ändern … Was die Leute da zu ihren reservierten Tischen schleppten/karrten, das war schon abenteuerlich. Irgendwann kam mir eine von zwei Personen getragene Wohnungstür entgegen, aber die ist so schnell im allgemeinen Getümmel verschwunden wie sie aufgetaucht ist.

Autobahn A40 im Autobahnkreuz Kaiserberg

Wo sonst nur Straßenlärm an der Tagesordnung ist, hatten sich an diesem Tag diverse Gruppen mit „handgemachter“ Musik eingefunden, unter anderem der Spielmannszug Obrighoven aus Wesel und das Folk-Ensemble der Musikschule Voerde e.V..

Spielmannszug Obrighoven im Autobahnkreuz Kaiserberg

Das Folk-Ensemble der Musikschule Voerde e.V. im Autobahnkreuz Kaiserberg

Das Still-Leben Ruhrschnellweg war natürlich auch die Gelegenheit, sich den „Delicate Arch“ von Rita McBride aus dem Projekt „B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße“ endlich einmal in Ruhe von vorne anzuschauen, schließlich kann man sonst an dieser Stelle nicht anhalten und kann daher üblicherweise nur einen kurzen Blick erhaschen.

„Delicate Arch“ von Rita McBride


Bochum-Hamme

Der Besitzer dieser alten BMW Isetta hatte zumindest keinen „größeren“ Parkplatzprobleme, wie sie entlang der Strecke an den Anschlussstellen häufiger auftraten.

Eine alte BMW Isetta

„Ich komm´ zur Ruhe“ Damit ist nicht der Ruhrschnellweg zum Still-Leben gemeint, sondern es ist ein Hinweis auf die „Autobahnkirche RUHR“ (Epiphanias-Kirche) direkt an der Anschlussstelle 33.

Autobahn A40 in Höhe der Anschlussstelle 33 Bochum-Hamme

Wie man anhand der Fotos erkennen kann, kam der Ruhrschnellweg an diesem Tag nämlich überhaupt nicht zur Ruhe, eher das Gegenteil war der Fall. Um die Mittagszeit wurden sogar teilweise die Anschlussstellen gesperrt, da der Ansturm so groß war, dass man sich entschlossen hatte, die Besucher lieber an den Anschlussstellen warten zu lassen statt zu riskieren, dass sich im Notfall die Rettungskräfte keinen Weg mehr durch die Menschenmassen bahnen könnten.

Autobahn A40 in Höhe der Anschlußstelle 33 Bochum-Hamme

Klaus Dauven hat in der vorherigen Nacht mit Hilfe von Hochdruckreinigern kleine und größere Kreisformen auf die südliche Wand der Autobahnunterführung unter der Dorstener Straße "gezeichnet", in denen der Künstler auch eine abstraktes Abbild des Ballungsraums des Ruhrgebiets mit seinen teils ineinander übergehenden Städten und Kreisen entlang der Autobahn A40 sieht.

„abgefahren“: „Schnellweg“ von Klaus Dauven


Essener Innenstadt

Das markante Werbemotiv für das Still-Leben Ruhrschnellweg war der bevölkerte Ruhrschnellweg vor der Essener Skyline. Verständlicherweise hatte man aber am Verwaltungsgebäude der Evonik Industries AG keinen überdimensionalen Hinweis auf das Event angebracht.

Autobahn A40 in Höhe der Anschlussstelle 24 Essen-Huttrop vor der Essener Skyline vor Beginn des Events

„Ich bin mitten drin“ Wenn das da steht, dann wird es wohl so sein. Ich muss gestehen, ich habe diesen Schriftzug über der Tunneleinfahrt Richtung Westen das erste Mal bemerkt. Da sieht man mal, wofür so ein Still-Leben gut ist.

Autobahn A40 am Ostportal des Ruhrschnellweg-Tunnels

Der Ruhrschnellweg-Tunnel war selbstverständlich ebenfalls für die Besucher freigegeben, auf die Aufstellung von Biertischgarnituren auf der „Tischspur“ hatte man allerdings verzichtet.

Ruhrschnellweg-Tunnel

Auch in Essen waren sowohl auf der „Tischspur“ als auch auf der „Mobilitätsspur“ teilweise so viele Leute unterwegs, dass es am autofreien Sonntag auf dem Ruhrschnellweg zu Stauungen kam.

