Mittwoch, 20. Januar 2010

Ein Leben ohne Dich

„Ein Leben ohne Dich“ – Musik: Rory Six, Texte: Kai Hüsgen, zusätzliche Texte: Ellen de Clercq, basierend auf dem Roman „Als rozeblaadjes vallen“ von Brigitte Minne, Arrangements: Joachim Werner, Regie: Dirk Schattner, Kostüme: Richard Panzenböck, Maske: Urs Preinfalk, in den Rollen: Rory Six (Till), Carin Filipčić (Rose), Leigh Martha Klinger (Iris), Musiker: Joachim Werner (Klavier), Manfred Guggemos (Gitarre), Thomas Hauser (Bass), Workshop-Präsentation am 18. & 19.01.2010, Raimund Theater Wien



Ein Leben ohne Dich

Eine gewagte Auseinandersetzung mit einem sensiblen Thema

Brigitte Minne hat den Jugendroman „Als rozeblaadjes vallen“ geschrieben, der 1994 in Belgien erschienen ist. Rory Six (Musik) und Kai Hüsgen (Texte) bearbeiteten das Buch und schrieben ein Kammermusical für drei Personen, zu dem sie 2008 das Konzeptalbum „Wenn Rosenblätter fallen – Ein Musical über Sterbehilfe“ mit Pia Douwes, Lucy Scherer und Thomas Hohler veröffentlichten. In den letzten zwei Wochen haben Carin Filipčić, Leigh Martha Klinger, Rory Six und das Creative Team einen Workshop abgehalten und das Stück unter dem Titel „Ein Leben ohne Dich“ erarbeitet und weiterentwickelt. Am Montag, 18. Januar 2010 und Dienstag, 19. Januar 2010 fand nun im sehr überschaubaren Rahmen die Workshop-Präsentation auf der Bühne des Raimund Theaters Wien statt: 3 Musiker, 3 Darsteller und ein jeweils auf 99 Personen begrenztes Publikum.

Carin Filipčić (Rose), Rory Six (Till), Leigh Martha Klinger (Iris)

„Ein Leben ohne Dich“ ist eine ergreifende Geschichte über aufrechte Liebe und Sterbebegleitung. Der 19jährige Till (gespielt von Rory Six) lernt im Studium die gleichaltrige Iris (gespielt von Leigh Martha Klinger) kennen. Als sich beide näher kommen, stellt er immer mehr Ähnlichkeiten zwischen ihr und seiner an Krebs verstorbenen Mutter Rose (gespielt von Carin Filipčić) fest, wodurch sich Till immer mehr in seine Verzweiflung und Trauer zurückzieht. In seiner Erinnerung durchlebt er noch einmal die letzten Monate mit seiner Mutter, damit er endlich Abschied von ihr nehmen kann. Schließlich gelingt es Iris, dass Till sein Trauma überwindet und loslassen kann.

In einzelnen Episoden erfährt der Zuschauer von Till’s Jugend und seinem innigen Verhältnis zu seiner Mutter Rose. Rose ist in Till’s Gedanken immer noch lebendig, wie ein Geist taucht sie ständig in seiner Erinnerung auf, selbst in unpassenden Situationen wie einem Date mit Iris. Dadurch fällt es ihm sehr schwer, loszulassen, von seiner Mutter Abschied zu nehmen. Zuerst wird nur in Andeutungen klar, dass sich Rose aufgrund ihrer unheilbaren Krebserkrankung den Tod wünscht. Lediglich in einem Zeitungsartikel, den die Mutter ihrem Sohn gibt, wird Sterbehilfe konkret beim Namen genannt. An dieser Stelle hätte ich mir aufgrund des ursprünglichen Untertitels gewünscht, unterschiedliche Arten der Sterbehilfe wirklich zu thematisieren, und in einem Dialog oder Song die Tragweite einer solchen Entscheidung auszuloten. Auf der Bühne unterstützt Till schließlich seine Mutter, eine Überdosis Morphium zu sich zu nehmen, da sie es allein nicht mehr kann. In Deutschland würde die Handlung des Jungen als „Beihilfe zur Selbsttötung“ eingestuft, die bis auf Ausnahmen straffrei bleibt. Die dafür geeigneten Wirkstoffe dürfen aber für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb u. U. um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. In Österreich ist die Mitwirkung an der Tötung jedoch unter Strafe gestellt und wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Selbst Straftaten, die ein Österreicher an einem Österreicher im Ausland begeht, sind – unabhängig von den dort geltenden Strafgesetzen – nach österreichischem Recht zu beurteilen. Für mein Empfinden hätte an dieser Stelle noch deutlicher herausgestrichen werden können, dass die Mutter die Überdosis Morphium, die der Sohn ihr zubereitet hat, in vollem Bewusstsein nimmt, dass sie selbst entscheidet, ob sie ihrem Leben ein Ende macht oder nicht. Die Autoren möchten nach eigener Aussage weder befürworten noch verurteilen, sondern wollen das Publikum zur Diskussion anregen.

Rory Six (Fürst Braganza und Zweitbesetzung Rudolf in „Rudolf – Affaire Mayerling“), der sich neben seiner Tätigkeit als Sänger und Schauspieler auch der Komposition von Musicals widmet, überzeugt sowohl als gerade erwachsener Till als auch in den Rückblenden als Kind. Die schwierige Entscheidung, ob er seiner Mutter helfen soll, bringt er sehr glaubhaft und berührend auf die Bühne. Gerade hier wäre es aber trotzdem wünschenswert, diese Entscheidung und den Zwiespalt in einem Song zu thematisieren. Leigh Martha Klinger (Ensemble und Zweitbesetzung Mary Vetsera in „Rudolf – Affaire Mayerling“, Ensemble und Zweitbesetzung „Ich“ in „Rebecca“) kam die Aufgabe zu, mit ihrer Fröhlichkeit nicht nur Till, sondern auch das Publikum aufzuheitern, was ihr mühelos gelang. Carin Filipčić, vielen als schrille Mrs. van Hopper aus „Rebecca“ oder als Marie Gräfin Larisch aus „Rudolf – Affaire Mayerling“ bekannt, spielte die Rolle der Rose mit allen Facetten sehr überzeugend. Gemeinsam mit Rory Six hat sie das Publikum in den traurigen Szenen berührt und zum Weinen gebracht.

Das Ergebnis nach einem zweiwöchigen Workshop zeigt, dass auch die gewagte Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema in einem Musical möglich ist. Jedoch sollte dann auf dieses Thema in seiner Vielfältigkeit auch noch stärker fokussiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Stück einem größeren Publikum, aber weiterhin im kleinen Rahmen zugänglich gemacht wird, und sich das Publikum nicht durch den ursprünglichen Untertitel von einem Besuch abhalten lässt.

Carin Filipčić (Rose)

Rory Six (Till)

Leigh Martha Klinger (Iris)

Carin Filipčić (Rose), Rory Six (Till)

Rory Six (Till), Leigh Martha Klinger (Iris)

Leigh Martha Klinger (Iris), Carin Filipčić (Rose)

Carin Filipčić (Rose), Rory Six (Till)

Leigh Martha Klinger (Iris), Rory Six (Till)

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