Mittwoch, 2. Juni 2010

EMSCHERKUNST.2010

Eine Insel für die Kunst

Am 29. Mai 2010 wurde das größte Kunstprojekt der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, die EMSCHERKUNST.2010 auf der 34 Kilometer langen Emscher-Insel zwischen Oberhausen im Westen und Castrop-Rauxel im Osten eröffnet, und nun besteht 100 Tage, also bis zum 5. September 2010 die Gelegenheit, insgesamt acht Ausstellungsräume auf der vom Rhein-Herne-Kanal und der Emscher eingefassten, zwischen 30 Meter und 2 Kilometer breiten Insel zu erkunden.

Brücke über den Rhein-Herne-Kanal im Gelsenkirchener Nordsternpark

Nun möchte ich gleich zu Beginn eine kleine Warnung aussprechen: Es sind längst noch nicht alle Kunstwerke komplett realisiert, und u.U. steht man plötzlich vor einem Bauzaun und fragt sich, warum hat einem das vorher niemand gesagt. Mir – und nicht nur mir – ist dies in Oberhausen bei dem Projekt „Slinky springs to fame“ von Tobias Rehberger so ergangen, deren Fertigstellung sich noch einige Monate hinziehen wird.

Ich habe mir bisher nur eine kleine Auswahl der insgesamt 20 Kunstwerke angeschaut, und zwar im Ausstellungsraum 6 (Essen/Gelsenkirchen, Schwarzbachmündung bis ehem. Hafen Mathias Stinnes) und 7 (Bottrop, BernePark). Die gesamte Insel-Tour ist eine 44 Kilometer lange, durchgehende Fuß- und Radwegeverbindung, weshalb an vielen Revierrad-Stationen entlang der Emscher die Möglichkeit besteht, Fahrräder auszuleihen und an einer anderen Stelle zurückzugeben.

Das Besucherzentrum auf dem Dach des Blauen Pumpwerks Horst im Gelsenkirchener Nordsternpark ist sicherlich ein zentraler Anlaufpunkt, an dem man beispielsweise auch Informationen über die Fertigstellung der einzelnen Kunstobjekte bekommt.

Blaues Pumpwerk Horst im Nordsternpark

Ein Graffiti an der Hall of Fame im Nordsternpark am Rhein-Herne-Kanal passt besonders gut zum Motto "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010:

Die ehemalige Hafenmauer im Nordsternpark Gelsenkirchen

Ebenfalls im Nordsternpark vor dem Amphitheater – und nicht, wie ursprünglich angekündigt, irgendwo auf der Emscherinsel – findet man auch die mobile Behausung „Walking House“ der dänischen Künstlergruppe N55 (Ion Sørvin, Anne Romme und Sam Kronick). Das „Walking House“ kann sich ohne Stromquelle mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 m/h innerhalb des Nordsternparks bewegen. Die Stromversorgung wird über Solarmodule auf dem Dach gewährleistet.

„Walking House“ von der Künstlergruppe N55

Momentan wird das „Walking House“ von einer Künstlerin aus Pittsburgh (eine Stadt im Südwesten des US-Bundesstaates Pennsylvania, die von der Stahlindustrie geprägt war) bewohnt, wobei es aber bis zu 4 Bewohnern Platz bietet. Das dürfte zwar eng werden, aber wie heisst es so schön: „Platz ist in der kleinsten Hütte“.

Blick in das Innere des „Walking House“


Ausstellungsraum Essen/Gelsenkirchen, Schwarzbachmündung bis ehem. Hafen Mathias Stinnes

Weitaus großzügiger geht es da in der „schlafenden“ Brücke „Warten auf den Fluss“ zu, die von der Künstlergruppe Observatorium (Geert van de Camp, Andre Dekker und Ruud Reutelingsperger) aus Rotterdam realisiert wurde. Hintergrund ist die Renaturierung der Emscher. Die 38 Meter lange, überdachte Brücke, die in einer Wiese inmitten der Industrienatur errichtet wurde, wartet darauf, dass die versprochene Blaue Emscher unter ihr hindurch gegraben wird.

„Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Gruppe Observatorium

Die Skulptur „Warten auf den Fluss“ kann von Gruppen bis zu 8 Personen angemietet werden, die dort auch die Möglichkeit haben, zu übernachten. Jedoch können sie dabei zeitweise vom Publikum beobachtet werden.

„Warten auf den Fluss“ von der niederländischen Gruppe Observatorium

Der ehemalige Kohlebunker der Essener Schurenbachhalde inspirierte Ayşe Erkmen zu ihrem Projektvorschlag „Turm 79“, bei dem das obere, vergoldete Abschlussgeländer des Behälters wie eine Krone erscheinen soll. Gold besitzt im Periodensystem der Elemente die Ordnungszahl 79.

„Turm 79“ von Ayşe Erkmen

Gleichzeitig spielt sie damit auf die Bedeutung der Steinkohle als das „schwarze Gold“ für das Ruhrgebiet an. Für mein Empfinden ist es aber bei starker Sonneneinstrahlung aus der Entfernung schwer zu sehen, ob das Abschlussgeländer nun vergoldet oder „nur“ verchromt ist.

