Samstag, 22. Mai 2010

Global Rheingold

Choreografie für ein Schiff, zwei Autokräne und 80 Trapezkünstler

Duisburg präsentiert sich im Rahmen der Kulturhaupstadt Europas RUHR.2010 als „Hafen der Kulturhauptstadt“. Daher steht auch die 33. Ausgabe des Kulturfestivals „Duisburger Akzente“ (21. Mai bis 6. Juni 2010) unter diesem Motto, die zugleich Duisburgs Beitrag zu den „Local Heroes“-Wochen (23. bis 29. Mai 2010) von RUHR.2010 sind. Die „Duisburger Akzente“ rücken in diesem Jahr den traditionellen Hafenstadtteil Ruhrort in den Mittelpunkt, indem sie ihn in eine einzigartige Bühne für Theater, Musik, Film, Bildende Kunst und Literatur verwandeln. Darunter sind auch große, spektakuläre Aktionen wie die Performance „Global Rheingold“ der weltweit renommierten spanisch-katalanischen Avantgarde-Theatergruppe La Fura dels Baus, mit der die „Duisburger Akzente“ und die „Local Heroes“-Woche am 21. Mai eröffnet wurde.

Die Eröffnungsveranstaltung bildete den Auftakt für die neue Nutzung der Mercatorinsel als Park- und Kulturlandschaft. Erst kürzlich wurde ein Treppenabgang von der Friedrich-Ebert-Brücke auf die Insel fertiggestellt, der diese besser an den Hafenstadtteil Ruhrort anbindet.

Haniel-Treppe: „Brückenschlag“ von der Friedrich-Ebert-Brücke auf die Mercatorinsel

Die 1979 gegründete Theatergruppe La Fura dels Baus erregte bei der Realisierung von Großereignissen erstmals mit ihrer Produktion „Mediterrani, Mar Olímpic“ bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona großes Aufsehen. Die speziell für die Eröffnung der „Duisburger Akzente“ entwickelte Produktion „Global Rheingold“ bündelt die unterschiedlichen Erfahrungen von La Fura dels Baus und ist eine Hommage an Richard Wagner und den Kartografen Gerhard Mercator, der 1552 bis zu seinem Tod 1594 in Duisburg lebte und hier den Hauptteil seines Lebenswerkes schuf. Weiterhin fließen assoziative Bilder zur Industrialisierung ein. Bei ihren großangelegten Aufführungen bedient sich die Theatergruppe laut ihrer Website einer eigenen Theatersprache, der so genannten „Furan language“, also der Nutzung unkonventioneller Räumlichkeiten, Musik, Bewegung, der Anwendung industrieller und organischer Materialien, der Einbeziehung neuer Technologien und dem Zusammenspiel mit dem Publikum während der Aufführung.

Gewaltige Autokräne mit einer Auslegerlänge von 64 m bewegen die einzelnen „Requisiten“ durch die Luft

Nun bin ich kein großer Wagner-Fan, aber allein die Tatsache, ein solches Spektakel aufgrund von Sponsoring bei freiem Eintritt quasi vor der Haustüre erleben zu können, war für mich Anreiz genug, mich an diesem Abend auf den Weg zur Mercatorinsel zu begeben. Immerhin gab es zur Abwechselung herrliches Wetter, und Zehntausende von Besuchern sind nicht Woodstock-like im Schlamm der eilig plattplanierten Mercatorinsel versunken. Bis zur endgültigen Fertigstellung der Parklandschaft ist es aber noch eine ganze Menge Arbeit.

„Global Rheingold“ verbindet Elemente der Wagner-Tetralogie von La Fura dels Baus, die unter der musikalischen Leitung von Zubin Mehta im Palau de les Arts Reina Sofía von Valencia und im Teatro Comunale in Florenz aufgeführt wurde, mit der Uraufführung einer Komposition von Ali N. Askin. Aber auch Heinrich Heines Lied von der Loreley, die von Steve Pogson komponierte Persephone-Kantate über die Entstehung der Jahreszeiten und Karlheinz Stockhausen kommen zu Gehör.

Regisseur Carlus Padrissa bei der Probenarbeit

Die Performance begann, indem der mexikanische Schauspieler Carlos Paz als Alberich wie Ikarus über dem Publikum „einflog“ und ein Orchester dirigierte, das auf Industrieschrott eine Percussion-Performance ablieferte.

Alberich als Dirigent

Das Orchester

Zwischenzeitlich legte das Küstenmotorschiff NAUMON, das der Theatergruppe bereits als Basis für Performances im Mittelmeerraum und in Taiwan mit hunderttausenden Zuschauern diente, an der Mercatorinsel an, und war so zugleich Bühne und Ausgangspunkt der Inszenierung.

Küstenmotorschiff NAUMON

Eine 9 Meter große Marionette auf der NAUMON stellte sich selbst als Gerhard Krämer Mercator vor.

Marionette auf der NAUMON

Die zunächst auf der Mercatorinsel sitzende zweite Marionette ist nach einer stillgelegten Zeche Concordia benannt, und sie steht für das alte Ruhrgebiet, das seine Kraft verloren hat. Aus einem Dialog zwischen Mercator und Concordia, in dem Mercator versucht, Concordia Hoffnung zu machen und sie zum Aufbruch zu neuen Wegen zu animieren, entwickelten sich einzelne Sequenzen, die unter der Regie von Carlus Padrissa bildgewaltig in Szene gesetzt wurden. Vor Mercator lag als Bild für das Werk des Kartografen und Globenherstellers eine (Erd-)Kugel auf der NAUMON. Als sie von einem Kran in die Höhe gehoben wurde, quollen aus dem Inneren Menschen hervor. Die Italienerin Zamira Pasceri war nicht nur für die Choreografie, sondern auch auch für die Abendspielleitung zuständig.

Probenfoto: Die Erdkugel

Visualisierung zur Persephone-Kantate

Schließlich gelang es Mercator, Concordia Hoffnung zu machen, sie erhob sich, ging inmitten des Publikums umher, und schenkte einem Kind neues Leben. Der Blasensprung war tatsächlich überaus realistisch und mit 10 l Wasser auch ziemlich feucht dargestellt.

Probenfoto: Die Geburt

Die beeindruckensten Bilder entstanden schließlich beim Einsatz der Trapezkünstler. Die meisten der Darsteller waren – man höre und staune – Freiwillige, die einfach einmal Lust auf einen besonderen Kick hatten.

Trapezkünstler

Trapezkünstler

Zum großen Finale der gut siebzigminütigen Performance zu Wagners Musik aus „Rheingold“ wurde die gesamte Szenerie in ein großes Feuerwerk getaucht.



Feuerwerk

Die WAZ Mediengruppe meldet 80.000 Besucher und spricht von „Duisburg im Ausnahmezustand“. Genaue Zahlen wird aber wohl niemand nennen können.

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