Autobahn A40 in Höhe der Anschlussstelle 23 Essen-Zentrum

Auf der „Mobilitätsspur“ konnten die Besucher wegen des großen Ansturms ihre Fahrräder teilweise nur noch schieben. Wer hätte das gedacht: Die Erwartungen der Veranstalter wurden mit über drei Millionen Besuchern weit übertroffen. Damit dürfte das Still-Leben Ruhrschnellweg auf alle Fälle das größte Event der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 gewesen sein.

„Mobilitätsspur“ in Höhe der Anschlussstelle 23 Essen-Zentrum

Was mir ein klein wenig fehlte waren die besonderen Highlights auf der Strecke. Leider war es an diesem Tag auch nicht möglich, in Erfahrung zu bringen, wo sich denn die Tische bestimmter Gruppen befinden, die ihre Teilnahme am Still-Leben Ruhrschnellweg vorab angekündigt hatten. Es war eben ein „Fest der Alltagskulturen“. Das Besondere an diesem Event war, dass es auf der Autobahn stattfand, und viele Besucher wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einfach einmal auf der Autobahn spazieren zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren.

Das Weigle-Haus in der Hohenburgstraße

„Wo das geht, geht alles.“ (Slogan RUHR.2010) Und wenn nichts mehr geht, hilft vielleicht ein kleines Nickerchen …

Autobahn A40 in Höhe der Anschlussstelle 23 Essen-Zentrum (Ost) nach Beendigung des Events


Logistik

Das Technische Hilfswerk (THW) sorgte mit seinen Einsatzfahrzeugen für die Absperrung der gesamten Strecke. Und nicht nur das: Insgesamt etwa 3.000 ehrenamtliche Helfer des THW sorgten daneben für den Auf- und Abbau der Biertischgarnituren. Da die Aktion als Großübung durchgeführt wurde, konnten nach Berechnungen des Bundesministeriums des Inneren erhebliche Kosten in Höhe von 0,5 Mio. Euro eingespart werden.

Sperrung der Autobahn A40 an der Anschlussstelle 24 Essen-Huttrop

Wer nicht mit seinem eigenen Fahrrad auf der „Mobilitätsspur“ unterwegs sein konnte/wollte, konnte sich an diversen Stellen mit Fahrrad-Rikschas kutschieren lassen.

Fahrrad-Rikschas auf der „Mobilitätsspur“

Die Grundversorgung an der Strecke wurde von der EDEKA Rhein-Ruhr mit ihren Kaufleuten sichergestellt. Scheinbar hat der Veranstalter hier Preisvorgaben gemacht, anders kann ich mir die zivilen Preise für gekühlte Getränke, frisches Obst und Snacks nämlich nicht erklären.

Verkaufsstand für die Grundversorgung auf der Strecke

Gleich nebenan konnte man sich mit den mindestens genauso beliebten Souvenirs zum Event eindecken.

Souvenirs wurden mit einem Lächeln an den Mann/die Frau gebracht

Um 17 Uhr wurde das Event für die Besucher beendet, Ordner hindert an den Anschlussstellen konsequent die Nachzügler am Betreten des Ruhrschnellwegs, die sich die abenteuerlichsten Ausreden ausgedacht hatten, um doch noch auf die Autobahn zu gelangen. Daher konnte zügig mit den Aufräumarbeiten begonnen werden.

Biertischgarnituren stapeln im Akkord

Auch die teilweise sogar aus dem benachbarten Ausland herbeigeschafften mobilen Toiletten wurden auf LKWs gewuchtet und abtransportiert. Schließlich mussten alle Spuren des Still-Lebens Ruhrschnellweg bis um 5 Uhr am Montag beseitigt sein, denn zu der Zeit wurde die Autobahn wieder für den Verkehr freigegeben.

Entsorgung auf der Strecke


After-Still-Leben Party

Im Anschluss an das Still-Leben Ruhrschnellweg boten sich noch diverse Events zum Ausklang des Abends an, u.a. gab es noch diverse Auftritte bei „Bochum Total“ und eine After-Still-Leben Party auf dem „Flying Grass Carpet“ auf dem Essener Willy-Brandt-Platz.

Die niederländische Musikerin Charlie Dee auf dem „Flying Grass Carpet“

An diesem Tag traten die niederländischen Musikerin Charlie Dee und Singer-Songwriter Yochen Leuf mit seinem Projekt „The Beat Coorperation“ auf. Und auch jazzwerkruhr war mit „Kapelsky“ und „Psychedelic Acid Jam meets Staubsauger“ vertreten.

Nach dem Still-Leben Ruhrschnellweg hatten sich noch viele Besucher auf dem „Flying Grass Carpet“ eingefunden