„Turm 79“ von Ayşe Erkmen, Abschlussgeländer

Die tiefstehende Abendsonne lässt aber keinen Zweifel an der goldenen Krone des ehemaligen Kohlebunkers aufkommen.

„Turm 79“ von Ayşe Erkmen, Abschlussgeländer

Wie eine Landmarke wirkt der von Rita McBride realisierte „Carbon Obelisk“, der auf der Emscher-Insel in Höhe der Schurenbachhalde zu finden ist.

„Carbon Obelisk“ von Rita McBride

Rita McBride stellt ihr Kunstwerk aus Carbon, also Kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK), damit der stählernen „Bramme für das Ruhrgebiet“ des amerikanischen Künstlers Richard Serra gegenüber.

Richard Serras Landmarke „Bramme für das Ruhrgebiet“ auf der Schurenbachhalde

CFK ist bislang ein Werkstoff für Anwendungen in der Luft- und Raumfahrt. Beispielsweise beträgt der Anteil dieses Werkstoffs am Strukturgewicht des neue Airbus A380 mehr als 20 Prozent. CFK wird von Fachleuten schon heute als das neue schwarze Gold bezeichnet. Interessanter Aspekt: CFK ist unbrennbar.

Oberfläche des „Carbon Obelisk“ von Rita McBride

Dann wäre da noch die Skulptur „Schwelle“ von Raimund Kummer, von der es an anderer Stelle heisst: „Rita McBride platziert einen „Carbon Obelisk“ in der Nähe, so entsteht mit der dort bereits 1987 aufgestellten Skulptur „Schwelle“ von Raimund Kummer und der seit 1998 auf der Schurenbachhalde thronenden „Bramme“ von Richard Serra ein kleiner Parforceritt durch die Skulpturgeschichte der vergangenen 25 Jahre.“ Ich habe lange nach dieser „Schwelle“ gesucht, vor Ort, und auch im Internet, wo jemand sogar die frisch verlegten Steine in der Nähe von Jeppe Heins „Connecting Views“ als „Schwellen“ von Raimund Kummer gedeutet hat. Was soll man davon halten? Auf einem Stein ist die Aufschrift „Metropolenregion Kulturhauptstadt 2010“ zu lesen. Sollte tatsächlich jemand 1987 bereits die Vorahnung gehabt haben, dass das Ruhrgebiet 2010 Kulturhauptstadt wird? Natürlich nicht. Aber für die Suche sind solche Hinweise eher hinderlich, und die gesuchte „Schwelle“ von Raimund Kummer befindet sich auch an einer ziemlich versteckten Stelle, weder vom „Carbon Obelisk“ noch von Jeppe Heins Fernrohr aus zu sehen. Den entscheidenden Hinweis auf den Standort bekam ich schließlich aus dem Projektbüro. Die Skulptur „Schwelle“ von Raimund Kummer befindet sich an folgender Position: 51°31’2,09” N, 7°52,27” E. Und man sieht es der Skulptur auch an, dass sie bereits seit langer Zeit dort steht. Das Fernrohr in Sichtweite des „Carbon Obelisk“ zeigt übrigens die „Schwelle“ gemeinsam mit der „Bramme“, aber das nur nebenbei.

„Schwelle“ von Raimund Kummer

Das Gemeinschaftsprojekt „Between the Waters – The Emscher Community Garden“ von Marjetica Potrč und Ooze Architects (Eva Pfannes und Sylvain Hartenberg) thematisiert Wasser in seinen unterschiedlichsten Zuständen als Schmutz- oder Abwasser, als gereinigtes Nutzwasser oder sogar als Trinkwasser.

„Between the Waters – The Emscher Community Garden“ von Marjetica Potrč und Ooze Architects, rechts die Emscher, links der Rhein-Herne-Kanal

Das Kunstprojekt arbeitet ausschließlich mit dem vor Ort vorhandenen Wasser aus der Emscher, dem Rhein-Herne-Kanal und mit gesammeltem Regenwasser. Eine Pflanzenkläranlage sorgt für die Reinigung des Abwassers.

Pflanzenkläranlage im Projekt „Between the Waters – The Emscher Community Garden“

Das gereinigte Wasser wird schließlich zur Bewässerung der Pfanzen in einem öffentlich zugänglichen Garten genutzt.

Öffentlicher Gemeinschaftsgarten im Projekt „Between the Waters – The Emscher Community Garden“


Ausstellungsraum Bottrop, BernePark

Die beiden kreisrunden Klärbecken im BernePark in Bottrop-Eibel werden vom niederländischen Gartenkünstler Piet Oudolf in Kooperation mit Eelco Hooftman vom schottischen Landschaftsarchitekturbüro GROSS.MAX gestaltet. Hier erfährt man an der Einfahrt zu der Baustelle, dass die Bauarbeiten im September 2010, also zum Ende der EMSCHERKUNST.2010 fertiggestellt werden sollen. Ein Klärbecken soll grundsätzlich als Wasserbecken erhalten bleiben, das zweite Klärbecken ist bereits mit Erde verfüllt worden und wird augenblicklich zu einer begehbaren Parkanlage umgestaltet.

Gartenkunst im BernePark von Piet Oudolf und GROSS.MAX

Auf dem Dach des ehemaligen Verwaltungs- und Steuerungs-Gebäudes der Kläranlage wird augenblicklich ein mausförmiger Schriftzug mit dem sprichwörtlichen Text „CATCH AS CATCH CAN“ angebracht, den der amerikanische Konzeptkünstler Lawrence Weiner entworfen hat. Der Text bedeutet im Deutschen soviel wie „Nimm´s, wie´s kommt!“, und so sollte man vielleicht auch die noch in der Entstehung befindlichen Kunstwerke nehmen, wie sie kommen.

„CATCH AS CATCH CAN“ von Lawrence Weiner

Was mir allerdings bei dem eingangs erwähnten Projekt „Slinky springs to fame“ von Tobias Rehberger in Oberhausen ein wenig schwer gefallen ist, denn dort habe ich vor Ort erfahren, dass voraussichtlich im Oktober 2010, möglicherweise aber auch erst 2011 mit der Fertigstellung der Fußgänger- und Fahrradbrücke über den Rhein-Herne-Kanal am Schloss Oberhausen zu rechnen ist. Vielleicht schafft es die Emschergenossenschaft ja, diese Information auch auf der Website der EMSCHERKUNST.2010 zu kommunizieren, bis zum 5. September 2010 ist ja noch ein wenig Zeit.

Der Stand der Dinge: „Slinky springs to fame“ von Tobias Rehberger

Der zweite Teil der Insel-Tour vom Wasserkreuz in Castrop-Rauxel bis zum Nordsternpark in Gelsenkirchen ist in einem weiteren Blogeintrag zu finden.

weiterlesen ‬»

Kommentare:

ruhrpott2010 hat gesagt…

Hey,

cooler Bericht. Sehr schön dokumentiert, bebildert, kann es mir jetzt viel besser vorstellen. Danke!

LG
RPB2010

Anonym hat gesagt…

zur Aktualisierung:
Das Kläranlagen-Projekt in Bottrop-Ebel war auch am letzten Wochenende (4./5. Sep. 2010) noch Baustelle ebenso wie die Fußgängerbrücke in Oberhausen.

Im übrigen finde ich die Beschilderung der Kunstwerke grundsätzlich unzureichend. Wer sich nicht ausdrücklich auf die Suche macht (natürlich mit Extrakarte, besser noch mit Kurzführer), wird nirgendwo darauf hingewiesen, dass ein paar Meter weiter was neues entsteht.

Detlef hat gesagt…

… und wer sich vorher informiert, hat vor Ort nicht das Nachsehen. Der komplette Umbau der ehemaligen Kläranlage Bernemündung ist nicht identisch mit den Kunstwerken der EMSCHERKUNST, und nicht nur auf der Website der EMSCHERKUNST ist zu lesen, dass die Fußgänger- und Fahrradbrücke „Slinky springs to fame“ von Tobias Rehberger noch nicht fertiggestellt ist.

Und natürlich wird man im Internet darüber informiert, wo etwas Neues entsteht.

Anonym hat gesagt…

Wir reden aneinander vorbei!
Das Kanalufer ist seit Jahren, um nicht zu sagen, seit Jahrzehnten ein beliebter Freizeitraum. Die Nutzer dieses Raumes sind nicht zwingend kunstinteressiert, würden aber z.T. Angebote wahrnehmen, wenn sie darauf hingewiesen würden. Hier wird Potenzial verschenkt.
Im übrigen finde ich es eine Zumutung, mich pausenlos darüber zu informieren, welchen Bauzustand bestimmte Objekte aktuell gerade haben. Die Kulturhauptstadt ist schließlich über Jahre hinweg vorbereitet worden.
Wenn ein Felsen am letzten Tag der Öffentlichkeit präsentiert wird, und das dazugehörige Klangobjekt nur noch im Herbst für ein paar Wochen erfahrbar ist, ist das schlichtweg unzulängliche Organisation vulgo: Schlamperei.
Ihr Engagement in allen Ehren, aber ich bin nicht bereit, meine Zeit im Netz zu vergeuden, den Projekten hinterher zu hecheln.

Detlef hat gesagt…

Da Sie auch die späteren Blogeinträge zur EMSCHERKUNST gelesen haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich die zurückhaltende Kommunikation von aktuellen Informationen durch die Verantwortlichen bei den Kulturhauptstadt-Projekten ebenfalls kritisch einschätze. Das Problem begegnet einem aber auf Schritt und Tritt, und mit der Zeit macht sich eben Resignation breit. Wenn in einem Blog Kritik geäußert wird, so wird sie zwar gelesen, aber bewirken kann man damit letzten Endes nichts.